Gerüchte beim Amok-Alarm

Die Macht der Lügen in den sozialen Netzwerken

Auch direkt am Berufskolleg richtet sich der Blick aufs Smartphone.

Auch direkt am Berufskolleg richtet sich der Blick aufs Smartphone.

Foto: Martina Dinslage

Hagen.   Beim Amok-Alarm in Menden wurden Panik-Meldungen in sozialen Medien eher geglaubt als Polizei-Informationen. Wie erkenne ich Fake News in Netz?

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Auch am Tag danach ist Polizeihauptkommissar Dietmar Boronowski noch fassungslos: Aufgelöste Mütter verbreiten die Gerüchte über vier Tote im Mendener Berufskolleg weiter, obwohl er ihnen gegenübersteht und im Namen der Polizei erklärt, dass es sich dabei um eine Falschmeldung handelt. Fake News. „Dass man der Polizei nicht glaubt, weil etwas anderes auf Facebook steht, lässt einen schon zweifeln: Werden langsam alle bekloppt? Aber wenn der US-Präsident sich nicht um Fakten kümmert, während er von Vorfällen in Schweden fabuliert, müssen wir uns nicht wundern.“

Die Motive

Die Polizeiarbeit werde durch Falschmeldungen nicht leichter, doch schlimmer sei das „Spiel mit der Angst“ für Betroffene, meint der Sprecher der Polizei im Märkischen Kreis, der am Mittwoch in Menden unbelehrbaren Katastrophengläubigen eine Standpauke hielt. Was Menschen dazu bringt, Panik zu verbreiten, kann Boronowski nicht sagen: „Will sich ein Vollpfosten wichtig machen, ist ihm langweilig oder handelt es sich um einen Sadisten?“

Das Strafrecht

Eltern verbreiten Fake-News von Amok-Toten am Berufskolleg

Polizeisprecher Dietmar Boronowski stellt eine Urheberin von Fake-News zum Amok-Alarm zur Rede – und bekommt dafür viel Lob von den Umstehenden.
Eltern verbreiten Fake-News von Amok-Toten am Berufskolleg

Strafrechtlich ist den Gerüchtestreuern schwer beizukommen. „Es reicht nicht, wenn etwas pietätlos oder störend ist“, sagt Cornelia Weigandt von der Pressestelle der Dortmunder Polizei, die den Mendener Amokalarm bearbeitet. Und wenn jemand vor Angst einen Schwächeanfall erleidet? „Die Folge aus einem falschen Post ist schwer herzuleiten“, sagt die Polizistin. Derzeit gebe es jedenfalls keine Ermittlungen gegen Fake-News-Verbreiter.

Silvester in Dortmund

Weigandt hat Erfahrungen mit Fake News gemacht, als das US-Portal Breitbart.com berichtete, ein Mob von 1000 jungen Männern habe in der Silvesternacht die Reinoldi-Kirche angesteckt und „Allahu Akbar“ gerufen. In Wahrheit hatte nur eine Rakete eine Gerüstplane entzündet, die schnell gelöscht war. „Ich war Silvester im Einsatz“ sagt die Dortmunder Polizistin. „Und als ich über unsere Meldung die Überschrift machte ,Amtliche Meldung der Polizei’, ist mir das schon schwergefallen.“

Flüchtlings-Gerüchte

Breitbart.com kommt aus der rechten Ecke. Aus der stammen auch viele Gerüchte, die über Flüchtlinge verbreitet werden.

In einer Flüchtlingsunterkunft in Hagen sollen Flüchtlinge eine fast neue Edelstahlküche rausgeschmissen haben, weil darin Schweinefleisch gekocht worden sei. Die Wahrheit: Nichts dran. In Notunterkünften wird nicht gekocht, das Essen liefert ein Caterer.

In einem Flüchtlingsheim in Rüthen sollen zwei Kinder geschwängert worden sein. In einer Unterkunft Wickede sollen 14-jährige Mädchen missbraucht worden sein. Die Wahrheit: Die Soester Polizei hat davon gehört, doch es ist an beidem nichts dran.

In Schalksmühle sollen Flüchtlinge am Rewe-Markt Bürger angegriffen haben. Die Wahrheit: Die Polizei überprüfte einen Verdächtigen und eine Flüchtlingsinitiative war mit ihrer Deutschlehrerin einkaufen. Zwischen beiden Vorgängen gab es keinen Zusammenhang.

In Bad Laasphe sollen arabische Männer in einer Metzgerei randaliert haben. In Freudenberg soll es eine Massenschlägerei unter Flüchtlingen gegeben haben. Die Wahrheit: Beides erfunden, sagt die Siegener Polizei.

In Hagen sollen in der Silvesternacht große Gruppen von Afrikanern aufgetaucht sein. Die Wahrheit: Die Polizei dementiert.

Fakes erkennen

Solche und viele andere Fälle listet die Seite Hoaxmap.org auf. Dahinter steht der gemeinnützige Verein Mimikam. Vereins-Sprecher Andre Wolf gibt Tipps zum Erkennen von Fake News: „Überspitzte Darstellungen und das Fehlen belastbarer Quellen können Anzeichen sein.“ Wenn sich auf der Ursprungsseite kein Impressum finde, solle man aufmerksam werden. Grundsätzlich gelte: „Erst prüfen, dann teilen.“ Bei Fotos könne eine Google-Bildersuche helfen: „Wenn das angeblich aktuelle Bild schon vor fünf Jahren aufgetaucht ist, kann etwas nicht stimmen.“ Das Problem, so Wolf: „Vielen jungen Nutzern fehlt ein Grund-Misstrauen.“

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