Kommentar

Der Corona-Gipfel verwirrt: Jetzt kommt es auf uns an

Chefredakteur Jost Lübben.

Chefredakteur Jost Lübben.

Foto: Michael Kleinrensing / WP Michael Kleinrensing

Wenn es die Politik nicht schafft, einen klaren Kurs vorzugeben, dann liegt es jetzt an der Vernunft der Menschen, kommentiert Jost Lübben.

Hinterher ist man in der Regel klüger. Das gilt allerdings nicht, wenn die Länderchefs und die Kanzlerin zusammenkommen, um klare Regel zur Eindämmung der Corona-Pandemie zu beschließen. Dann wird die Verwirrung größer. Der Zusammenhalt in der Gesellschaft droht zu bröckeln, wenn die Menschen den Sinn politischer Entscheidungen nicht mehr verstehen können. An dieser Stelle sind wir angekommen. Nun hilft vor allem eines: selber Verantwortung übernehmen, auf sich und die Nächsten aufpassen.

Seit Monaten befindet sich unser Land – wie andere auch – in einer Ausnahmesituation. Und die Tatsache, dass wir vergleichsweise glimpflich durch diese Krise gekommen sind, hat vor allem mit zwei Dingen zu tun: Die politischen Entscheidungsträger – allen voran die Bundeskanzlerin – haben über eine längere Phase klare Entscheidungen getroffen und sie gut und nachvollziehbar begründet. Deshalb hat sich eine große Mehrheit in der Bevölkerung daran gehalten. Das galt, obwohl viele Menschen nicht an Corona erkrankt waren und auch in ihrer Familie oder ihrem Freundeskreis wenig oder gar keine Berührung mit der diffusen Bedrohung hatten.

Das Zusammenspiel von medizinischen Ratschlägen und daraus abgeleiteten Einschränkungen für unser alltägliches Leben ist jedoch in den vergangenen Wochen immer unstimmiger geworden. Die lange Nacht in Berlin hat es nicht besser gemacht. Das Beherbergungsverbot kann als gutes Beispiel gelten. Warum soll es ein großes Problem sein, wenn eine Familie mit dem eigenen Pkw auf einen abgelegenen Bauernhof an die Nordseeküste fährt? Was heute noch in Ordnung ist, kann morgen verboten sein, weil der Grenzwert gering gestiegen ist.

Ist eigentlich eine Sperrstunde für Kneipen und Bars eine sinnvolle Maßnahme?

Was sind eigentlich die „nicht erforderlichen innerdeutschen Reisen”, auf die urlaubsreife Menschen nun verzichten sollen? Es wundert niemanden, dass nun immer mehr Gerichte in verschiedenen Bundesländern diese Regelung kippen. Ist eigentlich eine kürzere oder längere Sperrstunde für Kneipen und Bars eine sinnvolle Maßnahme gegen die Ansteckungsgefahr? Oder kommt es nicht viel mehr darauf an, dass die Menschen Abstand halten und dies besonders dann bedenken, wenn sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause fahren? Und: Unter welchen Umständen darf man überhaupt mit wie viel anderen Menschen zusammenkommen? Die Verwirrung könnte kaum größer ein.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass im Herbst und im Winter die Gefahr grundsätzlich wächst. Vielleicht wird sie sogar größer als in den Anfangsmonaten März und April, die schon so lange her zu sein scheinen. Corona zerrt an unseren Nerven, fordert und überfordert manchmal auch. Viele stöhnen unter dem monatelangen Ausnahmezustand, die mentalen Probleme nehmen zu. Einen Königsweg aus der Krise gibt es jedoch nicht. Aber ganz bestimmt hilft die Erkenntnis, nicht auf den Staat zu vertrauen, sondern auf den gesunden Menschenverstand und viele kleine Dinge zu beherzigen. Das können wir zum Beispiel von den Italienern lernen, die zu Beginn der Pandemie so schwer gelitten haben, dass sie nun aus Überzeugung auf einander Acht geben. Eine strittige Diskussion um den Sinn der Maskenpflicht erlebt man dort praktisch nicht. Corona hat in zu vielen Familien Opfer gefordert.

In anderen Ländern im europäischen Ausland beobachten wir zum Teil drakonische Maßnahmen. Wir sollten sie uns wenn irgend möglich ersparen. Jede und jeder kann dazu beitragen.

Mehr Artikel
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben