CDU-Vorsitz

Neue CDU-Chefin: Ein Votum für die Vernunft

Foto: Thomas Lohnes / Getty Images

Im Wettstreit zwischen zwei Polen hat sich die CDU für die Vernunft entschieden. Man könnte auch sagen: für die Langeweile. Ein Kommentar.

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Im Wettstreit zwischen zwei Polen hat sich die CDU für die Vernunft entschieden. Man könnte auch sagen: für die Langeweile. Am Ende stand der unterlegene Friedrich Merz für die Mehrheit der Delegierten doch zu sehr für Risiko und Provokation, vermutlich auch für Konflikte mit der Bundeskanzlerin. Das kann Angela Merkel nun erst einmal bleiben. Kein Wunder, dass ihr unmittelbar nach der Wahl die Erleichterung ins Gesicht geschrieben stand. Die von „AKK“ zu erwartende „kontrollierte Offensive“ wird sicher nicht zu fundamentalem Ärger mit ihr führen. Genau hier liegt aber auch eine schwere Hypothek.

Ein neues Profil

Die neue CDU-Vorsitzende steht vor der Aufgabe, sich selbst und die Partei mit einem neuen Profil zu versehen. Denn niemand möchte „Merkel light“. Ihre persönliche Entwicklung in den vergangenen Wochen war möglich durch die Reibung mit Jens Spahn und insbesondere mit Friedrich Merz. Während Spahn weiß, dass ihm die Zukunft gehört, muss Friedrich Merz spüren, wie sehr die Partei sein Engagement wegen seiner intellektuellen Schärfe und Unabhängigkeit braucht. Fast die Hälfte der Delegierten haben für den Sauerländer gestimmt. Diese Menschen zu versöhnen und einzubinden ist eine Aufgabe, die Kramp-Karrenbauer und Merz gemeinsam lösen können.

Es gibt auch eine grundsätzliche und motivierende Erkenntnis aus den vergangenen Wochen. Es belebt die Demokratie, wenn eine Partei die Entscheidung darüber, wer an ihrer Spitze stehen soll, transparent macht. Es macht Spaß, wenn mehrere Kandidaten miteinander öffentlich streiten und um Zustimmung werben. Die CDU hat sich darum verdient gemacht. Der – weitgehend – würdevolle Umgang mit Angela Merkel gepaart mit dem mutigen Aufbruch in die Zukunft ließen die Umfragewerte steigen.

An sich selbst berauscht

Zuviel Taktieren allerdings schadet nur. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat niemandem – und schon gar nicht Friedrich Merz – mit dem Versuch geholfen, alte Rechnungen zu begleichen. Es war das legitime Recht des Grandseigneurs, seinen Freund offensiv zu unterstützen. Es war nicht klug, im selben Atemzug kühl mit Angela Merkel abzurechnen. Für guten Stil haben die Menschen ein feines Gespür.

In Hamburg hat sich die CDU an sich selbst berauscht. Ihre Aufgabe wird es nun sein, die von allen betonte Einheit in das kommende Jahr zu tragen. 2019 stehen in Thüringen, Sachsen, Brandenburg und Bremen Landtagswahlen an, am 26. Mai wird in Deutschland über die Zukunft Europas abgestimmt. Die neue Vorsitzende muss nun das Kunststück vollbringen, die Christdemokraten klar gegenüber SPD, Grünen, FDP und besonders der AfD zu positionieren und gleichzeitig Wählerinnen und Wähler von den Rändern in die Mitte zu ziehen.

Ein Zeichen von Modernität

Wenn das gelingen und die Aufbruchstimmung bei den Christdemokraten anhalten soll, dann muss sich das Personalkarussell drehen. Das betrifft die Zusammensetzung in der Parteispitze, aber auch das Kabinett. Annegret Kramp-Karrenbauer wird in der Arbeit mit der Kanzlerin das Parteitags-Motto wörtlich nehmen: „Zusammenführen und zusammen führen.“ Es ist kein Zufall, dass Angela Merkel sich diesen Slogan für ihren Abschied nach 18 Jahren an der CDU-Spitze überlegt hat. Schließlich: Zwei Frauen stehen im Zentrum der Macht. Das ist ein Zeichen von Modernität.

Opposition sieht in Kramp-Karrenbauer Kontinuität
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