Grünen-Parteitag

Für die Grünen ist der Weg zur Macht nicht ohne Risiko

Peter Toussaint kommentiert.

Peter Toussaint kommentiert.

Foto: NRZ

Die Grünen haben auf ihrem digitalen Parteitag den klaren Willen demonstriert, auch im Bund wieder Regierungsverantwortung zu übernehmen.

In dem Viertel, in dem ich lebe, haben die Grünen bei der letzten Kommunalwahl die meisten Stimmen bekommen. Etwas mehr als die CDU, viel mehr als die SPD. Großstädtisches, bürgerliches Milieu, lebendige Kultur- und Kneipenszene, die Mieten sind nicht billig, man verdient gut, lebt sorgenfrei, und das wichtigste Thema ist der neue Radweg durchs Viertel. Die Grünen sind eine bürgerliche Partei, haben kein Problem, sich an die andere bürgerliche Partei anzuschließen: die CDU.

Die Grünen wollen nun auch auf Bundesebene um die Mehrheit und um den Einzug ins Kanzleramt kämpfen. Das erscheint angesichts der aktuellen Meinungsumfragen etwas überheblich. Die Union steht bei 36, die Grünen bei 18, und für Grün-Rot-Rot sieht es auch nicht gerade rosig aus. Aber wer weiß denn heute schon, wie groß die Ernüchterung bei den Unions-Wählern ist, wenn ihnen im nächsten Jahr bewusst wird, dass Angela Merkel gar nicht mehr zur Wahl steht. Journalisten sollten sich mit Prognosen ohnehin zurückhalten. Als ich Ende der 80er Jahre bei der NRZ anfing, dozierte der damalige Chefredakteur in den Konferenzen lange und leidenschaftlich, dass es mit den Grünen sowieso alsbald vorbei sein würde. Er mochte den „Joschka“ nicht.

Die Grünen taugen heute nicht mehr als Bürgerschreck

Die Grünen von heute haben mit den Grünen von damals nicht mehr viel gemein. Sie wollen nicht länger nur Opposition sein. Im Porsche- und Mercedes-Land Baden-Württemberg regiert der grüne Auto-Ministerpräsident Winfried Kretschmann, und Annalena Baerbock und Robert Habeck taugen den Wahlkämpfern konkurrierender Parteien auch nicht gerade als Bürgerschreck.

Die Parteibasis macht den neuen Kurs offenbar mit. Allerdings ist das unverhohlene Rappeln am Tor des Kanzleramtes für die Grünen nicht ohne Risiko. Schon formieren sich örtliche Gruppen, denen die Klimapolitik der Grünen zu industriefreundlich ist. Baerbock und Habeck müssen aufpassen, dass sie beim Ruck in Richtung Union auf der anderen Seite nicht Platz für eine neue Ökopartei schaffen.

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