Kultiviert

Was nicht in den Sinfoniekonzert-Kritiken steht

Monika Willer

Monika Willer

Foto: Michael Kleinrensing

Nicht nur die Musiker machen Krach im Sinfoniekonzert. Ein Erfahrungsbericht aus der Stadthalle Hagen

Sinfoniekonzerte begeistern nicht nur das Publikum. Auch das Hauspersonal weiß sich dabei eine Bühne zu verschaffen. So ist die Stadthalle Hagen zum Beispiel das Mekka für all jene, die sich fragen, warum bei Ravel und Strawinsky nur die Musiker Krach machen dürfen. An dieser Stelle wollen wir daher einmal verraten, was nicht in den Konzert-Kritiken steht.

Klappern und Klirren

Strawinskys „Feuervogel“ hat leise Stellen. Die werden vom Stadthallen-Personal genutzt, um durch lautes Türenknallen das Dirigat an sich zu reißen. Die Philharmoniker sind zwar zahlende Kunden, aber da die Kommune festlegt, wie viel Miete die eine Stadttochter der anderen überweist, braucht man sie nicht bei Laune zu halten. Der Solohornist bläst gerade sein Solo, ein guter Zeitpunkt, um sich im Foyer anzuschreien. Nach der Pause muss abgeräumt werden. Klappern, Klirren und sonstige Küchengeräusche dringen durch die Aufzugstüren und konkurrieren mit Harfe und Fagott.

Knallende Saaltüren

Heute ist auch „Bolero“ dran. Das Stück startet leise mit der kleinen Trommel. Wir können das lauter, denkt sich die Vorderbühnen-Mannschaft. Jetzt tut sich was in Reihe 16. Ein Beschließer lässt mit sportlichem Elan die Saaltür hinter sich zufallen und schreitet festen Tritts zur gegenüberliegenden Tür, die hinter die Bühne führt. Die wäre zwar auch störungsfrei Backstage zu erreichen, aber das würde ja keiner mitkriegen. Vorne trommelt sich der Soloschlagzeuger die Seele aus dem Leib, hinten verschränkt der Beschließer die Arme, damit das Publikum nur ja nicht durch diesen Ausgang das Parkett verlässt, was es sowieso nicht tun will, weil es wirklich verzweifelt „Bolero“ hören möchte.

Nicht raus, sondern rein

Nur nicht so voreilig. Mit dem Auftritt des Beschließers kommt „Bolero“ noch lange nicht unfallfrei aus der Kurve. Vorne steigert sich die Musik auf ihren Höhepunkt zu. Hinten werden erneut die Türen aufgerissen. Die Sanitäter wollen rein, jetzt, fünf Minuten vor Schluss, mitten im Höhepunkt. In jedem Konzertsaal der Welt ist es die Aufgabe der Beschließer, dafür zu sorgen, dass niemand den Saal betritt, solange die Musik spielt. Wer Einlass sucht, muss sich gedulden, bis der jeweilige Satz zu Ende ist. Nur nicht in Hagen.

„Bolero“ ist vorbei. Das Publikum hat die Reihen verlassen. Gesegnete Ruhe. Allenthalben. Auch hinter der Küchenaufzugstür. Danke schön! Aber jetzt ist es nicht mehr nötig.

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