Kommentar

Wer gibt heute den Ausschlag bei der Wahl? Sie!

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WP-Politik-Chef Martin Korte.

WP-Politik-Chef Martin Korte.

Foto: Volker Hartmann / FFS

Nein, die Wahl ist nicht gelaufen. Und es mangelt auch nicht an Inhalten. Heute hat es jeder einzelnen in der Hand.

So gut haben wir Kanzlerkandidaten vor einer Wahl noch nie kennen gelernt. Oder? Jede Falte des Gesichts einhundertmal ausgeleuchtet. Jede nervöse Handbewegung immer wieder in Szene gesetzt. Jedes Zucken in Zeitlupe festgehalten. Jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Jedes Lachen abgespeichert, erst recht, wenn es nicht in die Situation passte. Drei Trielle, unzählige Einzelinterviews, Porträts, Fragerunden, Was-Nuns, Nachgehakts, Dauerbeobachtung.

Nie war mehr Personalisierung.

Und trotzdem: Die Behauptung, die Fokussierung auf Personen dränge die politischen Inhalte in den Hintergrund, ist eine Mär, die schon bei vergangenen Wahlkämpfen die Runde machte, aber nicht der Realität entspricht. Im Gegenteil. Nie stand den Bürgern ein größeres Informationspotenzial zur Verfügung, aus dem sie die Grundlagen für ihre Stimmabgabe ziehen konnten. Das Internet vergisst nichts. Übrigens: Sich als Partei zu einem Thema nicht deutlich zu äußern, zum Beispiel zum Klimaschutz, ist ja auch eine politische Aussage. Ob und wie die Wähler dieses Reservoir nutzen, müssen sie selbst entscheiden. Sie haben die Wahl.

Allerdings haben die Protagonisten viele unangenehme Inhalte vor dem Urnengang in Watte gepackt. Das betrifft nicht nur die Erderwärmung, sondern etwa auch die Folgen der Corona-Pandemie für den Steuerzahler. Der Winter dürfte hart werden. Und ehrlicher.

Zudem hat sich der Streit über fundamentale Unterschiede in die sogenannten sozialen Netzwerke verlagert, und das stimmt bedenklich. Denn dort droht sich die Spaltung der Gesellschaft zu manifestieren. Dort sammeln sich Menschen, die das System generell in Frage stellen. Sie einfach abzuschreiben wäre der falsche Weg. Allerdings wird es immer schwieriger, die Meinungsmenge in einer Partei zu versammeln. Dass der Wahlsieger am Sonntag möglicherweise aus einem Anteil von 25 Prozent der abgegebenen Stimmen den Regierungsauftrag ableitet, spricht Bände.

Merkwürdig zurückhaltend hat die AfD ihren Wahlkampf gestaltet: keine Skandale, kaum gezielte Provokationen. Wir erinnern uns: Vor vier Jahren war sie angetreten, die anderen Parteien zu „jagen“. Jetzt sind ihr die Themen ausgegangen – echte Alternativen hat sie nicht im Angebot. Es bleibt dabei: Solange die AfD Rassisten und Neonazis in ihren Reihen duldet, ja sogar fördert, ist sie für Demokraten nicht wählbar.

Zur Jagd auf Politiker scheinen indes einige Medien geblasen zu haben, auch das gilt es kritisch zu hinterfragen. Die Aufmerksamkeitsbranche im Netz und im Fernsehen will ihre Gesprächspartner nicht mehr einfach nur befragen, sondern verhören, grillen, bloßstellen. Das führt dazu, dass sogar angebliche Kinderreporter losgeschickt werden, nur um Kandidaten hinters Licht zu führen. Kein Wunder, dass ein solches Gebaren unter dem Strich zu einem wachsenden Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust führt.

Die Parteien selbst haben sich einen weitgehend fairen Wahlkampf geliefert, mit Schmutz wurde nur selten geworfen. Das ist eine gute Nachricht. Dass wir überhaupt wählen dürfen, sowieso. Dieses fundamentale Bürgerrecht wird in immer mehr Ländern mit Füßen getreten, zuletzt sogar in der großen Demokratie der Vereinigten Staaten.

Wählen lohnt sich. Vielleicht gibt ja genau Ihre Stimme an diesem Sonntag den Ausschlag.

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