Amoklauf

20 Jahre nach Columbine – So wirkt das Schul-Massaker nach

Schüler verlassen die Columbine High School in Littleton.

Schüler verlassen die Columbine High School in Littleton.

Foto: David Zalubowski / dpa

Washington  20 Jahre liegt das Columbine-Massaker zurück. Der Amoklauf an der Highschool wirkt in den USA bis heute nach. Was hat sich geändert?

„Ein Kind in meinem Alter sollte nicht auf so viele Beerdigungen gehen müssen.“ Der Satz steht auf einer Steintafel an der mit Zitaten von Schülern, Überlebenden, Eltern, Notärzten und Lehrern bestückten „Wand des Heilens“ in der Gedenkstätte für die Toten von Columbine.

Er hat nichts von seiner Gültigkeit verloren. 20 Jahre nach Eric Harris (18) und Dylan Klebold (17), die in der gleichnamigen High School in Littleton bei Denver zwölf Mitschüler und einen Lehrer erschossen und 24 weitere Mitschüler verletzten, bevor sie sich selbst richteten, ist die Tragödie im US-Bundesstaat Colorado präsenter denn je.

Polizei findet mutmaßliche Trittbrettfahrerin tot auf

Vor den von Freitag bis Sonntag geplanten Gedenkfeiern im Clement Park direkt hinter der Lehreinrichtung versetzte am Mittwoch eine vom FBI gesuchte 18-Jährige aus Florida Polizei und Schulbehörden in Alarmstimmung. Sol Pais gehörte offenbar zu den Hunderten Trittbrettfahrern, die wie besessen Jahr für Jahr Drohungen ausstoßen, es den Mördern von Columbine gleichzutun.

Weil die Lage als sehr ernst galt, waren am Mittwoch über zwei Dutzend Schulen im Bezirk komplett geschlossen worden, darunter auch Columbine. Im Laufe des Tages dann die Entwarnung: Pais wurde laut Polizei im Großraum Denver tot aufgefunden, offenbar ein Suizid.

Viele vergleichbare Attacken gehen auf Columbine zurück

Für die 1700 Schüler der Columbine High School ist der Ausnahmezustand längst Alltag. „Lockdown“, das heißt: Unterricht bei automatisch verriegelten Eingangstüren, erhöhter Polizeipräsenz und mehrfach im Jahr eingeübten Verhaltensweisen, die von Verbarrikadieren bis Selbstverteidigung reichen, gehört zu den Routinen, an die man sich nach den Worten von John McDonald notgedrungen gewöhnen musste.

Der Sicherheits-Chef im Schulbezirk muss täglich damit umgehen, was Peter Langman, Autor des Buches „Warum Kinder töten – in den Köpfen von Schul-Attentätern“, herausgefunden hat. Danach können mehr als 30 vergleichbare Attacken auf Columbine zurückverfolgt werden. Die Spur der Blaupause reicht bis zu ähnlichen Groß-Ereignissen wie Virginia Tech (2007 – 32 Tote), Newtown (2012 – 26 Tote) und

Auch die deutschen Schul-Massaker in Erfurt (2002 – 17 Tote) und Winnenden (2009 – 16 Tote) waren durch Columbine inspiriert.

Dass es dazu kam, liegt aus Sicht von Dave Cullen auch an der umfassenden Berichterstattung über die Mörder. Schulaufsätze, Gedichte, Tagebucheinträge und Einkaufslisten wurden im Nachgang veröffentlicht und gaben intimsten Einblick in die von Hass, Größenwahn, Selbstmitleid und Gewaltfantasien verseuchte Innenwelt der Todesschützen. Cullen war daran selbst beteiligt. Er schrieb vor zehn Jahren ein erschütterndes Standardwerk über die Tragödie („Columbine)“, an der er psychisch beinahe zerbrochen wäre.

Nur 13 Prozent finden, dass Schulen sicherer geworden sind

Heute sagt der Journalist, der sich in seinem neuen Werk über das

ausschließlich dem vehementen Kampf der überlebenden Schüler-Generation gegen die laxen US-Waffengesetze widmet: „Je weniger man den Namen des Täters erwähnt, desto besser.“

• Kommentar:

Ganz in seinem Sinne ist der Spruch eines Schülers an der „Wand des Heilens“ in Columbine, der den 20. April 1999 überlebt hat: „Die Menschen reden von Momenten, die ihr Leben bestimmen. Ich lasse nicht zu, dass mich das hier bestimmt.“

6 Fakten zum lockeren Waffenrecht in den USA

In der Bevölkerung wirkt die minutiös geplante Bluttat dagegen weiter massiv nach. Obwohl die Zahl der Schul-Massaker nach Untersuchungen des Kriminologen James Alan Fox seit Columbine landesweit zurückgegangen ist: von jährlich 19 Fällen mit durchschnittlich 22 Toten in den 90er Jahren auf sechs Ereignisse mit 14 Toten in den vergangenen acht Jahren. Und obwohl das Gros der 100.000 US-Schulen eine beispiellose „Aufrüstung“ (bewaffnetes Sicherheitspersonal, Metall-Detektoren, Kameras, Notfall-Pläne etc.) hinter sich hat.

Laut einer aktuellen Umfrage des Norc-Forschungszentrums finden nur 13 Prozent der US-Amerikaner, dass die Schulen seit Columbine sicherer geworden sind. 67 Prozent sind gegenteiliger Auffassung. Sie fordern striktere Waffengesetze. Was der Kongress in Washington unter dem Einfluss der Waffen-Lobby NRA weitgehend ignoriert. (Dirk Hautkapp)

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