Beamtendeutsch leicht gemacht

Bochum. Zugegeben: Ob ein Vater nun seiner "gesteigerten Erwerbsobliegenheit" nachkommt oder Unterhalt zahlt - an der Sache ändert das nichts, meint man. Professor Hans-Rüdiger Fluck sieht das anders: Der Sprachwissenschaftler der Bochumer Ruhr-

Und eine verständlichere Sprache sei dringend nötig, meint Fluck. Schließlich seien gute Texte wichtig für das Image einer Stadt. "Sie müssen verständlich und höflich sein und genug Service bieten, damit keine Fragen offen bleiben." Fachwörter vermeiden, Abkürzungen erklären, übersichtliche Sätze bauen, nicht auf weitere Formulare verweisen, sondern alle Infos mitliefern - aus dem Kauderwelsch lasse sich mit einfachen Tricks so einiges machen.

Und es funktioniert. Mutter und Kind etwa dürfte die Übersetzung der "Erwerbsobliegenheit" in Alltagssprache gefreut haben. "Die Väter zahlen schneller", weiß Fluck, denn: "Wer Formulare versteht und als freundlich empfindet, reagiert viel lieber darauf." Sonst schrecke das unverständliche Wirrwarr aus Wortungetümen und Schachtelsätzen eher ab. Man will es eigentlich nur wegwerfen.

Der frisch pensionierte Linguist will das ungeliebte Beamtendeutsch mit Idema in verständliches Deutsch umwandeln. Aus einer Versagung soll eine Ablehnung werden, aus beitragsfähigem Aufwand einfach die Beitragshöhe.

Beliebt scheint das Projekt indes nicht zu sein: 700 Kommunen und Kreise hatte Fluck angeschrieben, um für Idema zu werben - ganze 18 nehmen teil. Grund sei das Geld. Je nach Einwohnerzahl sind zwischen 1000 und 12 000 Euro für der Projekt fällig. Der Professor akzeptiert das Argument der Finanznot, argumentiert aber dagegen: "Je eindeutiger der Text ist, desto weniger Zeit geht für Nachfragen der Bürger verloren", ist sich der Forscher sicher.

Zum Vorgehen: Die Teilnehmer schicken fragwürdige Formulare nach Bochum, können sich online Alternativen zu Tabuwörtern suchen und aus den Erfahrungen der anderen lernen. "Wir haben schon 1000 Formulare bekommen", verdeutlicht Fluck den Verbesserungswillen der Beamten. Einige sind "in schön" an den Absender zurück gegangen, andere werden noch von Germanisten, Juristen und Beamten diskutiert. Denn Wort sei nicht gleich Wort: "Wenn Restmüllbehälter in der Satzung steht, kann man daraus nicht einfach Mülltonne machen."

Der Kreis Soest hat Idema mit Kusshand genommen. "Wir haben uns schon vorher mit der Sprache beschäftigt", erklärt Personalentwicklerin Ulrike Burkert. Die Beamten hatten in Schreibwerkstätten schon einige Wortungetümer getilgt. Idema fiel also auf bereiteten Boden. Für Burkert steht fest: "Die Bürger sollen gerne zu uns kommen und sich verstanden fühlen." Früher hätten einige Kollegen kaum Gedanken um die Verständlichkeit gemacht. Sie selbst wissen ja, was sich hinter Luftverlastung verbirgt. Den Impuls für eine verwaltungsinterne Sprachreform habe der Landrat gegeben, erinnert sich Burkert: "Ein Bürger hatte ihm ein Formular geschickt, und er hat uns angerufen und gefragt: Was muten wir unseren Bürgern denn da zu?!"

Versuche, das Verwaltungssprech zu glätten, habe es immer gegeben, gibt Fluck zu. Aber Beamtendeutsch habe eben eine lange Tradition, die schon aus der Kanzleisprache des Mittelalters stamme. Da kann es mit einer wirklichen Reform noch dauern.

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