Hilfe aus Südwestfalen

„Cathleen“ verwüstet das Münsterland

Land unter im Osnabrücker Stadtteil Hellern                                                                                 Foto: David Hecker/ddp

Land unter im Osnabrücker Stadtteil Hellern Foto: David Hecker/ddp

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Steinfurt/Borken/Herford.„Cathleen“ hat alles im Gepäck, womit ein Tief von umwerfender Bedeutung einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt: Massive Rekordregenfälle, unbändig starke Tornados und chaosstiftende Gewitter.

Gestern Morgen fällt „Cathleen“ um 0.30 Uhr ins nördliche Münsterland ein. In den Kreisen Steinfurt und Borken lösen nicht enden wollende Regenfälle Überflutungen aus. In nicht einmal 36 Stunden rauschen 187,5 Liter Wasser auf jeden Quadratmeter nieder. Keller stehen unter Wasser, Straßen sind überschwemmt, Wiesenmulden laufen voll, Kühe und Pferde drohen zu ertrinken. Sie werden auf Bohlen gestellt, um sie zu retten.

Vier Bahnstrecken sind gesperrt

Ein Regenrückhaltebecken in Rheine steht kurz vor dem Bersten. Vier Bahnstrecken werden wegen Überflutung gesperrt. Die Gleise zwischen Münster und Osnabrück sind nicht mehr befahrbar. Die Strecke Münster-Gronau ist ebenso überschwemmt wie die Verbindung Coesfeld-Gronau. Ein Böschungsrutsch nach dem anderen macht auch Landstraßen unpassierbar. Die Straßenmeisterei Lingen beziffert den Schaden schon jetzt auf „mehrere 100 000 Euro“.

Dazu rollt ein Tornado mit mächtigen Sturmwalzen über das Land. Deckt Dächer ab und entwurzelt meterdicke Bäume.

Die Stadt Ahaus kämpft gegen die Flut. Der Stadtkern steht 50 Zentimeter unter Wasser. 100 Feuerwehrmänner hat die Stadt selbst im Einsatz. Hilfe wird aber auch in Nordwalde, Emsdetten und Scheddebrock gebraucht. Die kommt von der Bezirksregierung Münster. Einsatzkräfte im Sauerland und aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf werden in Alarmbereitschaft versetzt. Feuerwehrbereitschaften aus Essen, Mühlheim und Oberhausen rücken zur Hilfe aus. Damit sind mehr als 400 Helfer vor Ort.

2000 witterungsbedingte Einsätze

„2000 witterungsbedingte Einsätze“, verzeichnen die Feuerwehren von Steinfurt und Borken bis zum Morgen. Sie haben Katastrophenalarm ausgelöst. „Dazu“, so Gerda Kaumanns, Leiterin des Steinfurter Ordnungsamtes, „ist uns auch noch eine Kläranlage ausgefallen.“

Die Anwohner dürfen keine Abwässer mehr produzieren. Für den morgendlichen Toilettengang stellt die Stadt mobile „Dixie-Klos“ auf. Ein Anlieger: „Die Lage ist trotzdem entspannt.“

Doch Cathleen kennt keine Grenzen. Auch in Stadthagen setzt sie den gesamten Stadtkern knietief unter Wasser. Dasselbe Bild: Die Keller voll. Die Pumpen der Feuerwehr sind unentwegt im Einsatz. Nachbarn helfen Nachbarn. Gartenteichpumpen werden umfunktioniert. „1600 Einsätze mit mehr als 400 Kräften“, notiert die Feuerwehr.

Im Landkreis Osnabrück sind über 30 Landstraßen wegen des Hochwassers unpassierbar. Der Pegelstand des Flusses Hase steigt auf 2,48 Meter. Der höchste Stand, der jemals an dem Flüsschen gemessen wurde. Der Unterricht an den allgemeinbildenden Schulen wird abgesagt.

Ein Haus droht abzurutschen

In Horstmar muss ein Haus gesichert werden, dass am Hang steht und abzurutschen droht. In Rheine bricht das Dach eines Gewerbebetriebes zusammen. Auch hier drohen mehrere Regenrückhaltebecken überzulaufen, Pumpwerke versagen ihren Dienst.

Auf der A2 kommt es wegen der überfluteten Fahrbahn zu einem Zusammenstoß zwischen zwei Pkw und einem Lkw. Drei Menschen werden schwer verletzt. 100 000 Euro Schaden. Die Autobahn ist zwei Stunden komplett gesperrt.

Im Kreis Herford wütet Cathleen bis 7 Uhr in der Frühe. Besonders in Mitleidenschaft gezogen sind die Städte Herford, Bünde und Löhne. In Bad Salzufflen (Kreis Lippe) hinterlässt der Tornado eine Schneise der Verwüstung. In den Ortsteilen Schötmar und Retzen beschädigt er innerhalb weniger Sekunden die Dächer von vier Häusern, entwurzelt mehrere Bäume oder knickt sie wie Streichhölzer ab. Zwanzig Keller laufen voll. 110 Feuerwehrmänner sind vor Ort.

Hilfe kommt aus dem Sauerland

Freitagmorgen schwächt sich der Regen langsam ab. Doch die Vechte in Metelen steigt weiter. Hier und bei den Aufräumarbeiten werden „frische Einsatzkräfte“ gebraucht. Bereitschaften aus dem Hochsauerlandkreis, aus Olpe, Siegen-Wittgenstein, Soest, Hamm und Unna fahren nach Steinfurt. „Sie lösen hier die Feuerwehrmänner ab, die die ganze Nacht durchgearbeitet haben“, erklärt Kirsten Weßling, Sprecherin des Kreises Steinfurt.

„Wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen“, ist dagegen aus den Einsatzzentralen im Sauerland und aus dem Kreis Soest zu hören. Vollgelaufene Keller oder Überschwemmungen waren hier - bis auf einen Böschungsrutsch an der L 740 in Winterberg - die Ausnahme: „Von katastrophen-ähnlichen Zuständen kann aber keine Rede sein“.

Wie es am Wochenende aussieht, weiß niemand so richtig. Nach den Angaben des Deutschen Wetterdienstes wird es „teils schauerartig regnen. Auch Gewitter mit Starkregen und schwere Sturmböen sind möglich. Die Luft wird sich auf 16 bis 11 Grad abkühlen.“

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