Pandemie

Corona: Reinfektion soll Risiko für Langzeitschäden erhöhen

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Isolationspflicht für Corona-Positive in vier Bundesländern aufgehoben

Isolationspflicht für Corona-Positive in vier Bundesländern aufgehoben

Übergangsphase von der Pandemie in Richtung Endemie: Diesen Grund nennen vier Bundesländer, die die Corona-Isolationspflicht für positiv getestete Menschen aufgehoben haben.

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Berlin.  Wer sich mehrfach mit Corona infiziert, hat ein erhöhtes Risiko für Folgeschäden. Zu dem Ergebnis kommt eine umstrittene US-Studie.

Seit dieser Woche sind es mehr als 36 Millionen: So viele Infektionen mit den unterschiedlichen Varianten des Corona-Virus sind in Deutschland bestätigt. Angesichts einer hohen Dunkelziffer dürfte die Zahl in Wirklichkeit deutlich höher liegen. Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts hatten bereits 95 Prozent der Menschen in Deutschland Kontakt mit dem Erreger, entweder durch Infektion oder Impfung.

Weil weder Infektion noch Impfung dauerhaft gegen weitere Ansteckungen schützt, wandert Sars-CoV-2 weiter durch die Bevölkerung. Wie viele Menschen sich bereits mehrfach infiziert haben, ist hierzulande unklar. Eine Auswertung aus England aber zeigte im Frühling, dass sich dort bereits hunderttausende Menschen zwei, einige Hundert sogar drei Mal mit dem Virus infiziert hatten, wie die Gesundheitsbehörde UK Health Security Agency berichtete.

Zur Frage, wie gefährlich wiederholte Covid-Infektionen sind, verweist Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) jetzt auf eine US-Studie, die in der Fachzeitschrift „Nature Medicine“ erschienen ist. „Leider zeigt sich: Mit jeder zusätzlichen Infektion steigt das Risiko von Langzeitschäden. Leider auch für Geimpfte“, schreibt der Minister am Donnerstagabend im Kurznachrichtendienst Twitter.

Reinfektion: Fast 41.000 Personen in der Studie hatten zweimal Corona

Die Studie umfasst Daten von 5,82 Millionen Personen, darunter 443.588 mit einer mittels PCR diagnostizierten Erstinfektion, 40.947 Personen mit zwei und 2572 mit drei Infektionen. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass eine Reinfektion mit Sars-CoV-2 über die akute Phase hinaus ein erhebliches zusätzliches Risiko für Tod, Krankenhausaufenthalte und postakute Folgeschäden in der Lunge und einer Vielzahl von Organen außerhalb der Lunge mit sich bringt“, schreiben die Wissenschaftler um Ziyad Al-Aly vom Department of Medicine an der Washington University School of Medicine.

Untersucht wurde dabei auch das Risiko für Diabetes, Nieren- oder psychische Krankheiten. „Die Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, eine Reinfektion mit Sars-CoV-2 zu verhindern“, heißt es in der Studie weiter.

In Anbetracht der Wahrscheinlichkeit, dass das Virus weiterhin mutiere und über Jahre oder Jahrzehnte eine Bedrohung bleiben könnte, „wird dringend eine Strategie benötigt, die zu Impfstoffen führt, die haltbarer sind, ein breites Spektrum von Varianten abdecken und die eine Übertragung reduzieren und damit das Risiko einer Infektion und Reinfektion“, schreiben die Forscher. Auch andere pharmazeutische und nicht-pharmazeutische Maßnahmen zur Reduktion des Risikos einer Reinfektion seien dringend erforderlich.

Die Datenlage der Studie ist umstritten

In der wissenschaftlichen Diskussion ist die Arbeit umstritten. Die Daten stammen demnach aus der Vor-Omikron-Zeit, die Kohorte der Reinfizierten war im Schnitt fast 63 Jahre alt. Jeder fünfte Reinfizierte war bei der ersten Infektion ins Krankenhaus eingewiesen worden, viele waren vorerkrankt, fast 90 Prozent ungeimpft, schreibt der renommierte Physiker Prof. Michael S. Fuhrer nach Prüfung der Datenlage auf Twitter. „Nur um das klarzustellen: An der Studie an sich ist nichts auszusetzen, nur an der Art, wie sie interpretiert wird.“

Die Autoren selbst weisen auf mehrere Einschränkungen ihrer Untersuchung hin. Die größte dürfte dabei die fehlende Ausgewogenheit sein: Die Daten umfassen vor allem Informationen aus der nationalen Gesundheitsdatenbank des US-Department of Veterans Affairs, von ehemaligen Mitgliedern des Militärs also und damit überwiegend von älteren Männern.

„Die Datenlage ist möglicherweise nicht repräsentativ für die Allgemeinbevölkerung“, schreiben die Autoren. So lagen beispielsweise auch nur Daten zu 589.500 Frauen (10,3 Prozent) und zu 680.000 Menschen unter 38 Jahren vor (12 Prozent). Man habe versucht, diese Umstände herauszurechnen, „wir können aber eine Restverfälschung durch nicht gemessene oder anderweitig unbekannte Störfaktoren nicht vollständig ausschließen“. (kai)

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