Zweiter Weltkrieg

Die Geschichte einer Rettung

Foto: WP

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Menden. Vor 70 Jahren standen sich Willi Jacob und Zannis Lemos im Zweiten Weltkrieg gegenüber: Jetzt traf der 92-jährige Mendener den Neffen jenes Griechen, den er damals aus dem Atlantik gerettet hatte. Evangelos Angelakos war gekommen, um dem Retter seinen Dank auszudrücken.

Die Geschichte beschäftigt Historiker weltweit. Am 3. Oktober 1939, also noch ganz am Anfang des Zweiten Weltkrieges, war das deutsche U-Boot U35 südwestlich von England unterwegs. Willi Jacob, gelernter Schlosser, war bei der Marine zum Torpedomechaniker ausgebildet worden. Er saß mit 42 weiteren Soldaten und Vorgesetzten an Bord.

Vor England trafen das U-Boot und der griechische Dampfer „Diamantis”, der Mangan-Erz für die Waffenproduktion geladen hatte, aufeinander. Laut Geheimdokument der deutschen Marine setzten die Griechen unerlaubt einen SOS-Funkruf ab. „Wir haben ihnen einen Schuss vor den Bug verpasst, damit der Dampfer hält”, erzählt der 92-Jährige. „Da wurden die Griechen nervös, haben das Rettungsboot ausgefahren und sind dann ins Wasser gefallen.”

Stürmische See

Stürmisch sei es gewesen am frühen Nachmittag jenes Oktobertages vor 70 Jahren, erinnert sich der Mendener. „Seegang zeitweise mehr als 7”, vermeldet das einst geheime Marine-Dokument. „Kommando zurück”, habe der Kapitän Werner Lott gerufen, berichtet Willi Jacob. „Und dann haben wir die 28 Griechen aus dem Wasser gezogen, an Bord gebracht und ihnen zu essen und warme Kleidung gegeben.”

Zwar war Griechenland zu jenem Zeitpunkt des Krieges noch neutral, aber der Dampfer hatte Material zur Waffenproduktion für England geladen. Warum also hat U-Boot-Kapitän Lott den Griechen geholfen und dabei riskiert, selbst entdeckt zu werden? „Weil er ein Menschenfreund war”, ist sich Willi Jacob sicher. „Gleichzeitig hätten wir nicht genug Verpflegung gehabt, um die Griechen mit nach Deutschland zu bringen. Dann wären wir verhungert.”

Die U35-Besatzung brachte die Griechen einen Tag später in der einsamen Bucht Dingle Bay in Irland an Land. „Sieben Mal musste ein Soldat mit einem kleinen Boot zur Küste rudern”, sagt der 92-Jährige. Vor genau einer Woche ent-hüllte der deutsche Botschafter in Irland, der Mendener Busso von Alvensleben, an jener Stelle ein Denkmal. „Es war eine der bemerkenswertesten Taten der Tugend im Zweiten Weltkrieg”, berichtete die Zeitung Independent.

Wiedersehen

Um seinen Dank auszudrücken, reiste gestern auch Evangelos Angelakos (70), der Neffe des griechischen Seemanns Zannis Lemos, nach Menden. Willi Jacob ist eines von vier noch lebenden Besatzungsmitgliedern der U35. Wiedergesehen hatte er keinen der geretteten griechischen Seeleute. Gemeinsam blätterten die beiden Männer durch die Fotoalben und die vielen Zeitungsausschnitte, die der Mendener aufbewahrt hat. Derzeit arbeitet der US-Amerikaner Hans Mair, verwandt mit dem letzten Leitenden Ingenieur von U-35 Gerhard Stamer, die Geschichte für ein Buch auf.

Dem Meer ist Willi Jacob treu geblieben, auch wenn ihn die Liebe zurück nach Unna und schließlich nach Menden verschlagen hat. „Ich mache eigentlich nur noch Urlaub auf Kreuzfahrtschiffen”, sagt der 92-Jährige aus Menden und lacht.

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