Pflegerinnen-Prozess

Prozess: Mann (104) starb an Überdosis Schmerzmittel

Versuchter Totschlag – die zwei Angeklagten mit ihren Verteidigern vor Gericht.

Foto: MATTHIAS GRABEN

Versuchter Totschlag – die zwei Angeklagten mit ihren Verteidigern vor Gericht. Foto: MATTHIAS GRABEN

Düsseldorf.   Zwei Pflegerinnen aus Düsseldorf sind angeklagt. Sie hatten dem Senior (104) aus Versehen eine Überdosis gespritzt und keine Hilfe geholt.

Im Internet wirbt das Seniorenheim im Herzen Düsseldorfs, wie in der Branche so üblich, mit warmen Worten für das eigene Haus. „Anspruchsvolle Wohnkultur“, „liebevolle Betreuung“ und „kompetente Pflege“ wird den knapp 100 Senioren garantiert, die hier ihren Lebensabend verbringen. Viele von ihnen bleiben bis zu ihrem Tod.

Der 104 Jahre alte Hans-Günther H. jedoch ist trotz seines hohen Alters keines natürlichen Todes gestorben, sondern durch eine versehentlich verabreichte Überdosis eines Schmerzmittels. Etwas über drei Jahre ist das nun her, seit gestern stehen zwei Altenpflegerinnen (51 und 35) in Düsseldorf vor Gericht. Sie sind des versuchten Totschlags durch Unterlassen angeklagt, weil sie es vermieden haben, Hilfe zu holen, als sie ihren Fehler bemerkten.

Der erste Prozesstag dauert nicht mal eine Stunde und endet nach Verlesung der Anklage. Einer der Anwälte der Frauen ist gesundheitlich angeschlagen, deshalb kommt ihm die Kammer entgegen. Den Angeklagten ist die Erleichterung darüber anzusehen, beide sind auf freiem Fuß und zuvor regelrecht in den Verhandlungssaal hineingehuscht, Hand und Aktendeckel schützend vor das Gesicht gehalten. Nun sind sie ebenso schnell wieder verschwunden.

Fraglich, ob der Notarzt hätte helfen können

Dem Geschehen können sie sich nicht entziehen, der Fall ist dramatisch, die Rechtslage einigermaßen verzwickt. Zunächst hatte die Anklage der Staatsanwaltschaft auf „Mord durch Unterlassen“ gelautet, weil sie in der Vertuschungsabsicht ein Mordmerkmal sah.

Doch davon sah die Kammer unter Vorsitz von Richter Rainer Drees bereits vor Prozessbeginn ab und ließ lediglich eine Anklage auf Totschlag zu. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Frauen deshalb keine Hilfe gerufen haben, weil sie das Leiden des 104 Jahre alten und erheblich kranken Mannes nicht haben verlängern wollen.

Hydromorphon ist viel stärker als Morphium

Damit nicht genug – der Vorwurf des Totschlags wurde zusätzlich in versuchten Totschlag abgemildert, denn ein Gutachter bezweifelte, ob der alte Mann noch hätte gerettet werden können, selbst wenn rechtzeitig ein Notarzt eingegriffen hätte. Vermutlich wäre er auch dann gestorben.

Was war geschehen? Es ist der 23. Dezember 2014, einen Tag vor Heiligabend, als die 51 Jahre alte Pflegerin ihre junge Kollegin um Hilfe bittet. Hans-Günther H., der hochbetagte Bewohner, dem die Ärzte angesichts seiner vielen Leiden nur noch eine sehr eingeschränkte Lebenserwartung eingeräumt haben, benötigt starke Schmerzmittel, das Mittel der Wahl in diesem Zustand ist Hydromorphon, ähnlich wie Morphium, nur um ein zigfaches stärker.

Die Atmung des Mannes setzte aus

Die ältere Pflegerin soll die Spritze aufgezogen haben, allerdings mit der hundertfachen Dosis der ursprünglichen ärztlichen Verordnung, die Jüngere spritzt sie ohne weitere Kontrolle dem alten Mann unter die Haut. Daraufhin verlässt die 35-jährige Pflegerin das Zimmer, die Ältere bemerkt jedoch schnell, dass die Atmung des alten Mannes aussetzt und holt die Kollegin zurück. Da bemerken beide den Fehler, den sie gemacht haben.

Hans-Günther H. geht es mittlerweile immer schlechter, aber es ist noch leises Atmen zu spüren. Die ältere Pflegerin greift nach dem Telefon und wählt die Notrufnummer, da sagt die jüngere den entscheidenden Satz: „Nein, das machen wir nicht!“. Worauf sie den Anruf unterbricht, bevor sich jemand hat melden können. Wenig später ist Hans-Günther H. tot.

Ob und wie sich die beiden Angeklagten zu den Vorwürfen äußern, stand am ersten Prozesstag noch nicht fest. Die 51-Jährige jedenfalls hatte seinerzeit das Geschehen am 10. Januar 2015 bei der Polizei angezeigt, die Jüngere soll bisher zu den Vorwürfen geschwiegen haben.

Der Senior hatte mehrfach Suizidabsichten geäußert

Eine Obduktion schließlich konnte zweifelsfrei feststellen, dass der Senior an der Überdosierung gestorben war und sich nicht etwa selbst getötet hatte. Das 104 Jahre alte Opfer hatte zuvor mehrfach Todeswünsche ausgesprochen und Suizidabsichten geäußert.

Ob die Tat jedoch jemals hätte aufgedeckt werden können, wenn die Altenpflegerin sich nicht damals selbst angezeigt hätte, ist fraglich.

Für beide Frauen jedenfalls könnte der Vorfall schwere Folgen haben: Auch bei einer Verurteilung wegen versuchten Totschlags drohen ihnen mehrere Jahre Haft. Außerdem hält Staatsanwalt Ridder beide für ungeeignet, ihren Beruf weiterhin auszuüben.

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