Prozess

Taxifahrer lauert gezielt auf Fahrfehler im Kreisverkehr

Die Kreuzung Freiheit überfordert manchen Autofahrer. Ein Taxifahrer soll das ausgenutzt haben.

Die Kreuzung Freiheit überfordert manchen Autofahrer. Ein Taxifahrer soll das ausgenutzt haben.

Foto: Ulrich von Born / FUNKE Foto Services

Essen  Immer wieder krachte es am Essener Hauptbahnhof. Schuld daran war ein Taxifahrer, der gezielt Unfälle provozierte. Jetzt steht er vor Gericht.

Die Freiheit war sein Revier. Rund um den Essener Hauptbahnhof, vor allem im Bereich der Straße „Freiheit“, soll ein 58 Jahre alter Taxifahrer gezielt auf Fahrfehler anderer Autofahrer gelauert haben, um Unfälle zu provozieren. Seit Freitag muss sich der Angeklagte vor der XVII. Essener Strafkammer verantworten.

Von „Autobumsern“ sprechen die Juristen außerhalb des Saals, wenn es um diese Betrügergruppe geht. Die Autobumser rechnen den Schaden nach Kostenvoranschlag ab, lassen ihn aber nicht oder nur notdürftig in einer Hinterhofwerkstatt reparieren. Dann lauern sie auf ein neues Opfer.

100.000 Euro Gewinn durch fingierte Unfälle

23 Unfälle innerhalb der letzten zehn Jahre, genau zwischen 2009 und 2017, wirft Staatsanwältin Mary-Jane Lakaw dem 58-Jährigen vor. Rund 100.000 Euro illegalen Gewinns soll er dabei durch Zahlung der Versicherungen erzielt haben.

Seine Masche war einfach. Auch manchen Essenern sind die Fahrspuren vor der Südseite des Hauptbahnhofes an der Freiheit und in Richtung A 40 über die Kruppstraße nicht ganz geheuer. Die mehrspurigen Fahrbahnen verlangen Konzentration, manchmal verschwenken sie auch in einem weiten Bogen.

Für ein Geständnis gibt es Bewährung

Das hat der Angeklagte bewusst ausgenutzt, räumt Verteidiger Timo Scharrmann für seinen Mandanten ein. Dem Geständnis voraus ging eine Urteilsabsprache mit Strafkammer und Staatsanwältin. Schließlich stand die Vereinbarung: Falls der Angeklagte ein Geständnis ablegt, bekommt er Bewährung.

Scharrmann hatte zuvor mit einem langwierigen Prozess gedroht. Jeder einzelne der 23 Fälle müsse ohne Geständnis von einem Sachverständigen untersucht werden. Auch Richterin Gabriele Jürgensen räumte ein, dass die Beweislage eher dürftig sei. Denn viele der Geschädigten hätten eigene Fahrfehler zugegeben.

Auswärtige Autofahrer zählen zu den Opfern

Betroffen waren meist auswärtige Autofahrer aus den Kreisen Wesel oder Mettmann, aus Dortmund oder Wuppertal. Aber auch einige Essener gehörten zu den Fahrern, die in Kreuzung oder Kreisverkehr im Verlauf der Kruppstraße oder Freiheit abrupt die Spur wechselten.

Richterin Jürgensen umriss kurz das Gefahrenpotential: „Da kreuzen sich ja viele Fahrspuren. Das sind ganz komplizierte, großstädtische Verhältnisse.“ Sie denke dort oft: „Hoffentlich kommt jetzt keiner.“ Staatsanwältin Lakaw steuerte eigene Problemlösungen bei: „Ich fahre da immer ganz rechts.“ Nur Verteidiger Scharrmann verschwieg eigene Erfahrungen, kommentierte die Straßenführung knapp: „Ganz furchtbar gemacht.“

Fahrfehler bewusst ausgenutzt

Doch Fahrfehler alleine führen ja noch nicht zu Unfällen. So räumte Scharrmann konkret ein: „Er hat die Fehler bewusst ausgenutzt, hat nicht gebremst, nicht gehupt und ist nicht ausgewichen.“ Die Richterin ergänzte: „Und er ist im toten Winkel geblieben. Ja, wenn man es drauf anlegt und auf fremde Kennzeichen achtet...“

Die Opfer, die alle von der Polizei angeschrieben wurden, haben offenbar kein großes Interesse mehr an einer Strafverfolgung. Manche antworteten gar nicht. Nur einer schrieb: „Schade, dass erst nach so langer Zeit ermittelt wird.“ Aber es muss immer erst eine gewisse Anzahl Unfälle passiert sein, bevor ein Verdacht entsteht. Nächste Woche gibt es ein Urteil.

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