Justizskandal

Gustl Mollath: „Ich war für die das gefährliche Monster“

Lesedauer: 7 Minuten
Gustl Mollath verlässt im August 2013 die psychiatrische Klinik in Bayreuth – mit der Topfpflanze aus seiner Zelle.

Gustl Mollath verlässt im August 2013 die psychiatrische Klinik in Bayreuth – mit der Topfpflanze aus seiner Zelle.

Foto: David Ebener / picture alliance / dpa

Berlin.  Siebeneinhalb Jahre saß Gustl Mollath zu Unrecht in der Psychiatrie – für ihn ein Staatsverbrechen. Er leide noch immer unter der Zeit.

  • Siebeneinhalb Jahre verbrachte Gustl Mollath in Psychiatrien
  • In dem Buch „Der Fall Mollath“ beleuchtet Jurist Wilhelm Schlötterer nun den Justizirrtum
  • Wie Mollath seinen eigenen Fall sieht – und was er von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hält

Mit einer Topfpflanze in der Hand stand Gustl Mollath 2013 vor der psychiatrischen Klinik in Bayreuth, ein Schulfreund holte ihn ab, Journalisten folgten ihm auf dem Weg zum Wagen. Siebeneinhalb Jahre war er „eingekerkert“ in verschiedenen „Anstalten“, wie er es ausdrückt.

Bis zum Tag seiner Entlassung empfand er das System der Psychiatrie, das Verirrte doch zurück auf den Weg führen soll, als zerstörerisch und unmenschlich. „Bis zum letzten Tag war ich für die das gefährliche Monster“, sagt Deutschlands wohl bekanntester Psychiatrie-Patient am Telefon.

„Ich wurde allein deswegen von einem Tag auf den anderen auf die Straße gespuckt, weil der Druck der Öffentlichkeit zu groß geworden war. Man wollte mich schnell loswerden. Dass ich nicht einmal eine Unterkunft hatte, war denen egal.“

„Der Fall Mollath“ als Buch

Sieben Jahre nach der Entlassung hat der Jurist Wilhelm Schlötterer, der Mollath damals zur Seite stand, ein Buch geschrieben, „Der Fall Mollath“. Ein Buch mit einer nuancenfreien Haltung, nach dessen Lektüre man glaubt, über Putins Russland und nicht über den Freistaat Bayern gelesen zu haben.

Es ist ein unübersichtlicher Fall mit vielen Wahrheiten und vielen Ungereimtheiten. Er begann, als der Nürnberger Auto-Restaurateur seine Frau, Bankerin bei der Hypovereinsbank, nach der Trennung bezichtigt, Schwarzgelder in die Schweiz zu verschieben. Seine Anschuldigung wird ihm als Wahnvorstellung ausgelegt, seine Frau wirft ihm häusliche Gewalt vor. Zudem soll er 129 Autoreifen zerstochen haben.

Ist der Patient verrückt – oder das System?

Mollath landet in der Psychiatrie. Er sagt, er sei „verfrachtet“ worden oder gar „deportiert, mit Hand- und Fußketten im Gitterwagen“. Er gilt als gemeingefährlich. „In der Psychiatrie bestätigt ein Gutachter meist das Gutachten des vorigen Gutachters“, sagt Mollath. „So lebt es sich am bequemsten. Irgendwann kommt man aus dem Teufelskreis nicht mehr heraus.“

Wer ihm zuhört, denkt an Kafkas „Der Prozess“ und den Filmklassiker „Einer flog über das Kuckucksnest“: Ist nun der Patient verrückt oder das System? Mehr als sieben Jahre verbringt er in der Psychiatrie. Zu Unrecht, wie das Landgericht Regensburg 2013 feststellt.

Steuerfahnder und eine interne Untersuchung der Hypovereinsbank legen zudem nahe, dass es tatsächlich Schwarzgeldverschiebungen gegeben hat. 670.000 Euro Entschädigung bekommt Mollath – eine Rekordsumme für einen Justizirrtum. Irrtum, das wollen weder Schlötterer noch Mollath stehen lassen. Sie sprechen von einem Staatsverbrechen, dem schwersten der Bundesrepublik. Lesen Sie hier:Behinderter 30 Jahre lang zu Unrecht in Psychiatrie?

Humor hilft Mollath

Für sie ist der Fall klar: Die Justiz wurde von der Politik Bayerns gesteuert. Alle hätten von den Schwarzgeldern profitiert. Hätte man den Skandal aufgedeckt, wären auch die Quellen von Parteispenden versiegt. Der Freistaat sei schließlich zu zehn Prozent an der Hypovereinsbank beteiligt. Belangt worden sei niemand, im Gegenteil: Ein Staatsanwalt sei befördert worden, die damalige Landesjustizministerin Beate Merk (CSU) wurde Staatsministerin für Europaangelegenheiten.

Er sei kein verbitterter Mensch, sagt Mollath. „Zum Glück konnte ich mir meinen Humor bewahren.“ Heute lebt er in Niedersachsen, restauriert wieder Oldtimer. Noch immer wache er jede Nacht schweißgebadet auf. Der 64-Jährige berichtet von merkwürdigen Suiziden unter Mitpatienten, von einem Pfleger, der ein Emblem der russischen Kampftruppe Omon am Kittel trägt. „Da sieht man, wessen Geistes Kinder da zum Teil arbeiten.“ Auch interessant:Psychiatrien müssen bundesweit Patienten nach Hause schicken

Mollath ist kein Sympath, dem die Herzen zufliegen

2016 gab es im Nachhall des Falls Mollath eine Gesetzesänderung, die die Rechte von Patienten stärken soll. Geändert habe sich nichts, zumindest nicht in Bayern: „Die Psychiatrien haben vor allem ihre Webseiten aufgefrischt. Da sieht man jetzt die Blumen sprießen und die Bienchen fliegen. Man kümmert sich um den Auftritt nach außen.“ Woher er seine Informationen über die inneren Zustände in sämtlichen psychiatrischen Kliniken Bayerns hat, sagt er nicht.

Mollath ist ein eloquenter Mann, er hätte das Buch selber schreiben und über sein Schicksal berichten können. Aber er will von seinem Fall aufs Allgemeine schließen. Er sieht sich nicht als Opfer einer unglückseligen Verkettung, sondern eines perfiden Systems, das er nun bekämpfen will. „Ich bin ein gesellschaftlich orientierter Mensch. Es geht nicht nur mich etwas an.“ Das Buch soll dazu beitragen, dass sich ein Fall Mollath nicht wiederholt.

Mehr zum Thema: Jan Josef Liefers lässt Skandal um Gustl Mollath aufleben

In seinem Eifer erinnert er an Michael Kohlhaas, und wie der paradoxe Charakter in Kleists Novelle ist der exzentrische Biedermann Mollath nicht das alle Sympathien vereinende Opfer, das zum blütenreinen Helden wird. Er tat sich vor Gericht mit wirren Schriftstücken über die Kennedys und die Mondlandung keinen Gefallen. Er lehnte Gutachter und Anwälte ab. Er schrieb einen Brief an den Papst.

Eigene Fehler? „Mein Fehler war, dass ich nicht auf meine Frau gehört und die Klappe gehalten habe. Ich hätte mir viel Ärger ersparen können.“

Gustl Mollath: Gab es Gewalt in der Ehe?

Das Landgericht Regensburg war 2014 sehr wohl davon überzeugt, dass er seine Frau misshandelt habe. Nach der Frage, ob es Gewalt in der Ehe gab, zögert er erstmals mit einer Antwort. „Nein“, sagt er dann. Schlötterer springt ihm bei. „Wenn es Gewalt gegeben hätte, dann war es Notwehr, weil seine Frau wütend wurde wegen der Anschuldigungen.“ Die Frau wurde als schmächtig beschrieben. Inzwischen ist sie tot.

Doch ein häuslicher Gewalttäter muss nicht psychisch krank und eine Gefahr für die Allgemeinheit sein, Bedingung für eine Zwangsunterbringung in der Psychiatrie. So ist der Fall Mollath eine mahnende Erinnerung daran, dass der Rechtsstaat für wirklich alle da ist.

Wird Söder Kanzler, wandert Mollath aus

Seine Zimmerpflanze, seine „Mitgefangene“, bestand aus den Trieben von zwei Dattelkernen und sieben Orangenkernen, ein Geschenk des Klinikpfarrers. Er zog sie in einem Joghurtbecher und mit stibitzter Erde aus dem Hof. Eine Dattelpalme – die andere ist eingegangen – ist inzwischen größer als er und lebt nach wie vor mit den sieben Orangenbäumen in einem Topf.

Ob er sie mit ins kalte Finnland nimmt? Dorthin will Mollath auswandern, falls Bayerns Ministerpräsident Markus Söder Kanzler wird und damit das ganze Land zu einem „Totalstaat Bayern“. „Meine Zukunft in Deutschland“, sagt er, „sieht nicht sehr rosig aus.“

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