Kirchentag

Bedford-Strohm wirft rechten Christen „Ketzerei“ vor

Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), fordert, dass die Seenotrettung im Mittelmeer eine staatliche Aufgabe bleiben muss.

Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), fordert, dass die Seenotrettung im Mittelmeer eine staatliche Aufgabe bleiben muss.

Foto: Annette Reuther / dpa

Berlin   Am Mittwoch beginnt der evangelische Kirchentag. Der EKD-Vorsitzende Heinrich Bedford-Strohm erklärt, warum die AfD nicht zum Christentum passt.

In Dortmund beginnt an diesem Mittwoch der evangelische Kirchentag, das größte protestantische Laientreffen in Deutschland. Mehr als 100.000 Gäste werden bis Sonntag erwartet, darunter auch Spitzenvertreter der Kirche und hochrangige Politiker wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Markus Söder (CSU), Robert Habeck (Grüne) und Kevin Kühnert (SPD). Außerdem kommt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum Kirchentag.

Der EKD-Vorsitzende Heinrich Bedford-Strohm spricht im Interview über die AfD, die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs und den Prozess der Ökumene.

Wird dieser Kirchentag politischer als frühere Veranstaltungen?

Heinrich Bedford-Strohm: Nein. Der Kirchentag hat schon immer die politischen Dimensionen einbezogen. Und das muss auch so sein. Das Doppelgebot der Liebe verpflichtet uns dazu: Gottesliebe und Nächstenliebe gehören zusammen. Jesus hat uns Christen hier einen klaren Auftrag gegeben. Immer dort, wo die Not des Nächsten groß ist, müssen wir darüber nachdenken, was eben auch politisch unternommen werden kann und muss, um sie zu lindern. Diesen Geist atmet der Kirchentag.

Die AfD ist nicht zum Kirchentag eingeladen und hat der EKD eine „unheilige Allianz mit den Mächtigen“ und einen „Pakt mit dem linksgrünen Zeitgeist“ vorgeworfen. Wie reagieren Sie auf diese Attacken?

Bedford-Strohm: Jenseits solcher Zerrbilder muss man festhalten, dass mit dem christlichen Glauben Grundorientierungen verbunden sind. Grundorientierungen, die etwa verbieten, ganze Menschengruppen abzuwerten. Die verbieten, Rassismus oder Antisemitismus zu propagieren. Auch die Erhebung der menschlichen Kälte zum Programm, etwa gegenüber Flüchtlingen, deren Not und Leid einfach ausgeblendet werden, ist unverträglich mit dem christlichen Glauben. Wenn jemand sagt, ich bin zuerst Deutscher und dann Christ, dann ist das Ketzerei.

Dürfen Christen also keine AfD wählen?

Bedford-Strohm: Es geht nicht um Parteipolitik, sondern um Grundorientierungen. Und in diesem Punkt muss man bei der AfD genauso differenzieren wie bei anderen Gruppen. Es gibt Menschen, die wählen die AfD aus Protest. Andere haben konservative Einstellungen und fühlen sich in anderen Parteien derzeit nicht zuhause.

Dann gibt es aber auch Menschen, die wirklich rechtsextreme Auffassungen vertreten und die Erinnerungskultur in Deutschland kaputtmachen wollen. Gegen die hilft nur ein deutliches Nein und die klare Kante eines wehrhaften Rechtsstaates. Die beiden erstgenannten Gruppen müssen sich fragen, ob sie nicht den Rechtsextremen Deckung geben, wenn sie die gleiche Partei wählen. Die Grenze ist erreicht, wenn gehetzt wird, wenn rassistische oder antisemitische Einstellungen vertreten werden. Dafür darf der Kirchentag kein Forum bieten.

Kümmern Sie sich zu viel um Politik und zu wenig um den Glauben?

Bedford-Strohm: Auf keinen Fall. Und auch das wird beim Kirchentag deutlich. Dort spielt der Gottesdienst eine zentrale Rolle, das gemeinsame Gebet ist selbstverständlich, wir sprechen über die Formen von Gemeinschaft, die Zukunft des Glaubens und der Kirche. Aber wenn man das Beten ernst nimmt, dann kann man gar nicht anders, als sich intensiv mit den Problemen der Welt zu beschäftigen, mit der Not, die Menschen in dieser Welt erleiden.

Wer fromm ist, muss mitunter auch politisch sein. Der Kirchentag ist einer der letzten Marktplätze der Meinungen über gesellschaftlich relevante Themen.

Aber ohne Konsequenzen, oder?

Bedford-Strohm: Doch, er hat Konsequenzen, und die sind überall eindrucksvoll sichtbar. Gehen Sie in Dortmund doch einmal über den Markt der Möglichkeiten. Dort zeigen Menschen, was sie für die Gesellschaft leisten. Kirchentage sind ein riesiges Ermutigungsprogramm für unser Land. Sie finden dort viele Ehrenamtliche, die sich sehr konkret engagieren, die nicht nur reden, sondern handeln, zum Beispiel in der Notfallseelsorge oder Hospizarbeit. Menschen wie diese leben die Arbeit und den Auftrag der Kirche. Unser Land wäre viel ärmer ohne sie.

Und wie steht es um die Konsequenzen auf politischer Ebene?

Bedford-Strohm: Es ist ein Zeichen der Qualität und Stärke des Kirchentags, dass Spitzenpolitiker nie Nein sagen, wenn wir sie einladen. Der Kirchentag ist eine evangelische Zeitansage, und das wissen die Politiker. Ich wünsche mir von Dortmund Rückenwind für alle, die politische Verantwortung tragen und sich um Lösungen vor dem Hintergrund der christlichen Grundorientierungen bemühen. Denn man darf von Christen, die sich in der Politik engagieren, schon erwarten, dass Christus für sie an erster Stelle steht und nicht ihr Parteiprogramm.

In Ihrem Palermo-Appell fordern Sie, dass die Seenotrettung im Mittelmeer eine staatliche Aufgabe bleiben muss. Bisher ohne politische Folgen. Entmutigt Sie das?

Bedford-Strohm: Am Donnerstag ist gerade eine hochaktuelle Veranstaltung genau zu diesem Thema neu auf das Kirchentags-Programm gekommen. Der Bürgermeister von Palermo wird in Dortmund mit deutschen Amtskollegen dabei sein. Die Anliegen des Palermo-Appells erfahren gerade parteiübergreifend auf kommunaler Ebene viel Unterstützung. Wir werden weiter auf Antworten drängen, damit das Sterben im Mittelmeer ein Ende findet.

Es kann nicht sein, dass Europa tatenlos zuschaut, wie Menschen im Mittelmeer ertrinken und dann noch jene, die als einzige überhaupt noch Leben retten, kriminalisiert werden.

Es kann nicht sein, dass Flüchtlinge ihrem Schicksal überlassen werden oder nach Libyen zurückgeschickt werden, wo sie von skrupellosen Verbrechern ausgebeutet werden. Deswegen muss ein Verteilmechanismus in Europa installiert werden, der unter anderem sicherstellt, dass Italien nicht alleine gelassen wird bei der Aufnahme von Flüchtlingen und dass die Geretteten einen sicheren Ort an Land finden.

Werden Sie das der Bundeskanzlerin in Dortmund sagen?

Bedford-Strohm: Ich habe Angela Merkel am letzten Wochenende einen Brief geschrieben. Der Brief wird ausdrücklich auch von Kardinal Marx mitgetragen. Als Kirchen erwarten wir von der Bundesregierung genau wie von den anderen Regierungen Europas, dass sie jetzt sofort Lösungen finden. Denn im Sommer werden sich wieder besonders viele Menschen auf die riskante Überfahrt übers Meer begeben, um nach Europa zu flüchten.

Ebenfalls ein Thema von großer Tragweite ist in Dortmund die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs. Handelt die evangelische Kirche zu zögerlich?

Bedford-Strohm: Nein, seit der Synode im Herbst ist viel passiert. Wir haben einen Elf-Punkte-Plan erstellt, der jetzt konsequent abgearbeitet wird. Die ersten Ergebnisse sind schon sichtbar: Am 1. Juli startet zum Beispiel die „Zentrale Anlaufstelle.help“, an die sich Betroffene von sexualisierter Gewalt wenden können. Die Anlaufstelle wurde von der EKD eingerichtet, arbeitet aber vollkommen unabhängig.

Die öffentliche Diskussion ist gut und richtig, denn es ist ein radikaler Widerspruch, dass im Raum einer Institution, die die radikale Liebe verkündet, sexueller Missbrauch geschieht. Wir sind als Kirche verpflichtet, in aller Klarheit und ohne Toleranz gegenüber Tätern und Mitwissern mit diesem Thema umzugehen.

Können Katholiken und Protestanten hier voneinander lernen?

Bedford-Strohm: Selbstverständlich sind wir im Austausch auch hierüber. Aber die Konfessionen haben ihre jeweils eigenen strukturellen Gefährdungen, so dass entsprechend auch die Aufarbeitung unterschiedlich ansetzt. Die katholische Kirche will sich etwa mit dem Zölibat beschäftigen. Und die evangelische Kirche muss sich beispielsweise mit der Frage auseinandersetzen, wo gerade in den 70er und 80er Jahren eine Unkultur von kumpelhafter Libertinage zu einem besonderen Risiko für Grenzüberschreitungen führen konnte.

Zwei Jahre nach dem Reformationsjubiläum scheint der Prozess der Ökumene erlahmt zu sein. Wo bleiben die Fortschritte?

Bedford-Strohm: Da muss ich widersprechen. Wir spüren den Rückenwind aus dem Jahr 2017 noch immer. Wir haben mit den katholischen Geschwistern verabredet, dass wir Aufgaben, die wir bisher getrennt erledigt haben, viel stärker gemeinsam übernehmen wollen. Das kann von der Verwaltung bis zu bestimmten Aufgaben in der Seelsorge gehen. Vor Ort in den Gemeinden gibt es schon heute einen reichen Schatz konkreter ökumenischer Zusammenarbeit. Beim Thema gemeinsames Abendmahl müssen wir noch geduldig sein, aber da drängen wir darauf, dass die Einheit immer sichtbarer wird. Der Papst hat zudem deutlich zum Ausdruck gebracht, dass er den Weg zum gemeinsamen Abendmahl unterstützt. Das war in den Jahren 2016 und 2017 sehr ermutigend.

Also bremsen die Katholiken nicht?

Bedford-Strohm: Jeder muss seine Hausaufgaben machen. Wir versuchen so miteinander umzugehen, dass nicht der eine den anderen anklagt. Der Prozess beruht auf wechselseitigem Vertrauen. Natürlich gibt es hier und dort Widerstände, aber wir müssen immer wieder klarmachen, dass Jesus uns zur einen Kirche gerufen hat. Die Kirche Jesu Christi darf sich nie mit der Trennung abfinden.

Die christlichen Kirchen leiden unter einem immensen Mitgliederschwund, der sich in den nächsten Jahrzehnten noch verstärken wird. Werden sie damit auch ihren gesellschaftlichen Einfluss verlieren?

Bedford-Strohm: Nein, ich nehme sogar wahr, dass die Bedeutung der Kirche gerade steigt, weil die Orte in der Gesellschaft, in denen über ethische, moralische und Grundsatzfragen nachgedacht wird, immer weniger werden. Wir dürfen uns nicht in ein klerikales Schneckenhaus zurückziehen. Sondern wir müssen den Auftrag von Jesus Christi annehmen, Licht der Welt und Salz der Erde zu sein. Das heißt, wir müssen den Menschen mehr denn je verdeutlichen, warum man den christlichen Glauben zur Grundlage des Lebens machen sollte. Wir können zeigen, wie wunderbar es ist, die Liebe Gottes zu erfahren.

Welche Impulse erhoffen Sie sich von diesem Kirchentag?

Bedford-Strohm: Dass Dortmund vor Lebens- und Glaubensfreude nur so strotzt. Dass es ein fröhlicher Kirchentag wird. Dass wir uns aus dieser Kraft heraus den großen Zukunftsfragen, aber auch den Alltagssorgen der Menschen zuwenden. Und dass wir ein klares Zeugnis ablegen: Wir Christen sind da! Wir engagieren uns für die Gemeinschaft. Und wir gehen mit Hoffnung und Vertrauen in die Zukunft.

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