Corona-Impfung

Herzmuskelentzündung nach Biontech und Moderna möglich

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Stärkere Nebenwirkungen nach zweiter Impfung mit Moderna und Biontech

Stärkere Nebenwirkungen nach zweiter Impfung mit Moderna und Biontech

Bei mRNA-Impfstoffen fällt die Impfreaktion nach der zweiten Impfung meist stärker aus. Bei Astrazeneca ist es umgekehrt. Forschende haben nun eine mögliche Erklärung dafür gefunden.

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Berlin  Herzmuskelentzündungen nach der zweiten Biontech-Impfung sind selten. Aber die Nebenwirkung tritt am häufigsten bei jungen Männern auf.

  • Berichten zufolge sollen nach Impfungen mit Biontech und Moderna Herzmuskelentzündungen aufgetreten sein
  • Forscher aus Israel halten einen Zusammenhang zwischen der Impfung und den Myokarditis-Fällen für wahrscheinlich
  • Betroffen sind von diesen Nebenwirkungen vor allem junge Männer

Eigentlich zählen die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna zu den beliebteren Vakzinen - unter anderem wegen geringer Nebenwirkungen bei hohem Schutz vor Covid-19. Doch nachdem es Ende April Berichte über Herzmuskelentzündungen in Israel gab, die möglicherweise in Zusammenhang mit den Impfungen stehen könnten, prüfte ein Ausschuss des israelischen Gesundheitsministeriums die Fälle. Das ist nun geschehen.

Der Ausschuss hält eine Verbindung zwischen der Corona-Impfung, vor allem der zweiten Dosis, mit einer Herzmuskelentzündung für wahrscheinlich. Nach Untersuchung von 275 Fällen von Myokarditis zwischen Dezember 2020 und April 2021 kam das Expertenteam zu dieser Schlussfolgerung. In Israel wurde vor allem der Impfstoff von Biontech/Pfizer eingesetzt.

Herzmuskelentzündung nach Biontech: Vor allem junge Männer betroffen

148 Fälle von Myokarditis seien in zeitlicher Nähe zu Impfungen aufgetreten - davon 27 Fälle von 5,4 Millionen, die eine erste Dosis erhalten haben, und 121 Fälle von gut fünf Millionen, die eine Zweitimpfung erhalten haben. Etwa die Hälfte der Myokarditis-Patienten litten den Angaben zufolge an Vorerkrankungen.

Die Erkrankung betreffe insbesondere jüngere Männer im Alter von 16 bis 30 Jahren, vor allem im Alter von 16 bis 19 Jahren. In 95 Prozent der Fälle handele es sich aber um eine leichte Erkrankung, die binnen weniger Tage vorbeigehe. Der Kardiologe und Pharmakologe Thomas Meinertz betont, dass solche Entzündungen meist von allein ausheilten, nur wenige Patienten behielten Leistungseinschränkungen zurück.

Im aktuellsten Sicherheitsbericht zu Covid-19-Impfstoffen des Paul-Ehrlich-Instituts vom 7. Mai heißt es, auf der Basis der vorhandenen Daten aus Deutschland sei „kein Risikosignal“ in Bezug auf Herzmuskelentzündungen zu sehen. Man werde Berichte darüber weiter überwachen und untersuchen. Eine PEI-Sprecherin erklärte auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur, für den bevorstehenden Sicherheitsbericht würden gerade neue Informationen verarbeitet, die von Experten der Arzneimittelsicherheit noch verifiziert würden. „Hier ist die Datenauswertung noch unvollständig.“

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Deutscher Experte nicht beunruhigt

Berichte aus Israel sind aus Sicht eines deutschen Experten wenig überraschend und sollten für Geimpfte kein Grund zur Sorge sein. „Das kommt nicht unerwartet und beunruhigt mich nicht. Es geht um wenige Hundert Fälle einer Erkrankung mit meist mildem Verlauf bei insgesamt mehr als fünf Millionen Geimpften“, sagt Meinertz auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur.

Von anderen Impfungen sei bekannt, dass danach in seltenen Fällen Herzmuskelentzündungen auftreten könnten, ausgelöst durch eine überschießende Immunreaktion. Ob es sich bei den Fällen in Israel um eine solche Reaktion handelt, ist aber noch völlig offen. Meinertz weist auch auf die geschärfte Selbstwahrnehmung vieler Menschen nach einer Impfung hin. „Viele Patienten haben eine Erwartungshaltung und berichten dann zum Beispiel von Herzrhythmusstörungen“. Dabei handle es sich um das normale Grundrauschen, das nun bemerkt wird.

Die Erkrankung sei ohnehin bei Jüngeren häufiger als bei Älteren - und einen Beleg, dass sie nun tatsächlich bei Geimpften häufiger auftritt als eigentlich zu erwarten wäre, sieht Meinertz noch nicht. Eine Myokarditis könne nur mit einer Biopsie des Herzmuskels sicher diagnostiziert werden, sagte er. Bei den meist leichten Fällen in Israel sei sie suggestiv diagnostiziert worden, zum Beispiel anhand von Beschwerden wie Brustschmerz, mit Echokardiogramm, Laborwerten, mittels MRT oder EKG. „Das EKG gibt nur einen Hinweis.“

Herzmuskelentzündung nach Biontech-Impfung: Diese Fälle gab es in Israel

In einem unveröffentlichten Bericht, der dem israelischen Gesundheitsministerium und dem Hersteller Pfizer vorgelegt worden war, war zunächst von 62 Fällen die Rede gewesen. Die meisten Betroffenen waren Männer unter 30 Jahren und hatten bereits ihre zweite Impfdosis erhalten.

Zwei Menschen – eine 22 Jahre alte Frau und ein 35 Jahre alter Mann – seien an der Erkrankung verstorben, die anderen hätten genesen aus dem Krankenhaus entlassen werden können, hieß es in dem Bericht, über den mehrere israelische Medien berichtet hatten. Rund fünf Millionen Menschen hatten zum Zeitpunkt des Berichts bereits zwei Dosen des Biontech-Vakzins erhalten. Ob die Zahl der Betroffenen im Vergleich zur Normalbevölkerung ungewöhnlich hoch ist, lässt sich derzeit noch nicht sagen.

Ursache für Myokarditis meist eine Infektion

Bei einer Myokarditis entzünden sich Zellen im Muskelgewebe des Herzens. Ursache ist in der Regel eine Infektion mit Bakterien oder Viren, besonders häufig tritt sie nach einer verschleppten Grippe auf.

Zwar heilt die Erkrankung in der Regel wieder ab, doch bei einigen Betroffenen kann es zu Langzeitschäden wie einer bleibenden Herzschwäche kommen. In seltenen Fällen kann eine Myokarditis auch eine nicht infektiöse Ursache haben, heißt es bei der Deutschen Herzstiftung. Eine mögliche Erklärung dafür könnten Autoimmunerkrankungen sein.

Verschiedene Impfungen können Herzmuskelentzündung auslösen

Der Kardiologe Professor Dirk Westermann hatte auf die dünne Datenlage hingewiesen: "Eine seriöse wissenschaftliche Betrachtung kann man derzeit auf Grundlage der bekannten Daten nicht treffen", sagte der stellvertretende Direktor der Klinik für Kardiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Dass eine Impfung eine Myokarditis auslösen könne, sei grundsätzlich bekannt, sagte Westermann. Etwa bei der Pockenimpfung.

Westermann sah jedoch aus kardiologischer Sicht Stand Ende April keinen Grund zur Besorgnis: "Die Häufigkeit des Auftretens mit 62 Fällen auf fünf Millionen Geimpfte wäre prinzipiell mit dem generellen Auftreten der Erkrankung erklärbar", sagte Westermann.

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Erkrankung tritt bei 10 bis 20 Menschen pro 100.000 auf

In der Normalbevölkerung tritt eine Herzmuskelentzündung bei 10 bis 20 Menschen pro 100.000 auf. Der Kardiologe betonte: "Die Myokarditis ist eher eine Erkrankung der Jüngeren. Ein gehäuftes Auftreten bei den unter 30-Jährigen muss also nicht ungewöhnlich sein."

Auch eine Sprecherin des israelischen Gesundheitsministeriums verwies darauf, dass die Analyse "keinen eindeutigen Anstieg der Sterblichkeit wegen der Impfung zeigt". Und es sei auch nicht sicher, dass es im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einen Anstieg der Zahl von Herzmuskelentzündungen gebe. (lary/bef/dpa)

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