Anti-Atomwaffen-Kampagne

Friedensnobelpreis – Berlin reagiert reserviert auf Wahl

Darum erhält die Initiative gegen Atomwaffen den Friedensnobelpreis

Friedensnobelpreis: Die Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen erhält die renommierte Auszeichnung. Das ist durchaus als ein Signal an Nordkorea und U.S. Präsident Donald Trump zu verstehen.
Fr, 06.10.2017, 12.01 Uhr

Darum erhält die Initiative gegen Atomwaffen den Friedensnobelpreis

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Oslo  Die Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen erhält den Friedensnobelpreis. Die Bundesregierung gratulierte den Geehrten reserviert.

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Der Friedensnobelpreis 2017 geht an die Internationale Kampagne zur atomaren Abrüstung (ICAN). Das gab das Norwegische Nobelkomitee am Freitagmorgen in Oslo bekannt.

Die Organisation werde für „ihre bahnbrechenden Bemühungen“ gewürdigt, ein Verbot nuklearer Waffen zu erreichen, sagte die Komitee-Vorsitzende Berit Reiss-Anderson. Die nächsten Schritte zu einer atomwaffenfreien Welt müssten die Atommächte miteinbeziehen.

Der mit neun Millionen schwedischen Kronen (rund 940.000 Euro) dotierte Friedensnobelpreis wird als einzige der renommierten Auszeichnungen nicht in Stockholm, sondern in Norwegens Hauptstadt Oslo vergeben. Hier wird der Preis am 10. Dezember, dem Todestag von Preisstifter Alfred Nobel, auch verliehen.

ICAN besteht seit zehn Jahren

Die ICAN mit Sitz in Genf besteht aus 450 Friedensgruppen und Organisationen, die sich seit Jahren für Abrüstung engagieren. Vor zehn Jahren kamen sie zusammen, um sich gemeinsam für einen Vertrag gegen Atomwaffen einzusetzen.

Treibende Kraft waren nicht Regierungen, sondern Zehntausende Aktivisten in mehr als 100 Ländern. Im Juli 2017 wurde das Vertragswerk unterzeichnet. Es verbietet Herstellung, Besitz, Einsatz und Lagerung von Atomwaffen und kam gegen den Widerstand der Atommächte und den mit ihnen verbündeten Staaten zustande, darunter Deutschland.

Vorbild für ICAN waren andere Abrüstungsverträge: zum Beispiel das internationale Übereinkommen zum Verbot von Landminen, oder die Verträge zum Verbot von Streumunition oder von chemischen Waffen. Bei solchen Abkommen auf Initiative der Zivilgesellschaft rücken immer die verheerenden Folgen der Waffen für die Bevölkerung ins Zentrum.

ICAN-Chefin: „Wir haben gekichert“

Zuletzt hatte Nordkorea mit Atomtests massive Kritik auf sich gezogen. 2015 dagegen wurde der Abschluss des Atomabkommen mit dem Iran international als Erfolg gefeiert. US-Präsident Donald Trump zieht die Vereinbarung allerdings inzwischen massiv in Zweifel.

ICAN-Geschäftsführerin Beatrice Fihn (34) zeigte sich am Freitag überwältigt. „Wir bekamen den Anruf nur ein paar Minuten vor der offiziellen Verkündung“, sagte Fihn in Genf. „Wir waren schockiert, dann haben wir gekichert und einen Moment gedacht, der Anruf war vielleicht ein Scherz.“ Sie seien zutiefst dankbar, sagte Fihn.

„Wir werden in den kommenden Jahren eifrig daran arbeiten, die vollständige Umsetzung sicherzustellen. Jede Nation, die eine friedlichere Welt sucht, die frei von nuklearer Bedrohung ist, wird diese entscheidende Vereinbarung unverzüglich unterzeichnen und ratifizieren“, teilte Ican am Freitag auf ihrer Facebookseite mit.

Erst am 21. September feierte Beatrice Fihn ihren bislang größten Erfolg am Rand der UN-Vollversammlung in New York. „Fortschritt passiert nicht einfach, sondern muss von denen erkämpft werden, die die moralische Führung übernehmen“, sagte sie bei einer Feierstunde zur Unterzeichnung des von ihr maßgeblich mit erstrittenen Atomwaffenverbotsvertrags unter Applaus.

Berlin gratuliert – trotz Bedenken

Die Bundesregierung gratulierte ICAN. „Die Bundesregierung unterstützt das Ziel einer Welt ohne Atomwaffen“, sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer in Berlin. Gleichzeitig bekräftigte die Bundesregierung aber ihre Ablehnung des von ICAN und 122 Ländern unterstützten UN-Vertrags zum Verbot von Atomwaffen. Solange es Staaten gebe, die Atomwaffen als militärisches Mittel ansehen würden und Europa davon bedroht sei, bestehe die Notwendigkeit einer nuklearen Abschreckung fort, sagte Demmer.

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Insgesamt waren in diesem Jahr 318 Persönlichkeiten und Organisationen für die Auszeichnung nominiert. Das ist die bislang zweithöchste Anzahl von Vorschlägen an das Nobelkomitee – nach dem Rekord von 376 im vergangenen Jahr.

Bisher 98 Friedensnobelpreise vergeben

2016 hatte Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos den Preis bekommen. Er wurde für sein langes Ringen um ein Ende des mehr als 50 Jahre andauernden Bürgerkriegs in seinem Land ausgezeichnet. Der Nobelpreis hatte den ins Stocken geratenen Friedensprozess noch weiter vorangetrieben.

Seit 1901 wurden nunmehr 98 Friedensnobelpreise an insgesamt 130 Einzelpersonen (104) oder Organisationen (26) vergeben. 29 Mal teilten sich zwei Personen den Preis, in zwei Fällen sogar drei. Unter den Preisträgern waren bislang 16 Frauen. Das Durchschnittsalter der Preisträger liegt bei 62 Jahren.

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Alfred Nobels Vermächtnis

Die Preise gehen auf Nobels Testament zurück. Hier hatte der Dynamit-Erfinder festgelegt, dass derjenige geehrt werden solle, der „am meisten oder besten für die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verkleinerung stehender Armeen“ gewirkt hat. Wieso Nobel den Preis als einzigen nach Oslo verlegte, ist nicht bekannt. (dpa/W.B.)

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