Organspende

Lungentransplantation – die Königsdisziplin der Chirurgie

Foto: Getty Images / Toronto Star/Getty Images

Berlin  Niki Lauda lebt mit einer transplantierten Lunge. Die Operation ist noch längst nicht Routine – und die Spendebereitschaft ist niedrig.

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Die Transplantation einer Lunge ist einer der größten Eingriffe, die die Medizin kennt. Niki Lauda hat ihn gut überstanden. Am vergangenen Donnerstag wurde dem dreifachen Formel-1-Weltmeister ein neues Organ implantiert, bereits 24 Stunden später sei der 69-Jährige wieder bei vollem Bewusstsein gewesen, teilte das Allgemeine Krankenhaus in Wien am Montag mit. Er könne selbstständig atmen, „seither kam es zu einer kontinuierlichen Verbesserung, alle Organe funktionieren gut“, hieß es weiter.

Die Chancen, dass Niki Lauda mit dem neuen Organ gut leben kann, stehen gut. Die Statistik sagt, dass von 100 Patienten 95 das Krankenhaus nach einer Lungentransplantation verlassen. Dass nach einem Jahr noch mehr als 80 Prozent leben, nach fünf Jahren je nach Eingriff 60 bis über 70 Prozent. Doch diese Zahlen sind an harte Bedingungen geknüpft.

„Die Patienten müssen für immer Medikamente einnehmen“, sagt Professor Christian Witt, Leiter der ambulanten Pneumologie an der Charité. Niki Lauda bleibe ein Leben lang Patient, hat auch sein behandelnder Arzt Walter Klepetko gesagt.

Erste Lungentransplantation: Patient starb 18 Tage später

Bei den Medikamenten handelt es sich um sogenannte Immunsuppressiva. Wirkstoffe, die das Immunsystem des Menschen unterdrücken. „Würde man sie nicht geben, würde der Körper das neue Organ abstoßen“, erklärt Witt. Obwohl bei der Auswahl des Organs darauf geachtet werde, dass die Blutgruppe von Spender und Empfänger und bestimmte Gene übereinstimmten, erkenne der Körper das Organ als fremd. „Das Immunsystem bläst die Fanfaren wie in den Napoleonischen Kriegen und kämpft gegen das Fremde“, sagt Witt, „das gilt es zu unterbinden.“

Mit der Unterdrückung des Immunsystems begann auch die erst junge Geschichte der erfolgreichen Lungentransplantation. Erste Versuche gab es in den 1940er- und 50er-Jahren mit Hunden. Sie starben nach kurzer Zeit. Am 11. Juni 1963 gelang dem US-amerikanischen Chirurgen James Hardy die erste Transplantation einer Lunge beim Menschen. Der wegen Mordes verurteilte John Russell starb mit 58 Jahren 18 Tage nach dem Eingriff.

Noch lange kein Routine-Eingriff

Fünf Jahre später operierte der belgische Chirurg Fritz Derom einen jungen Mann. Der Eingriff gilt als die weltweit erste erfolgreiche Lungentransplantation: Der 24-Jährige überlebte zehn Monate. Aber erst mit Einführung von Immunsuppressiva wie Ciclosporin Anfang der 80er-Jahre wurde aus höchst riskanten chirurgischen Pioniertaten ein regulärer medizinischer Eingriff.

Von Routine kann trotzdem nicht die Rede sein. So wurden im vergangenen Jahr laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Deutschland 309 Lungen in 13 Kliniken transplantiert. Die meisten in Hannover. Das ist nicht einmal eine Lunge am Tag, die irgendwo in Deutschland verpflanzt wurde. Damit ist die Lungentranplantation eine der selteneren Eingriffe. Dennoch wurden seit 1963 in Deutschland 5880 Lungen verpflanzt. Demgegenüber stehen 84.310 Nieren, 24.561 Lebern, 12.772 Herzen.

Niki Laudas OP dauerte sechs Stunden

Die Transplantation einer Lunge gehört zu den Königsdisziplinen der Chirurgie. Es gibt Transplantationen von ein oder zwei Lungenflügeln, aber auch von Herz und Lunge. „Wir nehmen ein Spenderorgan, um es in jemand anderen zu implantieren – damit wird es anspruchsvoll“, sagt Witt.

Bis zu zehn Stunden dauert die Operation, bei Niki Lauda waren es sechs. Ist das Spenderorgan eingetroffen und hat es der Transplanteur für gut befunden, wird der Brustkorb des Empfängers meist seitlich geöffnet und die kranke Lunge gelöst – von den Hauptbronchien, die jeweils einen der beiden Lungenflügel mit Sauerstoff versorgen; von den Lungenarterien, die das sauerstoffarme Blut vom Herzen zur Lunge transportieren; und von den Lungenvenen, die das mit Sauerstoff angereicherte Blut zum Herzen zurückführen.

Laudas Lunge war seit Unfall 1976 schwer geschädigt

„Dann setzt der Chirurg das Spenderorgan ein und vernäht Hauptbronchien, Arterien und Venen mit den Gefäßen des Empfängers“, erklärt Witt. Da die Lungenflügel einzeln transplantiert werden, erfolgt die Beatmung meistens durch den verbleibenden Lungenflügel. Auch der neu eingesetzte Flügel kann oft schon den Körper mit Sauerstoff versorgen.

Nach der Operation sollen die Patienten möglichst schnell ohne Beatmungsschlauch atmen. „Bei einfachen Fällen geht das vielleicht schon nach zwölf Stunden, und der Patient ist munter“, sagt Laudas Arzt Klepetko. „Die Herausnahme des Schlauches ist immer ein entscheidender Moment.“

Lauda hat diese Hürde genommen. Der Österreicher brach im Juli einen Urlaub ab, um sich wegen einer verschleppten Sommergrippe behandeln zu lassen. Sein Zustand war offenbar ernst, seine Lunge war seit seinem schweren Unfall 1976 auf dem Nürburgring schwer geschädigt.

So entscheidet sich, wer ein Organ erhält

Dass der ehemalige Rennfahrer und Unternehmer so schnell operiert werden konnte, hat mit dem Vergabeverfahren von Organen zu tun. „Es gibt eine wichtige Leitfrage: Welches Risiko hat der Patient, in der Wartezeit zu versterben?“, sagt Christian Witt.

In Deutschland ermittelt der sogenannte Lung-Allocation-Score (LAS) anhand von Daten wie Lungenfunktion, anderen Vorerkrankungen, Alter und der Überlebenswahrscheinlichkeit nach der Operation eine Dringlichkeit zwischen 0 und 100.

Zusätzlich sieht sich ein Transplantationspsychologe den potenziellen Empfänger genau an: Wie ist sein Lebensumfeld, wird er für eine regelmäßige Einnahme der Medikamente sorgen, wird er darauf achtgeben, sich keinem Infektionsrisiko auszusetzen?

Zahl der Spenderorgane ist noch immer zu niedrig

„Ein Patient muss den psychischen Antrieb haben, gesund zu werden“, sagt auch Klepetko. Der Überlebenswille müsse da sein. „Zwar ist das Organ in erster Linie für den Empfänger da. Aber es gilt auch umgekehrt“, bestätigt Witt. „Die Zahl der Spenderorgane ist noch immer zu niedrig, deswegen ist es so wichtig, dass wir uns die Empfänger vorher ganz genau ansehen“, sagt Witt und plädiert für eine größere Spendenbereitschaft. „Dann werden auch unsere Spielräume größer.“ Allein in Deutschland warten 10.000 Menschen auf ein Spenderorgan.

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