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Mandoki über seine Generation: „Wir haben es vermasselt“

Der Musiker und Produzent Leslie Mandoki.

Der Musiker und Produzent Leslie Mandoki.

Foto: Tobias Hase / picture alliance/dpa

Berlin.  Der Musiker Leslie Mandoki spricht über sein neues Album und seine politischen Ideale und das Versagen seiner Generation.

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Leslie Mandoki (66) ist alte Schule. Wer sich als Journalist mit ihm zu Interview verabredet, darf erwarten, dass er um halb neun Uhr morgens im gebügelten Hemd am verabredeten Ort erscheint. Seit fast drei Jahrzehnten führt der Musiker und Produzent von Künstlern wie Phil Collins, Lionel Richie, Jennifer Rush oder auch Andreas Bourani das Jazzrock-Projekt Mandoki Soulmates an. Mit seinem neuen Doppelalbum „Living in the Gap + Hungarian Pictures“ einem zweistündiges Progressive-Rock-Album, will er aufrütteln und politisch „den Finger in die Wunde legen“.

Zu den „Soulmates“ gehören rund zwei Dutzend Musikgrößen

Dabei hat er viele Themen, die in ihm arbeiten, die er ansprechen und debattieren will. „Vergangenes Jahr hatten wir Standing Ovation in New York, da dachte ich: ,Gut, was willst du jetzt noch mehr’. Aber ich möchte gesellschaftlich etwas bewegen.“ Klimapolitik, die Idee eines geeinten Europas, einer Solidargemeinschaft beschäftigen Mandoki.

„Als Deutscher, als einst illegaler Einwanderer, der wegen der Zensur aus einer Diktatur floh, ist mir die gesellschaftspolitische Relevanz unserer Musik seit jeher wichtig“, erklärt der Musiker, der in Tutzing bei München wohnt.

Dort lebt er mit seiner Familie, seinen drei erwachsenen Kindern, die nicht minder politisch engagiert sind. Seine Tochter Julia Mandoki demonstrierte im Jahr 2018 im Hambacher Forst und fiel von einer sechs Meter hohen Leiter. Seine Tochter Julia Mandoki demonstrierte im Jahr 2018 im Hambacher Forst und fiel von einer sechs Meter hohen Leiter. Wenige Tage zuvor war dort ein Journalist tödlich verunglückt.

Mandoki gilt als Netzwerker

Der Musiker gilt als Netzwerker Mandoki gilt als Netzwerker. Wie kaum einem anderen Pop-Künstler gelingt es dem Mann mit dem markanten Schnauzbart, Fäden aufzunehmen und zu knüpfen – zu Politikern, Wirtschaftslenkern oder anderen Musikern. Bester Beleg: sein vor fast 30 Jahren ins Leben gerufenes Projekt Mandoki Soulmates. Zu den „Soulmates“, den „Seelenverwandten“, gehören im Jahr 2019 rund zwei Dutzend Musikgrößen – darunter: Al Di Meola, Randy Brecker, Till Brönner, Mike Stern, Jethro-Tull-Chef Ian Anderson sowie die Sänger Chris Thompson (Manfred Mann’s Earthband), Bobby Kimball (Toto), Peter Maffay und David Clayton-Thomas (Blood, Sweat & Tears).

Dafür ist er auch bereit, ein finanzielles Risiko einzugehen. In Zeiten von Streaming und kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspannen für Musik veröffentlicht Mandoki ein Doppelalbum in einem Genre, das viele Jugendliche nur noch aus Erzählungen ihrer Eltern kennen dürften: Progressive Rock.

Und nicht nur das: Auf der zweiten Hälfte der Platte verarbeitet er Motive des ungarischen Komponisten Béla Bartók in einer 46 Minuten langen Suite. Und entgegen aller Unkenrufe, wonach sich heute für derart komplexe Musikwerke kein Publikum mehr fände, stieg das Konzeptalbum nun auf Platz 14 in die offiziellen Verkaufscharts ein und landet bei den reinen CD und Platten-Charts von MediaMarkt-Saturn sogar auf Platz 9.

„Fridays for Future“-Demos sind Mandoki wichtig

Vor zwei Jahren, also noch lange vor den „Fridays for Future“-Demonstrationen, schrieb Mandoki den Song „Young Rebels“ – eine der Singles des aktuellen Albums. „Es geht um unser eigenes Generationsversagen. Wir hatten nach dem Fall der Mauer alle Möglichkeiten, eine achtsame und gerechte Gesellschaft zu bauen, bei der die Menschen im Mittelpunkt stehen und nicht Egoismus und Gier. Heute sehen wir Rüstungsausgaben wie zu Zeiten des kalten Krieges, massive Umweltzerstörung und nie dagewesenes soziales Ungleichgewicht. Wir haben es vermasselt! Es ist eine Schande, dass unsere Kinder heute auf die Straße gehen und demonstrieren müssen, weil wir den Generationsvertrag gebrochen haben.“

Er kritisiert Filterblasen und Kommunikationsunfähigkeit – sein Lieblingsbegriff ist die „Wagenburg der Narrative“, aus der man sich befreien müsse, um der Spaltung unserer Gesellschaft „durch echten gesellschaftlichen Diskurs“ entgegenzuwirken. Die vier „Albumvorstellungskonzerte“, wie er sie nennt, hat er mit seiner Firma diesmal auf eigene Faust organisiert. Sein Lebensmotto „immer Rebell zu sein“ ist ihm geblieben.

Die „Mandoki Soulmates“ treten in vier deutschen Städten auf. Am 31. Oktober in der Hamburger Laeiszhalle, am 7. November im Circus Krone, am 8. November im Konzerthaus in Dortmund und am 9. November im Konzerthaus in Berlin.

• Alle Infos auf: mandoki-soulmates.com

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