UN-Bericht

Der Mensch verdrängt eine Million Tier- und Pflanzenarten

Warum wir mehr Agrobiodiversität brauchen.

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Paris/Berlin  Zum ersten Mal seit vielen Jahren gibt es einen globalen Report zur Artenvielfalt der Erde. Die Forscher zeichnen ein düsteres Bild.

Verschwindet wieder einmal eine Art von diesem Planeten, geschieht das in aller Stille. Nur selten schaffen es Exemplare auf die bunten Seiten der Zeitungen – wie jüngst die letzte weibliche Jangtse-Schildkröte, die ausgerechnet den Versuch, sie künstlich zu befruchten, nicht überlebte. Oder Sudan, das letzte männliche Nördliche Breitmaulnashorn der Welt, das in einem Reservat in Kenia lebte und starb und einen eigenen Twitter-Account hatte.

Meistens aber nimmt der Mensch kaum Notiz von all den verlorenen Überlebenskämpfen überall auf der Welt. Doch nun macht die Wissenschaft Lärm. Über drei Jahre hinweg haben 145 Forscher des Weltbiodiversitätsrats IPBES, das Pendant zum Weltklimarat IPCC, das Wissen über den Zustand der Erde aus 15.000 Quellen zusammengetragen, analysiert und bewertet.

Am Montag stellten sie eine 40-seitige Zusammenfassung des umfangreichsten Berichts zur Vielfalt der Arten in Paris vor – mit einem erschreckenden Ergebnis: Eine Million Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht – mehr als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte. Viele von ihnen werden die kommenden Jahrzehnte nicht überleben.

Weltbiodiversitätsrat IPBES: Größtes Artensterben seit Verschwinden der Dinosaurier

„Die Gesundheit der Ökosysteme, von denen wir und alle anderen Arten abhängig sind, verschlechtert sich schneller denn je“, mahnte der IPBES-Vorsitzende Sir Robert Watson. Die Wissenschaftler haben das größte Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier von der Erde dokumentiert. So sind mehr als 40 Prozent der Amphibienarten bedroht, fast 33 Prozent der riffbildenden Korallen und mehr als ein Drittel aller Meeressäugetiere. Die Vielfalt der Landlebewesen und -pflanzen ist seit 1900 um zwanzig Prozent gesunken.

Besonders betroffen sind laut dem Bericht die Tropen. So gingen zwischen 1980 und 2000 100 Millionen Hektar Tropischer Regenwald verloren, Lebensraum unzähliger Tier- und Pflanzenarten. Die Bäume fielen und brannten hauptsächlich für Weideflächen in Lateinamerika und Plantagen zur Gewinnung von Palmöl in Südostasien. Zum Vergleich: Die Gesamtfläche der Bundesrepublik Deutschland beträgt rund 36 Millionen Hektar.

„Es ist erschreckend, wie stark sich der negative globale Trend in allen Aspekten der Biodiversität und des Zustands der Ökosysteme abzeichnet“, sagt Professorin Almut Arneth vom Karlsruher Institut für Technologie und eine der Leitautorinnen des Berichts. „Plakativ formuliert: Fast alle Entwicklungen, die wir uns angesehen haben, zeigen nach unten.“

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Diese Faktoren führen zum Artensterben

Die Forscher haben in ihrem Bericht fünf sogenannte Haupttreiber ausgemacht, die das Sterben der Arten negativ beeinflussen: Die Nutzung von Land und Gewässern, die Jagd auf Tiere, der Wandel des Klimas, die Verschmutzung der Umwelt und der Einfluss sogenannter invasiver Arten, die heimische Arten verdrängen. Und überall hat der Mensch seine Finger im Spiel. So sind laut dem IPBES-Bericht dreiviertel der Landfläche und 66 Prozent der Meere entscheidend durch den Menschen verändert.

Die Größe der besiedelten Flächen hat sich seit 1992 mehr als verdoppelt. Mehr als ein Drittel der Landoberfläche und fast 75 Prozent der Frischwasserquellen werden für die Produktion von Lebensmitteln genutzt. Eine mehr als Verdopplung der Bevölkerung seit 1970 auf 7,6 Milliarden, steigender Wohlstand, eine stetig wachsende Nachfrage nach Konsumgütern und ressourcenaufwendige Nahrungsmittel wie Fleisch, damit eine wachsende Industrie, die zu einer immer stärkeren Verschmutzung der Umwelt beiträgt: Mit seiner Art zu leben und zu wirtschaften zerstört der Mensch die Vielfalt der Natur – und schadet sich selbst.

Der Mensch untergrabe die Grundlagen seiner eigenen Wirtschaft, seine Ernährungssicherheit, Gesundheit und Lebensqualität, sagte IPBES-Chef Watson. Tatsächlich ist der Mensch in hohem Maße abhängig von der Natur. Sie ist seine Existenzgrundlage. „Wir tragen Baumwollkleidung, brauchen Holz für unsere Möbel, wollen essen, suchen Naherholung in der Natur“, sagt Arneth, „all das hat mit Ökosystemen zu tun.“

Verschwindet also eine einzelne Art, bedeutet das nicht einfach nur eine Art weniger auf einem Planeten, der Schätzungen zufolge acht Millionen Arten beherbergt, davon allein 5,5 Millionen Insekten. So dramatisch steht es um die Insekten in Deutschland.

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Artensterben: Der Mensch schadet sich selbst mit seinem Handeln

Diese verschwundene Art hinterlässt ein Loch im Netz der Ökosysteme. Vielleicht kann eine andere Art dieses Loch stopfen, vielleicht nicht. „Ab wann das Aussterben einzelner Arten essenziell für Ökosysteme ist, wissen wir noch nicht genau“, sagt Almut Arneth.

Hier bedürfe es noch weiterer Forschung. Klar ist jedoch: In der Natur hängt alles mit allem zusammen. „Das unverzichtbare, miteinander verwobene Netz des Lebens auf der Erde wird kleiner und zunehmend löchriger“, sagt Professor Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) und einer der Leitautoren des Berichts.

„Dieser Verlust ist eine direkte Folge der menschlichen Aktivität und ist eine direkte Bedrohung für das Wohl der Menschen auf der ganzen Welt.“ Der Bericht, der in seiner ganzen Länge von mehr als 1500 Seiten, im Laufe des Jahres vorgestellt wird, soll als Handlungsempfehlung für die Regierungen der einzelnen Länder dienen. Besonders wichtig ist der Report für die Weltartenschutzkonferenz im nächsten Jahr in China. Dort sollen die Eckpunkte für den weltweiten Artenschutz nach 2020 festgelegt werden.

Die Herausforderungen seien immens, sagt Arneth. „Jedes weitere Jahr macht es schwieriger, noch etwas zu bewirken“, sagt die Wissenschaftlerin und fordert gemeinsam mit ihren Kollegen aus aller Welt ein möglichst schnelles Handeln. „Wir haben in unserem Bericht gezeigt, dass es nicht den einen goldenen Lösungsweg gibt“, sagt Arneth. Produktionswege müssten sich ändern, ebenso wie das Konsumverhalten. „Verbraucher, Regierungen, Kommunen – alle müssen an einem Strang ziehen.“ (Laura Réthy)

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