Schüsse

Polizei: Was steckt hinter den tödlichen Einsätzen?

| Lesedauer: 10 Minuten
Dortmund: Kerzen erinnern an den Tod eines 16-jährigen Jugendlichen.

Dortmund: Kerzen erinnern an den Tod eines 16-jährigen Jugendlichen.

Foto: Bernd Thissen / dpa

Berlin .  Vier Menschen sind in einer Woche bei Polizeieinsätzen gestorben. Ein Trend? Nein, sagen Forscher. Sie fordern dennoch Konsequenzen.

Es ist ein brisanter Fall: Elf Polizisten und Polizistinnen schaffen es nicht, einen 16 Jahre jungen Mann zu entwaffnen. Der Angreifer trägt ein Messer, im Hof einer Jugendhilfeeinrichtung in Dortmund hantiert er mit der Klinge, die Einrichtung alarmiert die Polizei.

Er sei suizidgefährdet und schon psychisch auffällig gewesen, heißt es später. Die Beamten reden auf den Mann ein, versprühen Pfefferspray. Sie setzen nach Informationen unserer Redaktion auch eine Elektroschock-Pistole ein, einen sogenannten Taser. Doch der erste Schuss verfehlt den Jugendlichen, auch der zweite setzt ihn nicht außer Gefecht.

In dem Moment müssen die tödlichen Schüsse gefallen sein, heißt es in Sicherheitskreisen. Offenbar von einem Beamten, der auf dem Boden liegend die Situation absichert. Er schießt aus einer Maschinenpistole MP5, sechs Schüsse gibt er ab, fünf treffen den Jugendlichen in Kiefer, Bauch, Schulter und Unterarm. Die Ermittlungen gegen den Polizisten laufen. Geklärt werden soll, ob die Schüsse in der Situation notwendig waren – und warum der Beamte sechs Mal feuerte.

Polizei-Schüsse: 16-Jähriger stirbt im Krankenhaus

Es ist eine Polizeimeldung aus Dortmund, die auffiel. Doch es gab weitere Fälle in kürzester Zeit. Im benachbarten Oer-Erkenschwick rücken Polizisten aus, weil ein 39-Jähriger in seiner Wohnung randaliert. Auch hier lässt sich der Mensch nach Polizeiangaben nicht beruhigen, die Polizei habe ihn am Boden „fixieren“ müssen, heißt es. Er verliert das Bewusstsein, kommt ins Krankenhaus. Doch am Ende stirbt er.

In Frankfurt soll ein 23-Jähriger im Bahnhofsviertel Prostituierte bedroht und Polizisten angegriffen haben. Die Beamten schießen auf den Mann, auch er stirbt. In Köln müssen sich Beamte im Einsatz bei einer Zwangsräumung gegen einen Mieter wehren. Pfefferspray hilft nach Angaben der Polizei nicht, auch hier machen sie von der Waffe gebraucht, auch hier stirbt der Mann.

Eine Woche – vier Fälle, in denen Polizisten zur Waffe greifen. Zusammenhänge gibt es keine, aber die Häufigkeit hat eine Debatte ausgelöst. Allerdings sind die entscheidenden Details noch unklar, um Schuldige zu benennen, die Ermittlungen sind gerade angelaufen. Dabei sind gerade die Details wichtig: Wie groß war der Abstand zwischen Opfer und Täter? Wie bedrohlich nahe kam der Mann mit dem Messer? Wurde der Elektroschocker richtig eingesetzt?

Kein Trend erkennbar: Gewisse Schwankungen sind normal

Die Statistik dieser Woche fällt auf. Doch sie lässt nach Einschätzung von Fachleuten keine Rückschlüsse auf Trends zu. „Die Fallzahlen von Tötungen durch Polizistinnen und Polizisten im Einsatz sind in Deutschland relativ gering. Gewisse Schwankungen sind daher normal, generelle Veränderungen lassen sich erst nach einigen Jahren ablesen“, sagt Tobias Singelnstein, Kriminologe und Professor an der Goethe-Universität Frankfurt, im Gespräch mit unserer Redaktion.

Doch gibt es Veränderungen in der Gesellschaft oder bei der Polizei, die solche Tötungsdelikte ansteigen lassen? Fachleute wie Singelnstein verweisen auf die derzeit verdichteten Krisen hin: allen voran die Corona-Pandemie, mit Sorgen um die Gesundheit, aber auch mit strikten Maßnahmen wie der Lockdown. Studien weisen deutlich darauf hin, dass Vereinsamung in den Corona-Jahren zugenommen hat – und auch psychische Erkrankungen, gerade bei jungen Menschen.

Doch auch der Krieg in der Ukraine, die Energiekrise und die steigenden Preise können Effekte auf Polizeieinsätze haben. Die „aufgeheizte Stimmung“ wirke sich nicht nur auf die Gesellschaft insgesamt aus, „sondern kann auch einzelne Personen stark belasten und so zu einer Zunahme von Einsatzsituationen führen“, sagt Kriminologe Singelnstein.

Die Anzahl der Körperverletzungen und der Raubdelikte ist seit Jahren rückläufig

Täglich gibt es Polizeimeldungen über Messerangriffe. Mehrfach gab es zuletzt Amoktaten mit mehreren Opfern, bei denen die Täter vorher psychisch auffällig gewesen sind, wie etwa bei der Amok-Fahrt nahe des Berliner Breitscheidplatzes im Juni.

Allerdings gilt auch: Die Anzahl der Körperverletzungen und der Raubdelikte ist seit Jahren rückläufig. Delikte wie Mord und Totschlag steigen nicht an. Die Gesellschaft ist sicherer geworden, heben Polizei und Politik hervor.

Es gibt aber, darauf weisen Forscher hin, auch ein gewachsenes Bedürfnis an Sicherheit und Schutz in der Gesellschaft. Das gilt nicht nur für Nachbarschaften, für die Fahrt in der Bahn oder den Spaziergang abends im Park. Das gilt auch für die Polizei. „Beamtinnen und Beamte wollen sich stärker schützen“, sagt Singelnstein. Die Eigensicherung im Einsatz ist ein Thema, das auch von den Gewerkschaften seit einigen Jahren stark beworben wird. Die Schutzausrüstung der Polizistinnen und Polizisten im Dienst ist gewachsen. Seit den Terrorangriffen von Paris 2015 ist auch eine Maschinenpistole Typ MP5 im Einsatzalltag in Deutschland nicht unüblich.

Dieser höhere Selbstschutz sei einerseits „sehr nachvollziehbar“, sagt Kriminologe Singelnstein, andererseits könne das dazu führen, dass die Polizei im Einsatz schneller Schusswaffen einsetze.

2020 und 2019 starben demnach jeweils 15 Menschen durch Polizisten im Dienst

Clemens Lorei von der Hessischen Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit hat sich seit Jahren auf Schusswaffengebrauch bei Polizeieinsätzen konzentriert. Seine Statistiken zeigen einen leichten Anstieg in den vergangenen Jahren – aber keinen deutlichen. 2020 und 2019 starben demnach jeweils 15 Menschen durch Polizisten im Dienst. 2012 und 2013 waren es nur acht. Allerdings: 1995 waren es schon einmal 19, und 1999 ebenfalls 15.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) will sich zu den aktuellen Fällen nicht äußern und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abwarten. Soviel will der stellvertretende Vorsitzende der GdP in Nordrhein-Westfalen, Michael Maatz, aber sagen: „Waffeneinsatz ist auch für erfahrene Beamtinnen und Beamte eine Ausnahmesituation.“ Doch gerade beim Einsatz von Messern durch Angreifer sei die Gefahr groß. „Schon ein Stich kann tödlich sein, wenn eine wichtige Arterie verletzt wird.“ Gerade Jugendliche würden einen leichtsinnigen Einsatz von Messern zeigen. „Hier braucht es mehr Aufklärung über die Gefahren von Messer-Attacken.“

Allerdings gilt auch hier: Die Polizei erhebt Messerangriffe statistisch überhaupt erst seit 2019 – ein valider Trend lässt sich nicht erkennen. Die Zahlen sinken demnach leicht, allerdings nimmt die Zahl der schweren Verletzungen durch solche Straftaten zu. Was sich auch sagen lässt: Die Täter sind zu 90 Prozent Männer, jeder zweite unter 30. Oft sind die Angreifer nicht in Deutschland sozialisiert.

Greifen Menschen mit Messern an, bleibt für Polizisten nur der Bruchteil einer Sekunde

Täter mit einer Migrationsgeschichte und Täter, die psychisch erkrankt sind – es sind diese Menschen, auf die Polizisten im Alltag häufiger treffen. So war das Opfer in Dortmund in einer Einrichtung der Jugendhilfe und galt als suizidgefährdet.

Es gibt keine Statistiken, ob diese Menschen auch häufiger Opfer von Schusswaffen-Gewalt durch die Polizei sind. Es bleiben vorerst nur Fragen für diese Einsätze: Sind die Beamten ausreichend für den Umgang mit psychisch erkrankten Personen ausgebildet? Finden sie die richtige Ansprache? Sprechen die Täter kein Deutsch – was dann? Welche Vorurteile gibt es bei Polizisten? Welche bei den Tätern?

Greifen Menschen mit Messern an, bleibt für die Polizisten meist nur der Bruchteil einer Sekunde Zeit, die Attacke abzuwehren. Erfahrene Beamte berichten, dass dann gezielte Schüsse auf Arm oder Bein kaum noch möglich sind.

Vor Jahren hat eine Debatte dazu geführt, dass die Polizei in Deutschland neue Munition beschafft hat, im Polizisten-Deutsch „mannstoppende“ Munition. Die Kugel schlägt nicht mehr so stark durch, bleibt im Körper des Getroffenen. Die Person ist so für einige Sekunden außer Gefecht – allerdings ist auch die verletzende Wirkung durch die Energie des Geschosses höher. Ob das ein Faktor bei Tötungsdelikten im Einsatz ist, ist unklar.

Beamte müssen rechtlich eine Mindestzahl an Übungen absolvieren

Polizisten müssen den Einsatz an der Waffe trainieren, nicht nur in der Ausbildung, sondern auch regelmäßig in ihrer Laufbahn. Wer mit Gewerkschaftern spricht, hört seit vielen Jahren die Klage darüber, dass Trainingszeiten aufgrund hoher Belastung ausfallen würden. Dass Schießstände nicht mit moderner Technik ausgestattet würden.

Klar ist: Beamte müssen rechtlich eine Mindestzahl an Übungen absolvieren, um eine Dienstwaffe zu nutzen. Polizisten berichten auch vom Ausfall von Fortbildungen – aber eher selten bei den Schießtrainings. Auch die GdP in Nordrhein-Westfalen, dort, wo drei der vier jüngsten Todesfälle passiert sind, sieht hier kein Problem: „Aktuell lässt sich aber sagen, dass die Schießausbildung in Nordrhein-Westfalen top ist. Andere Bundesländer beneiden uns für die Intensität der Ausbildung und die Qualität der Schießanlagen“, sagt Polizist Maatz.

Nun sind vier Menschen innerhalb von einer Woche getötet worden. Die Staatsanwaltschaften ermitteln, sind nicht Teil der Polizei. Doch Polizistinnen und Polizisten vernehmen für die Staatsanwälte Zeugen, sichern Spuren. Im Dortmunder Fall übernehmen dies die Beamten aus dem Revier in Recklinghausen. Brisant hier: Dortmunder Polizisten ermitteln zum Todesfall in Oer-Erkenschwick, Dienstbereich Recklinghausen.

„Polizisten sehen andere Polizisten nicht als herkömmliche Beschuldigte“

Dass in solchen Fällen ermitteln, ist schon seit vielen Jahren umstritten. Fast nie kommt es nach Tötungsdelikten zu einem Urteil gegen einen Beamten. Allerdings ist das höchstens ein Indiz für mangelnde Beweisführung, denn ein Gericht bewertet unabhängig von der Polizei die Ermittlungen.

Und doch halten Fachleute es zwingend für notwendig, dass mehr Unabhängigkeit in diese Verfahren kommt. „Polizisten sehen andere Polizisten nicht als herkömmliche Beschuldigte. Das ist menschlich auch nachvollziehbar, und aus anderen Bereichen und Branchen kennen wir Korpsgeist auch. Hier braucht es dringend tatsächlich unabhängige Ermittlungsstellen“, sagt Kriminologe Singelnstein.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Panorama

Liebe Nutzerinnen und Nutzer:

Wir mussten unsere Kommentarfunktion im Portal aus technischen Gründen leider abschalten. Mehr zu den Hintergründen erfahren Sie
» HIER