ARD-Krimi

Schweiz-Tatort: Das geschah wirklich in den 80ern in Zürich

Kommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher,), Kommissarin Tessa Ott (Carol Schuler) und Staatsanwältin Anita Wegenast (Rachel Braunschweig, von links nach rechts) im neuen Schweizer Tatort „Züri brännt“.

Kommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher,), Kommissarin Tessa Ott (Carol Schuler) und Staatsanwältin Anita Wegenast (Rachel Braunschweig, von links nach rechts) im neuen Schweizer Tatort „Züri brännt“.

Foto: Sava Hlavacek / dpa

Zürich.  Der Schweizer Tatort wagt sich mit den Jugendunruhen der 80er an ein historisches Thema. Es gibt aber auch Parallelen zur Gegenwart.

Neue Stadt, neues Ermittlerteam, neue Konflikte – und eine Reise in die Vergangenheit. Die Folge „Züri brännt“ bildete den Auftakt für das neue Tatort-Ermittlerduo, das mit den Schauspielerinnen Anna Pieri Zuercher und Carol Schuler ausschließlich weiblich besetzt ist. Zwei Kommissarinnen, die nicht ungleicher sein könnten.

So ist das erste Kennenlernen der beiden Frauen in dem Tatort aus Zürich ziemlich frostig und distanziert. Das wird auch nicht besser, als sie sich einem dunklen Kapitel der Stadt widmen müssen, in das – wie sich hinterher herausstellt – ihre Polizeikollegen stärker involviert sind als sie zunächst zugeben. Eine gute Portion Misstrauen ist hier also sogar ganz nützlich, erleichtert den Frauen ihren Start aber keineswegs.

Zunächst müssen sie sich mit einer Brandleiche am Zürichsee beschäftigen, dann rückt ein zweiter Mord in den Fokus, der aber schon einige Jahre zurückliegt. Genauer gesagt in den 80er Jahren während der sogenannten Jugendunruhen in Zürich geschah. Hin und wieder zeigt der „Tatort“ Original-Filmmaterial aus dieser Zeit, blendet aufgeregte Szenen ein, hier und da ist Feuer zu sehen. Im Krimi ist die Rede von Polizeigewalt, von Demonstranten, die Steine auf Beamte warfen, und Jugendlichen, die Nächte im Gefängnis verbrachten.

Tatort aus Zürich: Wie kam es zu den Unruhen?

Diese Unruhen haben damals wirklich stattgefunden. Was aber geschah tatsächlich? Wie kam es dazu? Haben sie noch einen Bezug zur Gegenwart? Und gab es diesen Kriminalfall, von dem der „Tatort“ handelt, wirklich?

Im Mai 1980 genehmigt der Zürcher Stadtrat die Renovierung des Opernhauses, nicht aber die Errichtung eines autonomen Jugendzentrums (AJZ). Die Stadt hatte der damaligen Jugend bis dato immer wieder eigene Räume versprochen, doch nichts geschah.

Am 30. Mai 1980 eskaliert die Situation. Die Jugend – bestehend aus Studenten, Arbeitern, Künstlern und Intellektuellen – kommt zu einer Demo vor dem Opernhaus zusammen. Aus dem friedlichen Protest heraus entwickeln sich Auseinandersetzungen, als plötzlich dutzende Polizisten in Kampfausrüstung auftauchen.

Unruhen: Hunderte Verletzte, Tausende Verhaftete, eine Tote

Das Sozialarchiv der Schweiz dokumentiert dazu: „Die Demonstrierenden warfen Bretter, Farbbeutel und Eier gegen die Polizei, diese antwortete mit dem Einsatz von Gummischrot und Tränengas. Bis in die Morgenstunden hinein kam es sodann rund ums Bellevue zu Randalen.“ Die Demonstration artet in Krawall aus.

Fast zwei Jahre lang geht das so. Die Gewalt erreicht für Zürich ein bisher nicht da gewesenes Ausmaß. Die Neue Zürcher Zeitung schreibt zu den damaligen Protesten: „eine in der Schweiz einzigartige Gewaltspirale zwischen den ‘Bewegten’ und der Polizei.“

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Die Bilanz fällt verheerend aus: Hunderte Verletzte, Tausende Verhaftete und sogar eine Tote. Eine Frau verbrennt sich aus Protest. Der Fall im aktuellen „Tatort“ ist allerdings rein fiktiv. Dass eine Frau durch die Gewalteinwirkung von zwei Polizisten zu Tode kommt, ist nicht bekannt.

Dass die Situation damals derart eskaliert, verwunderte den ehemaligen Schweizer Regierungsrat und Politiker Alfred Gilgen nicht. Gegenüber dem Tagesanzeiger sagte er 2015: „Wenn man an der Oberfläche kratzt, gab es zwei Hauptgründe. Erstens hatte der Stadtrat sein Versprechen eines Jugendhauses 30 Jahre lange nicht eingelöst oder nicht einlösen können. Dann hatten die Demonstranten aber auch kritisiert, die Mittelverteilung in der Kultur sei unsinnig und einseitig. Da hatten sie ein Stück weit recht. Das meiste Geld floss in die großen Kulturinstitute, und für die kleinen blieb kaum etwas übrig.“

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Der Titel des Tatorts – nämlich „Züri brännt“ – ist zugleich der Titel eines Zürcher Punksongs, den die Gruppe TNT damals sang. Es wurde zu einer Art Hymne der damaligen Bewegung.

Schauspielerin erinnert sich selbst an Unruhen

Rachel Braunschweig, die im Tatort die Staatsanwältin spielt, kann sich noch gut an die Unruhen damals erinnern, wie sie gegenüber der ARD sagte: „1980 war ich zwölf Jahre alt und lebte im beschaulichen Horgen. Ich erinnere mich an eine Situation: An diesem Tag kam ich in Begleitung meiner Mutter vom Einkaufen aus einem Geschäft am Bellevue und der ganze Platz war voller Rauch und bewaffneter Polizei, die Gummigeschosse und Tränengas abfeuerten. Wir flüchteten über die Seitengassen. Das war sehr beängstigend.“

Als Teenager habe auch sie sich gegen die in ihren Augen Ungerechtigkeiten aufgelehnt: „Später waren es dann vor allem die illegalen Partys, an die ich mich gut erinnere. Oder, dass immer wieder neue Lokalitäten aufpoppten, nachdem die Polizei wieder mal einen Keller geräumt hatte. Alles in allem eine wichtige und wilde Zeit.“

Die Schauspielerinnen Anna Pieri Zuercher und Carol Schuler sehen in den Protesten von damals Verbindungen zur Gegenwart. „Wir leben gerade wieder in bewegten Zeiten, und ich finde es nach wie vor richtig und wichtig, dass die Menschen auf die Straße gehen, um zum Beispiel für Frauenrechte, gegen Rassismus, für das Klima oder wie damals für mehr kulturelle und autonome Freiräume zu kämpfen“, sagt Schuler.

Und Anna Pieri Zuercher findet: „Die Forderungen der damaligen Zeit sind auch heute noch gültig. Zum Beispiel haben die großen Institutionen, die großen Theater oder Opern schon immer viele Mittel vom Staat erhalten. Aber die kleineren Institutionen müssen weiterhin selbst über die materiellen Mittel verfügen, um ihre Projekte zu verwirklichen, was für sie nicht immer einfach ist.“ Ihre Empfehlung: Der Staat solle Forderungen und Sorgen der Jugendlichen von heute ernst nehmen. (jb)

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