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Transsexuellen-Gesetz: Endlich ein Stück Normalität

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Christopher Street Day in Schwerin: Die LGBTQ+-Community kämpft für mehr Vielfalt.

Christopher Street Day in Schwerin: Die LGBTQ+-Community kämpft für mehr Vielfalt.

Foto: ens Büttner / picture alliance/dpa

Berlin.  Transgender: Die Ampel macht es leichter, das Geschlecht und den Namen zu wechseln. Das ist längst überfällig, findet unsere Autorin.

Da ist etwas in Bewegung. An den Schulen, den Universitäten, in den Medien, in Unternehmen. Also eigentlich in der kompletten Gesellschaft. Es ist die Erkenntnis, dass es für einen kleinen, aber durchaus nennenswerten Teil der Menschen keineswegs selbstverständlich ist, dass ein biologisches Geschlecht auch zur geschlechtlichen Identität passt. Also dass ein Mensch mit Brüsten und Vagina eine Frau und ein Mensch mit Penis ein Mann ist.

Transsexualität hat viele Facetten. Da ist der Junge, der sich schon im Grundschulalter im falschen Körper fühlt und darunter leidet, dass er aufgrund äußerer Merkmale in eine Schublade gesteckt wird. Da ist die 14-Jährige, die sich die Haare abschneidet, Jungensachen anzieht und sich plötzlich Anton statt Antonia nennt und auf die Pronomen er/ihm/ihn statt sie/ihr/sie besteht.

Nonbinär: „Ich bin Toni. meine Pronomen sind Mensch/er“

Und da ist der Topmanager, der den Schritt wagt und sagt: Ich bin eine Topmanagerin; der Politiker, der zur Politikerin wird. Hinzu kommen Menschen, die sich keinem der beiden Geschlechter zugehörig fühlen, so wie Abiturient Toni, der neulich eine Schulveranstaltung moderierte und sich vorstellte mit der Information: „Meine Pronomen sind mensch/er.“

Was sie alle eint: Sie brauchen Unterstützung, Verständnis, Empathie, Toleranz – und vor allem Normalität. Damit die Frage ihrer geschlechtlichen Identität sie nicht in eine persönliche Krise stürzt, weil sie gesellschaftlich zum Paradiesvogel abgestempelt werden – was sie an einer normalen Entwicklung als Teil der Gesellschaft hindert.

Transgender geben ihrem inneren Drank nach – und nicht einem Trend

Was sie nicht brauchen, ist ein ständiges Hinterfragen, ein Prüfen, ein Begutachten. Auch nicht ein psychologisches. Wer für sich persönlich beschlossen hat, sein Geschlecht zu ändern, gibt damit einem inneren Drang nach – und nicht einem gesellschaftlichen Trend.

Genau das unterstellen Feministinnen rund um Alice Schwarzer oder auch die „Harry Potter“-Schriftstellerin Joanne K. Rowling. Geschlecht wechseln ohne psychiatrisches Gutachten, ohne einen offiziellen Stempel, halten sie für eine gefährliche Modeerscheinung.

Doch die Frage ist, was dieser Stempel bringt außer viel Leid. Denn eine Diagnose impliziert, es handelt sich um eine Krankheit. Doch genau das darf Transsexualität laut Weltgesundheitsorganisation nicht mehr sein.

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Sexuelle Vorlieben? Was geht das die Behörden an

Abgesehen davon: Es gibt keinen Katalog, in dem man ankreuzen kann, was jemanden zu einem anderen Geschlecht macht – nach dem Motto: Wie viele Stunden hat er früher mit Puppen gespielt? Oder: Sie war ja immer schon eher ein Raufbold. Dieses Schubladendenken entspricht Klischees.

Ebenso wie Fragen nach sexuellen Vorlieben und Sehnsüchten, durch die Betroffene ihr Innerstes offenlegen müssen, obwohl sie längst für sich eine Entscheidung getroffen haben.

Und was die Modeerscheinung angeht: Natürlich mögen sich manche die Augen reiben nach dem Motto: Das hat es früher nicht gegeben. Dem kann entgegengehalten werden: Weil der Deckel draufgehalten wurde. Jetzt ist er offen, und das ist für alle Betroffenen, die ohnehin schon schwer mit sich selbst zu kämpfen haben, eine wunderbare Entwicklung.

Transgender – das Geschlecht wählen zu dürfen, ist ein Menschenrecht

Insofern, und das hat die Ampel-Koalition richtig erkannt, ist es ein Menschenrecht, selbstbestimmt und nicht fremdbestimmt sein Geschlecht ändern zu dürfen. Es ist nicht länger eine Frage des Geldbeutels (Gutachten können Tausende Euro verschlingen) und auch nicht eine Frage der Toleranz einer Richterin oder eines Richters. Transsexuelle sind nur sich selbst verpflichtet – und das ist wahrlich mehr als genug.

Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.

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