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Texte gefälscht: „Spiegel“ entlarvt Betrüger im eigenen Haus

Das „Spiegel“-Verlagshaus in Hamburg.

Das „Spiegel“-Verlagshaus in Hamburg.

Foto: imago stock&people / imago/Westend61

Claas Relotius war mit seinen 33 Jahren ein junger Star im deutschen Journalismus. Nun kommt heraus: Er hat in großem Stil betrogen.

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Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat auf seiner Online-Seite einen internen Betrugsfall offengelegt. Demnach habe der Reporter Claas Relotius für seine vielfach ausgezeichneten Reportagen sich immer wieder Personen ausgedacht, Interviews gefälscht und ganze Absätze komplett erfunden. Der 33-jährige Journalist habe die Fälschungen inzwischen zugegeben und das Haus verlassen.

Anfang des Monats stand Relotius auf der Bühne des Deutschen Reporterpreises, wo er für „Ein Kinderspiel“, eine Reportage über einen syrischen Flüchtlingsjungen, den Hauptpreis erhielt. Darin geht es um einen Jugendlichen, der durch ein Graffito einen Aufstand provoziert, der den Syrienkrieg auslöst.

„Erdacht, erfunden, gelogen“

Die Juroren – darunter bekannte Journalisten wie Claus Kleber (ZDF) und Ines Pohl (Deutsche Welle) – attestierten dem Text „Leichtigkeit, Dichte und Relevanz“ und betonten, dass er „nie offenlässt, auf welchen Quellen er basiert“. Jetzt heißt es dazu auf „Spiegel Online“: „Vieles darin ist wohl erdacht, erfunden, gelogen.“

Das ist ein schwerer Vorwurf gegen einen Reporter, der in vier Jahren 55 Texte für das Hamburger Nachrichtenmagazin schrieb. Die Redaktion entschuldigt sich bei den Lesern und Abonnenten des Magazins. Aufgeflogen ist der Betrug – laut „Spiegel“ – nicht durch die Dokumentation, für die das Medienhaus bekannt ist, sondern durch einen aufmerksamen Kollegen, Juan Moreno, der mit Claas Relotius zusammen an einer Geschichte schrieb.

Relotius könnte Auszeichnungen verlieren

In „Jaegers Grenze“, einem Bericht über eine amerikanische Bürgerwehr, habe er Menschen zitiert, mit denen er nie gesprochen habe. Moreno reiste noch einmal an den Ort und fand Ungereimtheiten. Relotius redete sich erst heraus, aber irgendwann waren die Beweise erdrückend. Als Begründung gab er „Angst vor dem Scheitern“ an. Der „Druck, nicht scheitern zu dürfen, wurde immer größer, je erfolgreicher ich wurde“.

Unter den vielen Preisen, die Claas Relotius gewann, waren der Konrad-Duden-Preis, der Katholische und der Coburger Medienpreis. Er wurde „CNN Journalist of the Year“, bekam den Reemtsma Liberty Award und außerdem vier Reporterpreise. Zumindest die Kindernothilfe und der Reporterpreis haben inzwischen Konsequenzen angekündigt.

„Glaubwürdigkeit ist das wichtigste Gut“

Die Jury des Peter-Scholl-Latour-Preises entzog ihm den Preis für den Text „Löwenjungen“. Neuer Preisträger ist Raphael Geiger für seinen Text „Unter Ruinen das Leben“, der im „Stern“ erschienen ist.

Der Ex-Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert, dessen Stiftung den Preis verleiht, sagt: „Ich bin tief erschüttert über diesen Betrug. Glaubwürdigkeit ist das wichtigste Gut eines Journalisten.“

Auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) reagierte mit Betroffenheit. „Der vermeintliche Reporter hat nicht nur dem ‚Spiegel‘ großen Schaden zugefügt, sondern die Glaubwürdigkeit des Journalismus in den Dreck gezogen“, erklärte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall.

Relotius veröffentlichte auch in anderen Medien

Er appellierte auch an die anderen Medien, für die Reporter Claas Relotius geschrieben hat, ihre Texte zu untersuchen, darunter die „Neue Zürcher Zeitung am Sonntag“, „Cicero“, die „Financial Times Deutschland“, „taz“ und „Welt“.

Ein Besucher des Reporterpreises erinnert sich an eine merkwürdige Szene am Abend des 3. Dezember. Moderator Jörg Thadeusz holte den Gewinner mit einer lockeren Rede auf die Bühne: „Sie müssen doch schon damit rechnen, Ihren Namen hier graviert zu sehen.“

„Spiegel“ will eine Kommission einsetzen

Aber Relotius habe geantwortet, das Thema des Textes sei zu ernst für eine flapsige Ankündigung. Und dann nahm er den Preis ganz am Rand der Bühne entgegen, als traute er sich nicht in die Mitte, ins Rampenlicht.

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