Insekten

Hummelsterben: Warum unter Linden so viele tote Tiere liegen

Hummeln ernähren sich von Blütennektar und bestäuben bei ihrem Flug Pflanzen mit dem feinen Pollenstaub.

Hummeln ernähren sich von Blütennektar und bestäuben bei ihrem Flug Pflanzen mit dem feinen Pollenstaub.

Foto: Sven Hoppe

Essen.  Im Sommer finden Spaziergänger viele tote Hummeln unter Linden. Schuld haben aber nicht die Bäume selbst. Alles zum Hummelsterben gibt's hier.

Vereinzelt liegen sie auf dem Bordstein. Ganze Sammelstellen – es wirkt wie ein Friedhof – finden sich vor allem unter Krim- und Silberlinden. Die Rede ist von toten Hummeln. Doch warum gibt es dieses Massensterben unter den Bäumen?

Dr. Melanie von Orlow, Sprecherin und Koordinatorin der Fachgruppe Hymenopterenschutz vom NABU, erklärt, dass die Bäume lange unter dem Verdacht standen, giftig für die Tiere zu sein. Das ist jedoch nicht der Fall und die Erklärung für das Hummelsterben eine andere.

Hummelsterben - Warum liegen die Insekten ausgerechnet Linden?

Warum sterben Hummeln ausgerechnet unter Linden? Das liegt daran, dass die Krim- und Silberlinden nach Sommer- und Winterlinde die letzte Massenblüte sind. Sie blühen dann, wenn die meisten anderen Pflanzen schon verblüht sind und sind damit eine der letzten Futterquellen für Hummeln. „Es gibt nicht viel Auswahl an Pflanzen, die im Spätsommer noch blühen. Tropische Pflanzen aus dem Baumarkt zum Beispiel sprechen ganz andere Bestäuber wie Kolibris an. Damit können die Insekten hier nicht viel anfangen“, erklärt von Orlow.

Die ohnehin schon geschwächten Hummeln schießen sich also auf die spät blühenden Linden ein, haben aber aufgrund des mangelnden Angebots eine große Konkurrenz an den übrigen Nahrungsquellen. Denn Honigbienen können ihr Bienenvolk verständigen, wenn sie Nahrung gefunden haben und fliegen solche Nektar-Quellen gezielt zu mehreren an.

Hummeln sind Einzelgänger

Hummeln hingegen sind einsame Sammler. „Sie fliegen allein, sammeln allein, suchen alles ab und finden dabei vielleicht auch mal eine Blüte, die die Bienen links liegen lassen“, erklärt von Orlow. „Bienen haben einfach eine ganz andere Sammel-Aktivität, da kann die Hummel nicht mithalten.“

Auf ihrer Nahrungssuche verbrauchen Hummeln bei einem geringem Angebot von Blüten letztlich mehr Energie, als sie aufnehmen können. Wenn sie geschwächt die spät blühenden Linden erreichen und dort aufgrund der großen Bienen-Konkurrenz keine Nahrung mehr finden, verhungern sie. „Letztendlich ist es die Hummel, die das Nachsehen hat.“

Dass Hummeln eine kurze Lebensdauer haben und die Völker sich im Spätsommer bzw. frühen Herbst auflösen, ist normal und nicht weiter besorgniserregend. „Viele Leute denken, die Hummeln würden aussterben, wenn sie viele tote Hummeln unter den Bäumen entdecken, aber das ist nicht so“, erklärt von Orlow.

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Das größere Problem seien die ausgeräumte Landschaft und die moderne Landwirtschaft, die den Hummeln die Möglichkeiten zur Fortpflanzung nehmen. „Die Tiere brauchen vielfältige Strukturen – das heißt alles, was anders ist als gerade Flächen – und Nahrungsangebote.“

Das könnte zum Beispiel eine Blumenmischung mit Pflanzen sein, die das ganze Jahr blühen, anstelle von einem gemähten Rasen. Beliebt bei Hummeln sind außerdem Gewürz- und Steingartenpflanzen wie Glockenblumen, Storchenschnabel, Oregano, Minze und Laucharten. Beim Besuch im Baumarkt können Hummeln im Außenbereich ein Indikator für nektarreiche Pflanzen sein. Außerdem spricht Blütenstaub für nicht überzüchtete oder behandelte Pflanzen. Generell ist ein ausgewogenes Verhältnis von Früh- und Spätblühern wichtig.

Die Forscher Hauke Koch und Philip Stevenson von der Universität Greenwich beschrieben 2017 in einem biologischen Fachblatt ähnliche Erkenntnisse.

Insektensterben: Steingärten sind ein Problem

Nicht nur für Hummeln, auch für alle anderen Brummer wie Bienen sind die Voraussetzungen in deutschen Städten in den vergangenen Jahren schwieriger geworden. Grund dafür sind so genannte Steingärten, die fast vollständig auf Grün verzichten. Insekten finden dort weniger Nahrung.

In den NRW-Kommunen ist das Problem bekannt. So wollen zum Beispiel die Velberter Grünen Steingärten künftig verbieten. Auch die Stadt Wesel will keine Schotterwüsten und sucht nach Lösungen. In Hagen hat sich der Stadtentwicklungsauschuss darauf geeinigt, dass Steingärten vor der Haustür verboten werden. (mit mein)

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