Abtreibungsrecht

USA: Fötus ohne Schädel – Gebetsangebot statt Abtreibung

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Abtreibung in den USA: Der Kulturkampf tobt weiter

Abtreibung in den USA: Der Kulturkampf tobt weiter

In St. Louis überspannt eine Brücke den Mississippi, der die US-Bundesstaaten Missouri und Illinois trennt. In Missouri wurden Abtreibungen nach dem Urteil des Obersten US-Gerichts verboten, in Illinois sind sie erlaubt. Tausende Frauen werden die Brücke jetzt überqueren, um eine Abtreibung vorzunehmen.

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Berlin  Im US-Bundesstaat Louisiana hofft eine Mutter mit lebensunfähigem Fötus vergeblich auf eine Abtreibung. Eine Klinik bietet Gebete.

Im Juni kippte der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten das fast 50 Jahre alte Recht auf Abtreibung. Infolgedessen dürfen im US-Bundesstaat Louisiana Schwangerschaften nur dann abgebrochen werden, wenn das Leben der Mutter auf dem Spiel steht oder das Kind lebensunfähig ist. In einem Fall verweigerte eine Geburtenklinik einer zweifachen Mutter die Abtreibung, obwohl der Fötus keinen Schädel hat.

Zuerst vermutete die 36-jährige Nancy Davis an Covid-19 erkrankt zu sein, als sie an grippeähnliche Symptome litt. Dass ihr der anschließende Schwangerschaftstest im Gegensatz zum Corona-Test ein positives Ergebnis brachte, versetzte die Mutter zweier Kinder im Alter von 13 und einem Jahr anfangs in Hochstimmung. Zunichte machte das Glück die erste Ultraschalluntersuchung in der größten Geburtenklinik des Staates. Das ungeborene Kind wurde mit Akranie diagnostiziert, einer Krankheit, die zur Totgeburt oder einem extrem kurzen Leben führt.

Klinik verweigert Schwangerschaftsabbruch – Frauen in US-Südstaaten Spielball der Politik

Statt die Abtreibung vorzunehmen, um der Schwangeren unnötige zu ersparen, gab ihr die Krankenhausleitung, wie sie der "Times-Picayune" schilderte, zwei Alternativen: den Schwangerschaftsabbruch im nahegelegenen Florida durchzuführen – oder das tödlich erkrankte Kind auszutragen.

Die Entscheidung des Obersten Gerichtshof, das Urteil im Prozess "Roe v Wade" zu kippen und somit bundesweit Frauen den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüche zu verwehren, war weltweit auf große Betroffenheit gestoßen. Obwohl sich eine Mehrheit der US-Amerikaner laut Umfragen für legale Abtreibungen ausspricht, hatte der konservativ besetzte und von Donald Trump geprägte Supreme Court das Urteil von 1973 aufgehoben. Präsident Joe Biden und die Demokraten hatten die Entscheidung scharf verurteilt.

In vielen konservativ geprägten Bundesstaaten griffen daraufhin sogenannte "Trigger Laws", Abtreibungsverbote und -einschränkungen, die bereits vor Jahren für diesen Fall verabschiedet wurden. Unabhängig von der Gesetzeslage hatten viele Abtreibungskliniken in den Südstaaten ihre Pforten geschlossen, weil der Druck von militanten Abtreibungsgegnern immer weiter wuchs.

Unklare Rechtslage: Klinik schreckt vor Abtreibung von lebensunfähigem Fötus zurück

Das Abtreibungsgesetz im erzkonservativen Louisiana sieht zwar Ausnahmen vom Verbot für eine Liste letaler Krankheiten vor, Akranie gehört allerdings nicht dazu. In der Rechtslage sind außerdem in einer vagen Formulierung tödliche Krankheiten berücksichtigt, da es bei der Akranie teilweise zu Lebendgeburten mit Herzschlag und selbstständiger Atmung kommt, schreckte das Hospital wohl vor einem Schwangerschaftsabbruch zurück.

Matthew Brown, Anwalt für Gesundheitsfragen in New Orleans, sagte der "Times-Picayune", dass ungeklärte Rechtsfragen in Staaten mit Abtreibungsverbot zu großer Verunsicherung werdender Mütter beitrügen. Davis' Fall sei "sehr spezifisch, deshalb hat die Rechtssprechung darauf keine Antwort." Dr. Cecilia Gambala, Expertin für Fetalmedizin von der Tulane University argumentierte gegenüber der Zeitung für eine Abtreibung: "Manche Babys werden lebend geboren, aber sie sind nicht lebensfähig."

Gebete statt medizinischer Hilfe – Lange Anfahrten für notwendige Eingriffe

Nancy Davis und ihrem Lebensgefährten rennt die Zeit davon. Die nächstgelegene Abtreibungsklinik in Florida liegt acht Autostunden entfernt und verlangt eine einwöchige Konsultationszeit. Dabei nähert sich die Schwangerschaft der fünfzehnten Woche, nach der kein Abbruch mehr durchgeführt werden darf. Erschwert wird die Situation durch einen Autounfall mit der Fahrerflucht, der bei Davis' Wagen kürzlich zu einem Totalschaden führte.

In ihrer Not konsultierte Davis auch ein Krisenzentrum für Schwangere in ihrer Heimatstadt Baton Rouge. Mitarbeiter der Notfallklinik, das Schwangerschaftsabbrüche ablehnt, gaben ihr Informationsbroschüren über Beerdigungen von Totgeburten und boten ein gemeinsames Gebet an. Wie sie weiter verfahre, konnte sie der Zeitung nicht sagen. "Ich kann nicht einfach so losziehen, ich habe Kinder."

16-Jährige darf nicht abtreiben – Gericht urteilt: Nicht reif genug für eine Entscheidung

Ein Gerichtsurteil im US-Bundesstaat Florida, wonach eine 16-Jährige nicht „ausreichend reif“ für eine Abtreibung sei, hat für empörte Reaktionen gesorgt. „Das ist ein gefährliches und furchtbares Beispiel für Floridas Krieg gegen Frauen“, schrieb die demokratische US-Abgeordnete Lois Frankel am Dienstag im Kurzbotschaftendienst Twitter. „Wenn ein junges Mädchen zu unreif ist, sich für eine Abtreibung zu entscheiden, wie kann sie dann in der Lage sein, ein Baby auszutragen?“

Die Abgeordnete Pramila Jayapal bezeichnete die Entscheidung eines Berufungsgerichts in Florida als „abscheulich“. Sie sei „wütend“, dass ein Teenager gezwungen werde, ein Kind auf die Welt zu bringen. Die schwangere Schülerin befindet sich in einem Programm zur Unterstützung traumatisierter Jugendlicher. Als Waise konnte sie keine Einverständniserklärung ihrer Eltern vorlegen, ihr gesetzlicher Vormund sprach sich aber für eine Abtreibung aus. (mit dpa)

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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