Hitze

Waldbrände und Hitze: Was das Löschen so schwierig macht

| Lesedauer: 6 Minuten
Ganz Südeuropa hat wie hier im Südwesten Frankreichs derzeit mit schweren Waldbränden zu kämpfen. Die Feuerwehren sind im Dauereinsatz. Starke Winde erschweren die Brandbekämpfung massiv.

Ganz Südeuropa hat wie hier im Südwesten Frankreichs derzeit mit schweren Waldbränden zu kämpfen. Die Feuerwehren sind im Dauereinsatz. Starke Winde erschweren die Brandbekämpfung massiv.

Berlin  In Südeuropa toben Waldbrände. Ein Experte erklärt, warum das Löschen so schwierig ist – und wo auch Deutschland besser werden kann.

Jeden Tag neue dramatische Bilder aus Südeuropa, vor allem aus Südwestfrankreich: Lodernde Brände, Wälder in Flammen, verzweifelte, erschöpfte Feuerwehrleute, in Portugal stürzte gar ein Löschflugzeug ab.

Wenige Menschen können sich vorstellen, wie Großfeuer bekämpft werden und durch welche Hölle Feuerwehrleute gehen – Ulrich Cimolino (57) schon. Der Mann aus Düsseldorf hat darüber promoviert. Er ist seit 40 Jahren Feuerwehrmann und steht seit 2019 dem Arbeitskreis Waldbrand beim Deutschen Feuerwehrverband vor. Wir sprachen mit ihm.

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Herr Cimolino, was geht in Ihnen vor, wenn Sie die Bilder von den Waldbränden in Südfrankreich sehen?

Zunächst gilt: The same business as every year. Bemerkenswert sind die steigenden Temperaturen. Das könnte am Klimawandel liegen – wahrscheinlich. Was das für die Waldbrände bedeutet, ist nicht ganz klar. Denn der Klimawandel könnte zugleich dazu führen, dass die Sommer nicht nur heißer, sondern auch feuchter werden. Waldbrand-Jahre haben wir immer wieder gehabt: 1947, 75, 76, 92. Es gab immer solche Phasen.

Können Feuer in Deutschland eine Dynamik erreichen wie in Südeuropa?

Am Dienstag waren wir nahe an Wetterverhältnissen wie in Südeuropa: Temperaturen von bis zu 40 Grad und starke Winde, bis zu Windstärke 6. Im Mittelmeer sind die Winde allerdings stärker, mit Geschwindigkeiten von bis zu 100 km/h, wenn Sie etwa an den Mistral in Südfrankreich denken.

Ist der Wind das größte Problem im Einsatz?

Der Wind ist ein großes Problem, weil er schnell die Richtung ändern kann. Außerdem schert der Wind bei Böen bis zu 45 Grad zu beiden Seiten der Hauptwindrichtung, also maximal 90 Prozent Unterschied. Das kann im Einsatz zu großen Herausforderungen führen und erfordert sorgfältige Einsatzplanung und laufende Beobachtung des Wetters. Auch Hanglagen sind schwierig. Hangaufwärts läuft das Feuer immer schneller als in der Ebene. Wenn sie unterhalb des Feuers stehen und brennende Teile herunter rollen und plötzlich unterhalb des eigenen Standortes auch Feuer ist...

Wie riskant ist es, ein Gegenfeuer zu entfachen, Feuer mit Feuer zu bekämpfen?

Gegenfeuer als dem Feuer entgegen laufendes Feuer ist hochriskant. Davor würde ich meistens abraten. Man muss genau antizipieren können: Wo treibt der Wind das Feuer hin? Mittlerweile werden von ausgebildeten Fachleuten in einzelnen Fällen sogenannte Vorfeuer gelegt. Dabei wird mit kontrollierten kleinen Feuerlinien ausreichend weit vor der anlaufenden Feuerfront eine Zone verbrannter Vegetation geschaffen. Das dient dann quasi als Wundstreifen, an dem dann das große Feuer besser gestoppt werden kann.

Woran liegt es, dass die Wälder im Süden schneller brennen, am Klima, an der Vegetation, am Meldesystem, an den Wegen und Zugängen, an Zahl, Ausbildung und Ausrüstung der Feuerwehren?

Alle diese Punkte treffen zu. In Italien, aber auch in Spanien gibt es viel Buschwerk, eng verwachsen. Es brennt schnell durch – man kommt als Feuerwehr schlecht rein. In Portugal oder Spanien haben wir Eukalyptus-Plantagen, brandgefährlich: Als ölhaltige Bäume brennen sie noch schneller als Kiefer. Viele Felder, früher Ackerbau, liegen brach; die Folge ist, dass ehemals gesicherte Wege schlicht zugewachsen sind und die ehemals sorgsam bestellten Felder zur leicht brennbaren "Macchia" zuwuchsen. Anders als in Deutschland hat auch nicht jede Gemeinde eine eigene Feuerwehr. Der Föderalismus mit seiner deutschen Brandschutzgesetzgebung ist hier von Vorteil.

Wie lang kann ein Waldbrand dauern, wie kräftezehrend ist der Kampf?

Die Leute arbeiten bis zur Erschöpfung. Die ersten zwölf, 24 Stunden läuft es noch, mit viel Kaffee denkt man: vielleicht 48 Stunden. Aber irgendwann bricht der Körper ein. Als Einsatzleiter müssen Sie es mitbedenken und die Kräfte rechtzeitig und gut geplant austauschen. Solche Einsätze können Tage, ja Wochen dauern.

Wie nahe komme ich als Feuerwehrmann heran, wenn die Bäume auf breiter Fläche schon lichterloh brennen?

Wenn der Wald voll im Feuer steht, können sie es in dem Sinne nicht mehr direkt bekämpfen. Dann müssen sie versuchen, das Feuer an bestimmten Linien zu stoppen, an einem Fluss, an einer Straße. Notfalls müssen sie eine Schneise im Wald schlagen. Aber die meisten Leute können sich nicht vorstellen, wie aufwendig das ist. Auf der Landkarte ist das schnell gezeichnet. Aber tatsächlich eine 50 Meter breite Schneise durch einen Hochwald zu schlagen, dauert sogar mit schwerem Gerät Tage.

Welche Bedeutung messen sie Löschflugzeugen bei?

In Deutschland gibt es kein einziges Löschflugzeug. Es gibt eine Firma, die gerade versucht, es zu vermarkten. Es gibt die so genannten Scooper, die einen See, Meer oder Fluss brauchen, um dort Wasser zu schöpfen. Und dann gibt es Flugzeuge, die landen müssen, um Wasser zu holen. Ich bin ein Anhänger von Hubschraubern. Wir sind damit flexibler, können Wasser im Hang und in jede Richtung abwerfen, vor- und rückwärts. Dazu können wir Personal, Ausrüstung und auch Wasser für das Füllen von Faltbehältern zur Brandbekämpfung in exponierten Lagen wie an einem Hang mit dem Hubschrauber schnell dorthin fliegen – und. Personal dort auch wieder schnell ausfliegen. Wir müssen allerdings bei der Anforderung besser werden.

Warum?

Wir haben 16 Bundesländer, 16 verschiedene Regelungen zur Luftunterstützung, teilweise obendrein mit verschiedenen Formularen für Bundespolizei und Bundeswehr. Es geht immer um dieselben Hubschrauber, aber die Strukturen für den Einsatz variieren, je nachdem, ob sie zum Beispiel in Thüringen, Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen sind. Wenn sie als Einsatzleiter schnell Unterstützung brauchen, müssen sie warten, bis jemand woanders entscheidet, ob sie einen Hubschrauber bekommen oder nicht. Am Ende haben Sie unter Umständen in mehreren Hierachieebenen mehrere Formulare ausgefüllt und bekommen doch nicht ihren Hubschrauber. In Frankreich kann jeder Zugführer vor Ort selbständig entscheiden, ob er Luftunterstützung braucht. Und bekommt die ersten, sofern verfügbar, auch, direkt und ohne Diskussion. Für mehr Bedarf bekommt er dann natürlich sofort weitere Einsatzmittel und Führungsunterstützung.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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