Psychologie

Schöner als Adonis: Wenn Männer süchtig nach Muskeln sind

Hanteltraining, Rudertraining – Hauptsache Muskeln. Doch manche Männer übertreiben, erklären Experten.

Hanteltraining, Rudertraining – Hauptsache Muskeln. Doch manche Männer übertreiben, erklären Experten.

Foto: Prostock-studio / iStock

München.  Es beginnt sachte, mit körperlichen Veränderungen und mit einem seltsamen Freizeitverhalten. Wenn für ihn nur noch die Muskeln zählen.

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Mit dem Protein-Shake nach dem Training wollen sie den Muskelaufbau beschleunigen, auch wenn das Pulver nicht gerade billig ist. Doch mit Eiweiß-Kicks ist es natürlich nicht getan: Wer als Freizeitsportler einen muskulösen Körper mit dicken Bizeps und Waschbrettbauch will, muss hart dafür arbeiten.

Nicht wenige greifen zu verbotenen Präparaten. Und für einige Männer wird die Schinderei zur Sucht: Muskelwachstum wird zur fixen Idee, Sport zum Zwang. Durchtrainiert wirken die Körper in der Werbung für Studios und Trainingsgeräte. Kaum ein Gramm Fett am Körper. Ideal, oder?

Adonis-Komplex bei Bodybuildern: Experten sprechen von psychischer Erkrankung

Das sehen Dauersportler wie Gerrit für sich selbst anders: „Ich würde sagen, dass man nie wirklich zufrieden ist“, sagt der angehende Lehrer, 24, aus Frankfurt am Main. Er sei zwar muskulöser als der Durchschnittsbürger. Aber: „Beim Blick in den Spiegel fallen mir schon verschiedene Muskelpartien auf, auf die ich mich mehr fokussieren könnte.“

„Adonis-Komplex“ hat der US-amerikanische Psychiater Harrison G. Pope schon vor Jahren ein Phänomen genannt, bei dem Männer besessen sind von dem Gedanken, ihren Körper perfekt zu stylen. Mittlerweile ist klar: Hier geht es um mehr als um persönliche Eitelkeit und Selbstoptimierung. Fachleute sprechen von einer psychischen Erkrankung, wenn sich das Leben um fast nichts anderes mehr dreht.

Spezialambulanz für Muskelsüchtige

Gerade in der Bodybuilder-Szene sind nach Meinung von Experten viele anfällig. Vom Adonis-Komplex betroffene Männer halten sich trotz vieler Muskeln für unverhältnismäßig klein und schwach, so der in Australien tätige Neuropsychiater Philip E. Mosley.

Christian Strobel kennt viele solcher Fälle. Bei der Caritas bietet der Psychologe in München in einer Spezialambulanz Hilfe für Muskelsüchtige. „Es fängt mit einer gesunden Idee an: Hey, mach doch Sport, das ist gesund“, sagt er. Das kennt man, es klingt soweit normal. „Aber dann verselbstständigt sich das.“

Kein Tag ohne Sport

Manche seiner Patienten gingen sechs- bis neunmal die Woche ins Fitnessstudio. Ruhetage ohne Rudergeräte und Hanteln können sie sich nicht vorstellen. „Ich muss Sport machen, jeden Tag und dann am Wochenende zweimal am Tag“, gibt Strobel eine typische Aussage wieder, wenn Männer sich bei ihm beschreiben. Dazu Arbeit oder Schule und Schlafen. Da bleibe nicht mehr viel Zeit übrig für andere Freizeitgestaltung. „Tatsächlich wird es dann auch schwierig mit dem sozialen Leben.“

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Gerrit ging es mehrere Jahre so: Von 2014 bis 2018 machte er den ganzen Tag fast nichts anderes als Sport. Als Student der Sportwissenschaften war er tagsüber an der Uni. Auf dem Stundenplan: Handball, Fußball, Basketball, Schwimmen und anderes. Ein Pensum, bei dem sich mancher Hobbysportler abends stöhnend aufs Sofa sinken lassen würde.

Mahlzeiten nach striktem Plan

Nicht so Gerrit. „Ich bin trotzdem noch abends ins Fitnessstudio gegangen.“ Krafttraining machen. Auf bis zu fünf Stunden Sport und Muskelaufbau kam der künftige Gymnasiallehrer an diesen Tagen, mehrmals die Woche. Zu Hause ging das Programm zur Optimierung der eigenen Optik abends weiter: „Dann war das große Fressen angesagt, um die ganze Energie reinzubekommen.“ Gerrit musste an manchen Tagen 5000 Kalorien in sich reinschaufeln, um keine Muskelmasse zu verlieren.

Mahlzeiten nach striktem Plan und mit möglichst vielen Proteinen – das kann sich zu einer Essstörung auswachsen. Er habe Patienten, die nichts Fettes mehr zu sich nähmen, sondern fast nur noch Eiweiß, berichtet Fachmann Strobel. „Da ist auch ein Stück Filet schon zu fett oder der Protein-Shake mit Milch.“

Bei Muskelsucht geht es häufig um Selbstwert

Der Klassiker bei Bodybuildern und Kraftsportlern sei Hühnchen mit Reis – fettarm, viel Eiweiß, aber auf Dauer nicht ausgewogen. Weil der Körper dann an Mangel leidet, werden Pillen mit Vitaminen, Mineralien und Nährstoffen eingeworfen.

Ein bepackter Körper allein ist aber noch kein Beleg für Sucht: Für Muskelsucht braucht es bestimmte Merkmale in der Persönlichkeit. Bei Männern, die bei Strobel Hilfe finden, geht es häufig um ihren Selbstwert.

Sie definieren ihn stark über Äußerlichkeiten. „Das ist ein sehr instabiler Selbstwert, der oft bröckelt.“ Ursachen könnten in der Kindheit liegen, etwa weil man pummelig war und gehänselt wurde. Also geht es um die Frage: „Bin ich auch okay, wenn ich keine Muskeln habe?“

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