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Afghanistan-Desaster: Wie es um das Land am Hindukusch steht

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"Afghanistan, ein Gefängnis": Mädchen enttäuscht über Schulschließungen

Afghanistan, ein Gefängnis - Mädchen enttäuscht über Schulschließungen

Adeeba und Malahat Haidari in der afghanischen Hauptstadt Kabul bekommen jetzt Unterricht in den eigenen vier Wänden. Vor einigen Tagen kehrten sie erstmals seit der Machtübernahme der Taliban in die Schule zurück. Doch nur wenige Stunden nach Unterrichtsbeginn wurden sie wieder nach Hause geschickt.

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Kabul.  Vor einem Jahr haben die islamistischen Taliban in Afghanistan die Macht erobert. So dramatisch hat sich das Land seitdem verändert.

Mittwoch in Kabul: Stundenlang gellen in Karta-e-Sakhi Schüsse. Sicherheitskräfte liefern sich dem Viertel im Südwesten der afghanischen Hauptstadt ein heftiges Feuergefecht mit Bewaffneten, die sich in einem Haus verschanzt haben. Sechs Menschen sterben. Tags darauf erklärt ein Taliban-Sprecher, bei den Männern habe es sich um Terroristen der Afghanistan-Filiale des sogenannten "Islamischen Staats" gehandelt.

Gewalt gehört auch ein Jahr nach der Machtübernahme der Taliban zum Alltag in Afghanistan. Das Land am Hindukusch taumelt dem Abgrund entgegen – aus vielen Gründen.

Afghanistan: Kabul fällt an einem Tag

Kabul vor einem Jahr: In den ersten beiden Augustwochen fällt eine Provinzhauptstadt nach der nächsten an die Taliban. In der afghanischen Hauptstadt geben sich viele Bewohner trotzdem gelassen. "Kabul werden sie nicht so schnell einnehmen", sagen viele.

Am 14. August wendet sich Präsident Aschraf Ghani mit einer Fernsehansprache an das Volk und gibt sich siegesgewiss. Man werde rasch die Kontrolle über das Land zurückgewinnen. Am nächsten Tag kursieren morgens in den sozialen Medien Bildern von gut gelaunten Taliban im Zoo der Stadt. Am Nachmittag verlässt der Präsident das Land. Die Islamisten übernehmen die Kontrolle der Millionenstadt.

Abzug aus Afghanistan: Die westliche Welt vergisst das Krisenland

Die westliche Welt ist entsetzt. Die Taliban herrschen wieder über Afghanistan. Zwei Jahrzehnte Krieg, Tausende tote westliche Soldaten, Zehntausende tote afghanische Sicherheitskräfte und Zivilisten, Billionen Dollar für den militärischen Einsatz und für Entwicklungshilfe. Alles umsonst.

Die Bilder von panischen Menschen, die am Kabuler Flughafen versuchen, irgendwie aus dem Land zu kommen, gehen um den Globus. Etwa 120.000 Personen werden in den folgenden Wochen über eine Luftbrücke aus Afghanistan herausgebracht. Es sind Bürger ausländischer Staaten und Afghanen, die als besonders gefährdet gelten. Danach vergisst die westliche Welt Afghanistan, so wie in den neunziger Jahren nach dem Abzug der Sowjets. Man will das totale Versagen vergessen.

Taliban: Nicht für jede Katastrophe sind die neuen Machthaber verantwortlich

Dabei ist die Lage in Afghanistan schlechter denn je. Es scheint, als sei das Land verflucht. Viele unterschiedliche Krisen schichten zu einer katastrophalen Gesamtsituation auf, nicht für alle sind die neuen Machthaber verantwortlich.

Seit zwei Jahren plagt eine Dürre insbesondere den Nordwesten des Landes und vernichtet Getreide-Anbauflächen in einem gewaltigen Ausmaß. Im Juni erschüttert ein schweres Erdbeben den Südosten. Mehr als 1000 Menschen sterben. Im Juli prasseln Regenmassen herunter und lösen in etlichen Provinzen Sturzfluten aus. Wieder sterben Hunderte, Tausende Häuser, Straßen und Brücken werden zerstört.

Schon vor der Machtübernahme der Taliban war Afghanistan eines der ärmsten Länder der Welt. Die wirtschaftliche Situation vieler Menschen hat sich jedoch in den vergangenen zwölf Monaten zugespitzt. Die Hälfte der Bevölkerung gilt als akut von Hunger bedroht. Hunderttausende Jobs sind verlorengegangen, die städtische Mittelschicht verarmt und versucht das Land zu verlassen.

Mehr zum Thema: Ortskräfte in Afghanistan: Alleingelassen unter Taliban

Besonders für den Gesundheitssektor hat das dramatische Folgen, viele Mediziner haben Afghanistan den Rücken gekehrt. Westliche Hilfsgelder fließen nur noch für die Unterstützung in Notlagen. Die USA haben die Währungsreserven der afghanischen Zentralbank in Höhe von sieben Milliarden Dollar beschlagnahmt, die Hälfte des Geldes soll an Opfer der Anschläge vom 11. September 2001 gehen.

Frauen in Afghanistan: Ihre Lage hat sich drastisch verschlechtert

Am radikalsten hat sich die Lage für Frauen verschlechtert. "Trotz anfänglicher öffentlicher Beteuerungen zum Schutz der Rechte von Frauen und Mädchen haben die Taliban Maßnahmen zur systematischen Diskriminierung und Rechteverletzung der weiblichen Bevölkerung eingeführt", warnte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International Ende Juli.

Im Mai erließ die Taliban-Führung eine Anordnung, nach der Frauen nur aus besonderen Gründen und in Begleitung eines männlichen Verwandten das Haus verlassen dürfen und dabei vollverschleiert sein müssen. Proteste einiger Frauen gegen diese Anordnung wurden im Keim erstickt.

Für die meisten Mädchen ist der Besuch weiterführender Schulen nicht mehr möglich, auch wenn die Taliban-Führung immer wieder beteuert, dies werde sich perspektivisch ändern. Zudem beklagt die UN-Mission in Afghanistan in einem im Juni vorgestellten Bericht eine Zunahme von Zwangsverheiratungen und Kinderehen.

"Islamischer Staat" ist die größte Bedrohung für die Taliban

In dem Bericht kritisieren die Vereinten Nationen eine generelle Verschlechterung der Menschenrechtslage. Laut der afghanischen Journalisten-Vereinigung wurde in den vergangenen zwölf Monaten bereits fast die Hälfte der afghanischen Medienunternehmen dicht gemacht. Trotz einer Amnestie für Mitarbeiter der früheren Regierung und ehemalige Sicherheitskräfte haben die Vereinten Nationen seit der Machtübernahme der Taliban bis Juni 160 außergerichtliche Hinrichtungen gezählt.

Über 2100 Zivilisten kamen bei bewaffneten Auseinandersetzungen ums Leben oder wurden verwundet. Der Großteil dieser Opfer ist auf Attacken und Anschläge der Afghanistan-Filiale des sogenannten "Islamischen Staates" (IS) zurückzuführen, der derzeit die größte Sicherheits-Bedrohung für die Taliban darstellt.

Afghanistan: Terror-Organisation Al Kaida spielt keine große Rolle mehr

Die IS-Terroristen schmähen die Taliban als "bärtige Götzendiener", weil sie mit den US-Amerikanern verhandelt haben und kein weltweites Kalifat anstreben. Immer wieder attackieren IS-Kämpfer Patrouillen oder Checkpoints der Taliban, liquidieren Taliban-Kommandeure, oder verüben Selbstmordanschläge mit teils hohen Opferzahlen auf Moscheen der schiitischen Minderheit der Hazara.

Trotz ihrer extremen Brutalität und ihres Fanatismus scheint die Terrormiliz unter sunnitischen Minderheiten wie den Tadschiken oder Usbeken zunehmend junge Männer rekrutieren zu können, die die neuen Herrscher schon deshalb ablehnen, weil sie mehrheitlich Paschtunen sind.

Die den Taliban nahestehende Terror-Organisation al-Qaida hingegen spielt hingegen keine große Rolle in Afghanistan, obwohl ihr Führer Aiman az-Zawahari in Kabul Unterschlupf gefunden hatte, wo er am 31. Juli bei einem US-Drohnenschlag getötet worden war.

China nutzt den Rückzug des Westens aus

Die Flucht aus und die Abkehr des Westens von Afghanistan nutzt derzeit besonders ein Land aus: China. Die Volksrepublik erhofft sich Zugriff auf die afghanischen Rohstoffe, allen voran das für die Produktion von Akkus etwa für E-Autos benötigte Lithium, aber auch Kupfer, Kobalt, Nickel oder Seltene Erden.

Der chinesische Außenminister Wang Yi besuchte die neuen Machthaber im vergangenen März, die chinesische Botschaft in Kabul ist weiterhin offen, die chinesische Regierung kritisiert die westlichen Sanktionsmaßnahmen gegen die Taliban und will unter anderem in den Ausbau der afghanischen Infrastruktur investieren.

Ohne einen Schuss in Afghanistan abgefeuert zu haben, könnten die Chinesen zu den größten Profiteuren des Desasters werden, das der Westen in dem Land am Hindukusch hinterlassen hat.

Weiterlesen: Bundeswehr – Was lief schief beim Afghanistan-Desaster?

Dieser Artikel erschien zuerst bei morgenpost.de.

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