Anschlag

Anschlag in Halle: Wie gefährlich sind die „rechten Gamer“?

Nach dem Anschlag in Halle geraten Computerspiele, Foren und Plattformen  ins Visier der Sicherheitsbehörden und der Politik.

Nach dem Anschlag in Halle geraten Computerspiele, Foren und Plattformen ins Visier der Sicherheitsbehörden und der Politik.

Foto: imago sport / imago images/Bildbyran

Berlin.  Stephan B. übertrug seinen Angriff in Halle als Video ins Internet. Sein „Tatplan“ wirkt wie eine Anleitung für ein Computerspiel.

Kurz bevor Stephan B. mit seinen selbstgebastelten Waffen loszieht vor die Synagoge in Halle, veröffentlicht er einen „Tatplan“, manche nennen es „Manifest“. Der junge Mann aus Sachsen-Anhalt hat das Dokument aufgebaut wie eine Spielanleitung: Er listet zunächst die Ausrüstung aus, die er während des Angriffs nutzt, Gewehre, Helm, Weste.

B. beschreibt dann seinen Auftrag: Prüfe die Brauchbarkeit von selbstgebauten Waffen. Erhöhe die „Moral anderer unterdrückter Weißer“. Töte „so viele Anti-Weiße wie möglich“. Vor allem Juden. „Bonus: Nicht sterben.“

Am Ende seines Pamphlets beschreibt er seine „Archievements“, mehr als zwei Dutzend Ziele, die sich Stephan B. selbst setzt. Darunter: „Töte einen Juden.“ Und: „Töte jemanden mit einem Messer.“ Jede Tat inszeniert wie das nächste Level in einem Computerspiel.

Horst Seehofer will „Gamer-Szene stärker in den Blick nehmen“

In den Tagen nach dem Attentat von Halle war viel von „Gameification des Terrors“ die Rede. Foren und Plattformen, die auch bei Computerspielern beliebt sind, geraten ins Visier der Sicherheitsbehörden und der Politik, darunter Foren wie „4chan“ und „Meguca“ und die Plattform „Twitch“, auf der Stephan B. sein Video der Tat von einer Kamera am Helm live übertrug.

Die Foren funktionieren wie eine globale Pinnwand für Online-Nutzer, anonym, fast immer in der Weltsprache Englisch. Doch in vielen Fällen verherrlichen Kommentare anonym Gewalt, hetzen gegen Frauen und Minderheiten. Und: Attentäter veröffentlichten hier vor Terrorattentaten in der jüngsten Vergangenheit ihre Videos oder Parolen.

Trauer und Anteilnahme vor der Synagoge in Halle
Trauer und Anteilnahme vor der Synagoge in Halle

Innenminister Horst Seehofer (CSU) sagte nun, er wolle die „Gamer-Szene stärker in den Blick nehmen“. Wie genau der Minister eine Gruppe von Millionen junger Menschen, die viel und regelmäßig Computer spielen besser beobachten will, sagt er nicht.

Foren spielen bei Anschlägen in Halle, Christchurch, Poway und El Paso wichtige Rolle

Der Verfassungsschutz will mit mehr Personal und neuen Einheiten die digitale Welt der Extremisten stärker in den Fokus rücken. Das Bundesamt geht laut Medienberichten von einer „Lageverschärfung im Bereich Rechtsextremismus“ aus. Es gebe „neue Anlaufpunkte, Akteure, veränderte Strukturen und Aktionsformen“.

Hintergrund: Der Angriff in Halle ist ein Weckruf für die Republik

Von Halle zeichnet sich eine Linie zurück: ins neuseeländische Christchurch, ins kalifornische Poway, ins texanische El Paso. Auch der Rechtsterrorist von Christchurch filmte die Tat live, wie in einem Ego-Shooter. Auch bei den Angreifern von Poway und El Paso spielte die Verbreitung des Terrors in Foren eine zentrale Rolle in der Strategie der Täter. So einfach kommen Neonazis an Waffen.

Das Ziel: Zum einen, Nachahmer inspirieren. Zum anderen, Vergleichbarkeit schaffen. Eine der ersten Reaktionen, nachdem der Extremist in Poway seine Tat im Forum „8chan“ ankündigte, war: „Knack den High Score“. Im Netz kursieren Listen mit den folgenreichsten Attentaten, je mehr Tote und Verletzte, desto höher das „Ranking“.

Verbot von Computerspielen wenig sinnvoll

Es sind Foren und Plattformen, auf denen auch viele junge Männer täglich Stunden unterwegs sind, die auch intensiv Computer spielen. Die sogenannten „Gamer“. Aber wie sinnvoll ist jetzt die Warnung vor dieser Szene? Ist die „Gamer“-Szene das falsche Ziel?

„Die Vorbereitung und Ausführung des Attentats von Halle zeigen Codes und Bildsprache der Gamer-Szene“, sagt Miro Dittrich, Rechtsextremismus-Experte der Amadeu Antonio Stiftung, im Gespräch mit unserer Redaktion. „Das heißt aber nicht, dass nun eine Debatte über ein Verbot von Computerspielen sinnvoll ist.“

Stephan B. nach Karlsruhe überstellt
Stephan B. nach Karlsruhe überstellt

Im Gegenteil, sagt Dittrich, kenne man die Aufnahme mit einer Kamera am Kopf nicht nur aus Ego-Shooter-Spielen, sondern etwa auch aus dem Action-Sport, wo jemand mit einer Kamera seinen Fallschirmsprung filme und auch mal live ins Netz stelle.

Und auch „Archievements“ haben heute längst viele IT-Unternehmen für ihre Produkte erkannt – zum Beispiel bei „Apps“ für das Handy, mit deren Hilfe Menschen abnehmen oder sich auf einen Langlauf vorbereiten wollen.

Seehofer erntet Kritik aus den sozialen Netzwerken

Seehofer kassierte für seinen Fokus auf „die Gamer-Szene“ sogleich Gegenwind – sogar aus der eigenen CSU. Und von der Opposition: „Nur weil es Spiele mit Gewalt gibt, ist die Spiele-Szene noch kein Tatort“, sagte der Vize-Vorsitzende der FDP-Fraktion und Innenexperte Stephan Thomae unserer Redaktion. Nach dieser Logik müssten die Sicherheitsbehörden auch „Kampfsportgruppen und Schützenvereine überwachen“.

Vor allem erntete er in den sozialen Netzwerken Kritik. „Er und seine Crew sind echt so krass inkompetent“, twitterte Youtuber Rezo. Das Innenministerium ergänzte nach der Kritik, dass Seehofer nicht die „gesamte Spielebranche oder Gamer-Szene in Misskredit“ bringen wolle. Nur weil man ein Spiel spiele, sei man nicht gleichzeitig ein potenzieller Straftäter, hieß es.

Stephan B. hetzte gegen Juden und gegen Feminismus

Doch wie eng lassen sich Ego-Shooter-Spiele mit Terrorismus in einen Kontext stellen. „Wir erkennen, dass eine Gruppe junger Männer sich zur Gamer-Szene hingezogen fühlt. Sie sind isoliert, haben Gewaltfantasien, verachten Frauen – und tragen rassistisches Gedankengut in sich“, sagt Rechtsextremismus-Experte Dittrich. „Es geht bei aktueller rechtsextremer Gewalt häufig um gekränkte Männlichkeit und Allmachtsfantasien.“

In Computerspielen könnten „viele diese Pathologien ausleben“, so Dittrich. Vor der Tat hetzte Stephan B. in dem Video nicht nur gegen Juden – sondern auch gegen Feminismus. Laut Experten würden Rechtsextremisten gezielt auch in diesen Gamer-Communities rekrutieren. „Aber das heißt nicht, dass aus Computerspielern Rechtsterroristen werden“, hebt Dittrich hervor.

Wer in die Foren und Community-Chats der Gamer-Szene blickt, erkennt nach Ansicht von Experten ein „Problem mit Rechtsextremismus in der Computerspiele-Kultur“, wie Christian Schiffer, Chefredakteur des Magazins für Games-Kultur WASD dem Deutschlandfunk sagte.

Neben Computerspielen ist auch der Einsatz von Musik wichtig

Computerspiele seien „Referenz“ für Attentäter wie Stephan B. in Halle. B. nutzte auch die Plattform „Twitch“, um sein Live-Video hochzuladen. Ein Anbieter, der auch bei Gamern beliebt ist, um live Spieler zu verfolgen.

Zugleich sagt auch Schiffer, dass Sprache und Codes moderner Terroristen nur zu einem Teil der Computerspiel-Community angelehnt sind. Aktuelle Attentäter referieren in ihren Veröffentlichungen auch auf andere Codes und Szenen. So inszenierte der Attentäter von Halle sein Video mit Musik.

Während er filmte, liefen in seinem Auto Lieder eines rechtsextremen Rappers und Musik japanischer Zeichentrickserien, sogenannte Animes. Manche dieser Serien sind laut Terrorismus-Experten wie Peter Neumann vom Londoner King’s College „sehr geläufig in dieser antifeministischen Online-Kultur“.

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