Querdenken

Unter Auswanderern in Ungarn: So machen Rechte mobil

| Lesedauer: 15 Minuten
Wie Rechte am Balaton unter deutschen Auswanderern mobilmachen

Wie Rechte am Balaton unter deutschen Auswanderern mobilmachen

Unser FUNKE-Reporter Christian Unger hat sich auf den Weg nach Ungarn gemacht: Denn immer mehr Deutsche fliehen dorthin – vor allem Rechte machen sich den Orbán-Staat zunutze. Eine Recherche vor Ort.

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Zalakaros.  Ungarn ist ein beliebtes Ziel für deutsche Auswanderer. Doch darunter mischen sich Rechte und Querdenker – und gründen „Stützpunkte“.

Ignaz Bearth hat Glück an diesem Tag. Die Küche des Restaurants braucht länger, bis die Kellner das üppige Mittagsmenü für die knapp 100 Gäste auffahren können. Also bleibt noch mehr Zeit für Bearth, die Leute anzustacheln und aufzuwiegeln. Journalisten nennt er „Huren des Großkapitals“, die „weggefegt“ gehören.

Er sieht einen „tiefen Staat“ in Deutschland am Werk und „Geisteskranke an der Macht“. Manchmal bettet Bearth in seine Tiraden Sprüche über „Klein-Istanbul in Deutschland“ und redet vom „ungarischen Brudervolk“. Hier und da garniert er seine Ideologie von der angeblichen „Umvolkung“ mit geschmeidigen Formeln, spricht von „Freiheit“ als das „größte Gut“.

So geht das eine gute halbe Stunde. Eigentlich war eine „Diskussionsrunde“ mit dem Publikum angesagt. Aber der Schweizer extrem Rechte Bearth redet lieber selbst, auch länger als der Gast, den er für diesen Tag eingeladen hat: den Brandenburger Andreas Kalbitz, Ex-AfD, immer noch Rechtsaußen.

T-Shirts der Querdenker-Szene: „Erlernen. Erwachen. Verändern.“

Die Mai-Sonne brennt an diesem Tag über dem kleinen Ort Zalakaros am Balaton, dem großen See im Westen von Ungarn. Unter den Sonnenschirmen und an den Holztischen vor Bearth und Kalbitz sitzen vor allem Rentnerinnen und Rentner, einige kommen aus Bayern, andere aus Thüringen und Sachsen.

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Viele tragen Hemd und kurze Hose, einzelne bekennen sich mit T-Shirts zur Querdenker-Szene. „Erlernen. Erwachen. Verändern.“ Auch ein junges Hippie-Pärchen aus München hat sich hierher verirrt, wolle sich über das „Auswandern nach Ungarn“ informieren, Leute kennenlernen, sagen sie vor der Veranstaltung.

Der Balaton ist seit Jahrzehnten beliebte Urlaubsregion der Deutschen. Und Ziel deutscher Auswanderung. Weil „das Klima besser ist“ und die Sonne die Gelenke wärmt. Weil sie hier noch „günstige Häuser kaufen können“. Weil man auch mit kleiner Rente aus Deutschland in Ungarn gut leben kann. So erzählen es viele.

Sie reisen an, weil sie sich „verraten fühlen von Deutschland“

Doch immer mehr kommen auch „aus politischen Gründen“. Das zeigen Recherchen unserer Redaktion in Auswanderer-Foren vor allem im sozialen Netzwerk Telegram. Dort wirbt auch der Schweizer Bearth öffentlich für seine Veranstaltungen am Balaton. Sie sind Ausgangspunkt für eine Reporter-Reise bis aufs ungarische Land.

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Über die neuen Auswanderer berichten uns mehrere Deutsche während der Tage am Balaton. Sie reisen an, weil sie sich „verraten fühlen von Deutschland“, nicht mehr „zuhause fühlen im eigenen Land“. Manche sehen sich nicht als Auswanderer, sondern als Flüchtlinge, ausgerechnet. Exil im Orban-Ungarn.

„Ich bin geflüchtet aus der Schweiz“, sagt Einpeitscher Bearth. Am Balaton gehe es nicht nur um „Geld, Geld, Geld“. Er finde hier seine „Volksgemeinschaft“. Es ist diese Rhetorik, mit der Radikale an die deutsche Community vor Ort andocken – und ihr Netzwerk aufbauen wollen.

Im Restaurant in Zalakaros läuft Bearth läuft um die Tische, begrüßt die älteren Menschen, auch die Hippies, verteilt Visitenkarten. An diesem Tag gründet er den „vierten Stützpunkt“ der „Deutschsprachigen Gemeinde Balaton“, weitere sollen folgen, am Balaton, aber auch an der ungarischen Westgrenze. Die Rentner-Runden sollen Teil seiner Bewegung werden. „Schland ist aktuell abgebrannt. Aber wir werden es zurückerobern.“

Eine Frau unter dem Sonnenschirm murmelt: „An die Wand gehören sie.“

Das Publikum applaudiert eher nett als euphorisch. Lauter dann, wenn Bearth gegen „Volksverräter“ und „Lügenpresse“ wettert. Viele nicken energisch, wenden den Blick zu den Reportern vor Ort. Zischeln – um kurz danach wieder freundlich zu lächeln. Eine Frau unter dem Sonnenschirm murmelt: „An die Wand müssen sie.“

2021 sollen laut Statistik rund 1500 Deutsche nach Ungarn ausgewandert sein. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre gut 10.000. Ein Teil ging wieder zurück, viele blieben. Nicht trotz Orban, sondern seinetwegen.

Premier Viktor Orban hat Ungarn an den rechten Rand Europas geführt. Er stattet sich selbst mit üppigen Sonderrechten aus, schränkt die Meinungsfreiheit ein, isoliert Budapest von der EU. Und immer wieder wetterte er in der Vergangenheit gegen Geflüchtete und Migranten aus Nahost, greift die Rechte von Schwulen, Lesben und Transmenschen an. Radikale wie Bearth zieht das offenbar an.

Die Corona-Pandemie und der Aufstieg der radikalen Querdenker-Bewegung haben die Wut gegen Politik und Medien in Deutschland verschärft. Es ist eine kleine Gruppe, und doch brachten sie Tausende Gruppen und Propaganda-Kanäle in Stellung „gegen das System“.

Straftaten auf Demonstrationen etwa gegen Journalisten haben zugenommen

Straftaten auf Demonstrationen etwa gegen Journalisten haben laut Polizeistatistik stark zugenommen. Der brutale Höhepunkt: der Mord an einen jungen Tankstellen-Mitarbeiter in Rheinland-Pfalz. Der Täter erschoss den Mann, weil dieser ihn auf die Maskenpflicht hingewiesen hatte.

Wichtige Akteure der Szene sind ausgewandert. Bodo Schiffmann, Führungsfigur der Querdenker, lebt derzeit offenbar in Tansania. Verschwörungsideologe Oliver Janich weilt bereits seit Jahren auf den Philippinen. Und Rechtsextremist Attila Hildmann floh vor den deutschen Strafverfolgern in die Türkei.

Und doch feuern die Führungsfiguren aus dem Exil weiter gegen den deutschen Staat. Oftmals senden sie ihre Botschaften über die sozialen Plattformen. Es treffen sich Gegner der Corona-Maßnahmen, Anhänger von Bündnissen wie Pegida und Parteien wie der AfD, Seite an Seite mit Extremisten, Populisten bis hin zu Verschwörungsideologen und Esoterikern – teilweise ganz unterschiedliche Szenen sind sich nähergekommen, schmiedeten neue Allianzen.

Die „Balaton-Zeitung“ schaltet Anzeigen in der Rubrik „Deutschsprachige Stammtische“

Ortswechsel am Balaton. Eine schmale Straße führt hinab zu einem kleinen See, einige Kilometer entfernt vom großen Balaton. Gerade spülte ein Gewitter Schlamm auf die Wege, die Luft ist kühl. In einer Taverne sitzen rund ein Dutzend Deutsche an einem Tisch. Es gibt Aperol und Bier. Adria-Feeling.

Die „Balaton-Zeitung“, ein Blättchen betrieben von einer deutschen Auswanderin, schaltet Anzeigen in der Rubrik „Deutschsprachige Stammtische am Balaton“. In der Taverne beim Stammtisch am See ist die Stimmung freundlich. „Kommen Sie, setzen Sie sich. Trinken Sie Bier?“ Eine Frau, Ballett-Pädagogin und Ex-SPD-Mitglied, erzählt, man habe wie jede Woche schon eine Stunde Ungarisch gelernt. Man unternehme gemeinsam eine Weinprobe. Am Wochenende ist Bauernmarkt im Ort. Und eigentlich spreche man gar nicht oft über Politik.

An dem Abend aber entsteht ein anderer Eindruck. Schon nach wenigen Augenblicken konzentriert sich das Gespräch auf „die Medien“ in Deutschland, das Corona-Virus, den Krieg in der Ukraine. Putin habe den Krieg nicht angefangen, sagt ein Rentner. Die Menschen in der Ostukraine hätten um Hilfe gerufen. Und die Grünen seien „eine Kriegspartei“.

Ein älterer Mann nennt die Pandemie eine „Plandemie“

Eine Rentnerin, die früher Krankenschwester war, erzählt über den Grund für ihre Auswanderung: „Hier lässt jeder jeden leben. Wir werden hier nicht gegängelt, weil wir nicht geimpft sind.“ Ein älterer Mann nennt die Pandemie eine „Plandemie“, als wäre sie von einer Elite und „Big Pharma“ gezielt auf die Welt losgelassen. Er sagt, es gebe gar keine Viren.

Wortführer der Verschwörungstheorien an diesem Stammtisch ist ein Mann mit Vollbart und Brille, den alle nur „Schnippi“ nennen. Für ihn ist Deutschland eine „GmbH“ und auch die Polizei eine „Firma“. Er informiere sich nicht mehr in „den Medien“, schon gar nicht im Fernsehen. Vor allem im Internet. Und auch Ignaz Bearth und seine Treffen kenne er. Als erstes möchte Schnipp aber wissen, wer die Reporter finanziere, die gerade in ihren Stammtisch hereingeplatzt sind.

Nicht alle am Tisch denken radikal. Aber sie teilen ein Gefühl. Ein Misstrauen gegen den deutschen Staat. Eine Verbitterung darüber, wie die Debatten über Fluchtkrise und Einwanderung in Deutschland laufen, was „für das Land nicht gut sein kann“.

Rentner aus Deutschland sind unter sich und wirken glücklich

Das ist die eine Seite. Auf der anderen haben viele hier am Balaton ihre „Gemeinschaft“ gefunden. Man helfe sich gegenseitig, wenn einer krank sei, bringe ein anderer Suppe vorbei. Am Ende, so scheint es, sind die Rentnerinnen und Rentner aus Deutschland glücklich, in Ungarn unter sich zu sein. Und das auch noch zu günstigen Preisen.

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Wie sich Bearth sein Leben im Exil finanziert, sagt er nicht. Auf dem Treffen im Restaurant am Balaton bittet er die Rentner-Runde um Spenden, unter viele seiner Beiträge auf Telegram verlinkt er sein Paypal-Konto. „Wertschätzung“.

Zu seinen Treffen reiste schon der Kopf der rechtsextremen Identitären Bewegung, Martin Sellner, an, aber auch der frühere österreichische Vizekanzler Hans-Christian Strache. Wegen der „Ibiza-Affäre“ musste er zurücktreten, beschuldigt wegen Bestechlichkeit im Amt.

Und auch für Bearths Gast an diesem Tag lief es schon einmal besser. Andreas Kalbitz steht vor den Holztischen und Sonnenschirmen im Restaurant in Zalakaros. Er trägt ein blau-weißes Hemd und Jeans. Kalbitz war lange AfD-Flügel-Wortführer.

Dem Verfassungsschutz gilt Kalbitz als „zentraler Akteur des neurechten Netzwerks“

2020 entschied ein AfD-Schiedsgericht, dass Kalbitz die Mitgliedschaft entzogen wird. Der Vorwurf: Kalbitz soll eine frühere Mitgliedschaft in einer rechtsradikalen Partei verschwiegen haben. Kalbitz ging dagegen gerichtlich vor, unterlag vorerst. Dem Verfassungsschutz gilt er jedoch weiterhin als „zentraler Akteur des neurechten Netzwerks“.

Kalbitz schlägt vor den Deutschen am Balaton mildere Töne an als der Schweizer Bearth, er hetzt nicht gegen den Reporter-Besuch, sondern grüßt freundlich, stimmt einem Gespräch zu. Und doch ist die Inszenierung ähnlich. Kalbitz sehe eine „Narrativierungs-Orgie“ in Deutschland.

Bestimmte Meinungen seien sofort als „rechts“ abgestempelt. Er sei kein „Apologet der Lügenpresse“, aber ein „Apologet der Lückenpresse“. Er sehe sich aber nicht „als Teil einer Umsturzideologie“, sondern als „Teil einer demokratischen Veränderungsbewegung“. In Deutschland, so Kalbitz, herrsche eine „Angstmaschinerie“, aber die Menschen würden „anfangen nachzudenken“.

Das neurechte Netzwerk, es soll nicht nur von links nach rechts, sondern auch von ganz oben bis nach ganz unten verlaufen. Es soll auf eigenen „Medien“ aufbauen, eigene Bündnisse hervorbringen, eigene Geldquellen etablieren. So sehen es die ideologischen Köpfe wie Bearth und Kalbitz.

Exil-Deutsche sind ein Teil dieses neurechten Netzwerks

Vor wenigen Tagen trafen sich Rechtspopulisten und Erzkonservative zu einer großen Konferenz in Budapest. Bisher fand das Event immer in den USA statt, nun kam es erstmals nach Europa. Viktor Orban hielt die Auftaktrede, es gab Videobotschaften von Brasiliens radikal rechten Präsidenten Bolsonaro, vom britischen Brexit-Politiker Nigel Farage. Und von Donald Trump.

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Exil-Deutsche sind ein Teil dieses neurechten Netzwerks. Ein kleiner, aber ein wachsender. Und nicht nur in Ungarn, auch in Paraguay und Bulgarien sollen sich mittlerweile deutsche Auswanderer-Kolonien gebildet haben.

Doch nicht alle Deutschen am Balaton schenken der Angst-Rhetorik der Rechten Glauben. Nicht alle „denken quer“, fühlen sich als „Aufgeweckte“. Jedenfalls nicht so, wie sich das Ignaz Bearth wünscht. In einem kleinen Haus in einem Städtchen am Plattensee, das einst ein Lebensmittelladen war, sitzt ein Dutzend älterer Menschen um einen Tisch mit Kaffee und Kuchen herum. Hier feierte die „Deutschsprachige Evangelische Gemeinde Balaton-Hévíz“ gerade einen Gottesdienst.

Früher am Balaton: Häuser und Grundstücke für 15.000 D-Mark

Ein älterer Mann, der einst aus Hamburg kommt, erzählt von den Anfängen der Auswanderung, in denen man für 15.000 D-Mark ein Grundstück kaufen konnte. Wie bei vielen fing es auch bei ihm mit einem Urlaub an. Die Sonne, der See, das gute Essen – es wurde seine neue Heimat.

Heute seien die Preise massiv angestiegen, wenn überhaupt noch Häuser zum Verkauf stünden. „Das ist alles die deutsche Nachfrage“, sagt eine Frau. Und immer mehr von ihnen würden auffallen. Vor einem Jahr noch mit Anti-Merkel-Parolen, heute mit Anti-Baerbock-Sprüchen.

Pfarrerin Rita Mick-Solle beobachtet den Zuzug mit Sorge. Es kämen nicht nur Rentner, sondern immer mehr auch jüngere Leute. „Viele gehen gezielt ins Hinterland.“ Und viele wandern nicht nur aus Deutschland ab, sondern digital. Von Facebook zu Telegram – in den wenig kontrollierten Räumen, wo sich Hetze unwidersprochen und ungelöscht verbreitet. „Ich habe mir das angeschaut, und habe nach einer halben Stunde mein Konto bei Telegram gelöscht“, sagt Pfarrerin Mick-Solle.

Auch die „Freien Sachsen“ vernetzen sich mit der Balaton-Exil-Gemeinde

Räume, in die nun Radikale wie Ignaz Bearth drängen. Digital auf Telegram, und vor Ort am Balaton mit „Stützpunkten“ und Ehrengästen der Szene wie Sellner und Kalbitz. Ein „Konrad“ ist an diesem Mai-Tag auch gekommen, stellt den Zuschauern an den Holztischen das „Magazin“ der „Freien Sachsen“ vor, eine rechtsextreme Partei, die gegen die Corona-Politik in Ostdeutschland agitiert. Konrad soll einen Artikel für die Sachsen über die „Stützpunkte“ der Deutschen am Balaton schreiben. Auch eine Fahne des „Freien Thüringen“ hängt über einem Tisch.

Am Ende des Treffens in dem Restaurant ruft der Schweizer Bearth die deutschen Auswanderer auf, „Kommunen“ zu bilden. Ohne Internet. „Wie 89“, ruft er und rennt um die vorderen Tische. Der „tiefe Staat“ sei mächtig, wer wisse schon, wann er das Internet abschalte.

Am Abend, Stunden nach der Veranstaltung am Balaton, sitzt Ignaz Beath in seiner ungarischen Bleibe und postet noch ein Video für das Internet. „Die Hütte war brechend voll heute“, sagt er in die Handykamera. Die Stimmung sei genial gewesen. „Und der Hammer war: Die deutsche Lügenpresse war in Ungarn bei uns.“ Bearth habe „Tacheles“ geredet, man brauche keine „Huren des tiefen Staates“. Ignaz Beath klingt sehr stolz in diesem Moment.

Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.

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