Studienförderung

Bafög in der Krise – Warum der Kreis der Bezieher schrumpft

Studenten der Wirtschaftswissenschaftenin einer Vorlesung an der Universität Leipzig (Sachsen).

Studenten der Wirtschaftswissenschaftenin einer Vorlesung an der Universität Leipzig (Sachsen).

Foto: Jan Woitas / dpa

Berlin  Die Zahl staatlich geförderter Schüler und Studenten sinkt – viele Familien zahlen lieber selbst. Kritiker fordern rasche Reformen.

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Gerade sind Semesterferien. Was macht wohl Deutschlands Bildungselite? Liegt ein Großteil der knapp drei Millionen

faul am Baggersee, schippert durch die griechischen Kykladen oder feiert in den Uni-Städten die tropischen Nächte durch?

Von wegen. Viele Studenten müssen in der Ferienzeit malochen, damit sie sich sündhaft teuer gewordene WG-Zimmer und Wohnungen überhaupt noch leisten können. Wer keine gut betuchten Eltern oder Großeltern hat, ist daher froh, dass Vater Staat seit fast 50 Jahren dank des Bundesausbildungsförderungsgesetzes – kurz Bafög – finanziell hilft. Doch der Kreis der Bezieher schrumpft, wie neue Zahlen des

vom Donnerstag belegen.

Wie viele Schüler und Studenten erhalten Bafög?

Vergangenes Jahr bekamen rund 225.000

sowie 557.000 Studenten die staatliche Ausbildungsförderung – etwa 41.000 oder fünf Prozent weniger als im Jahr zuvor. Damit beziehen 18 Prozent der knapp 2,9 Millionen Studierenden Bafög – das ist nur noch jeder Achte.

Was bedeutet das pro Kopf?

Im Schnitt waren das 2017 für einen

499 Euro Bafög im Monat – immerhin 35 Euro mehr als im Jahr zuvor. Schülern wurden durchschnittlich 456 Euro überwiesen – ein Plus von 21 Euro. Jeder zweite Bafög-Empfänger erhielt den Höchstsatz von 735 Euro. Die Hälfte der gesamten Förderung muss nach Studienende nicht zurückgezahlt, der andere Teil als zinsloses Darlehen später beglichen werden. Falls es beim Studium mal wieder länger dauert: Mehr als 10.000 Euro müssen nicht zurückgezahlt werden.

Was kostet das Bafög die Steuerzahler?

Da zuletzt pro Kopf mehr ausgezahlt wurde, stiegen die staatlichen Ausgaben 2017 um rund 70 Millionen Euro (2,4 Prozent) auf 2,9 Milliarden Euro. Seit 2015 finanziert der Bund die Leistungen voll, die Kindern von Eltern mit niedrigeren Einkommen den Weg bis zum Abitur und ein Studium ermöglichen sollen. Der Trend, dass immer weniger Studenten Bafög erhalten, hält seit Jahren an. 2012 wurden noch fast eine Million Schüler und Studenten gefördert. Seit 2010 waren die Bedarfssätze und Freibeträge nicht erhöht worden. In ihrem Koalitionsvertrag haben CDU, CSU und SPD vereinbart, bis 2021 insgesamt eine Milliarde Euro zusätzlich für das Bafög bereitzustellen.

In welchen Bundesländern gibt es die meisten Bafög-Bezieher?

Das hängt natürlich mit der Anzahl der angebotenen Studien- und Ausbildungsplätze zusammen. In Nordrhein-Westfalen erhielten 2017 rund 185.000 Schüler und Studenten Bafög, in Bayern 97.600, in Niedersachsen 78.500, in Baden-Württemberg 75.600, in Schleswig-Holstein 26.500, in Hamburg 23.600 und in Thüringen rund 23.600. In Berlin wurden 54.080 Menschen unterstützt, im Vorjahr waren es noch 56.621,

Wie reagiert die Politik auf die neuen Zahlen?

Bundesbildungsministerin Anja Karli­czek erklärte, dass die Zahl der Bafög-Bezieher wieder unter die 800.000 gerutscht sei, hänge mit der guten Wirtschaftslage zusammen. Aufgrund von Rekordbeschäftigung bei steigenden Löhnen und Gehältern könnten mehr Familien ihren Kindern eine gute Ausbildung mit eigenen Mitteln finanzieren. Das ist nur die halbe Wahrheit. Viele Studenten schlagen sich mithilfe ihrer Eltern und durch Nebenjobs gerade so durch, weil sie das Bafög-Prozedere scheuen und Schulden fürchten.

„Ausbildungsförderung soll auch die Familien entlasten, die die Ausbildung ihrer Kinder nur unter erheblichem eigenen Verzicht finanzieren können“, sagte Karliczek. „Ich möchte, dass wieder mehr Familien von staatlicher Ausbildungsförderung profitieren“, sagte die CDU-Politikerin. Sie will einen Gesetzentwurf erarbeiten, der zum Schuljahresbeginn/Wintersemester 2019/20 in Kraft treten soll. Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Oliver Kaczmarek, sagte dieser Redaktion: „Wir benötigen ein vereinfachtes Antragsverfahren und wir müssen über die Verschuldungsgrenzen nachdenken.“

Was sagen Opposition und Experten?

Der Hochschulexperte der Grünen, Kai Gehring, forderte die Ministerin auf, sofort zu handeln. Die Bedarfssätze und Freibeträge müssten um mindestens zehn Prozent steigen angesichts gestiegener Lebenshaltungskosten und der Mietpreisexplosion. Das Studentenwerk startete jüngst eine Kampagne unter dem Motto „Angst vor Verschuldung? Hol dir Bafög!“. Auf Plakaten heißt es: „Bafög ist Geld vom Staat.

Für 10 Semester können das 44.100 Euro sein. Und das Beste: Zurückzahlen musst du höchstens 10.000 Euro. Zinsfrei.“ Der Generalsekretär des Studentenwerks, Achim Meyer auf der Heyde, sagte: „Das Bafög wird oft schlechter hingestellt, als es ist. Und wir wissen aus unseren regelmäßigen Studierenden-Befragungen, dass Familien aus Sorge um eine angebliche Verschuldung erst gar keinen Bafög-Antrag erwägen.“

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Kann man Bafög ohne deutschen Pass erhalten?

Ja. Auch anerkannte Asylberechtigte, Bürgerkriegsflüchtlinge und Geflüchtete mit bestimmtem Schutzstatus können Ausbildungshilfen beantragen.

Fließt die Förderung bei einem Studium im Ausland?

Rund 140.000 deutsche Studenten sind nach Angaben des Bildungsministeriums an ausländischen Hochschulen eingeschrieben. Wer an eine Hochschule oder Berufsfachschule in einem EU-Land oder in der Schweiz geht, kann problemlos wie im Inland Bafög beziehen. Am häufigsten zieht es Studenten nach Österreich, in die Niederlande, Großbritannien, die Schweiz – und die USA. Bis zu 4600 Euro der Gebühren können mit Bafög abgedeckt werden.

Nehmen viele Studenten Bildungskredite in Anspruch?

Die Zahl neu abgeschlossener Verträge ging zwischen den Jahren 2014 und 2017 von 59.000 auf 41.000 zurück – trotz steigender Studentenzahlen, wie das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) herausfand. Mehr Studenten versuchten, ihre akademische Ausbildung durch Nebenjobs und durch Geld von den Eltern zu finanzieren. Im Juni 2018 gab es rund 280.000 aktive Studienkreditverträge, wobei rund 100.000 Studenten Geld ausbezahlt bekommen. Die restlichen Verträge werden bereits zurückgezahlt.

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