Demografie

Bevölkerungsschwund: „Der Prozess ist nicht aufzuhalten“

Sie sind jung und es sind häufig Männer: Die vielen Flüchtlinge im Land (hier bei einem Integrationskurs) könnten die Probleme des demografischen Wandels in Deutschland bremsen – falls sie bleiben und die Integration gelingt.

Sie sind jung und es sind häufig Männer: Die vielen Flüchtlinge im Land (hier bei einem Integrationskurs) könnten die Probleme des demografischen Wandels in Deutschland bremsen – falls sie bleiben und die Integration gelingt.

Foto: picture alliance / dpa

Essen.   Demografie-Expertin Franziska Woellert warnt im Interview vor übertriebenen Erwartungen, die Zuwanderung könne die Probleme einer schrumpfenden Gesellschaft lösen.

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Deutschland wächst wieder, ebenso Nordrhein-Westfalen und sogar das Ruhrgebiet, das zuletzt dramatisch Einwohner verlor. Hauptgrund sind die vielen Flüchtlinge, die in den letzten anderthalb Jahren ins Land kamen. Was heißt das für die demografische Entwicklung des größten EU-Landes, das eine der weltweit niedrigsten Geburtenraten hat? Michael Kohlstadt sprach mit Demografie-Expertin Franziska Woellert vom renommierten Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung.

Über eine Millionen Menschen kamen allein 2015 ins Land. Viele Flüchtlinge sind jung. Haben sich damit die Probleme des demografischen Wandels erledigt?

Franziska Woellert: Die Zahl wird nicht ausreichen, um langfristig das Schrumpfen aufzuhalten. Hinzukommt: Keiner weiß, wie lange die Flüchtlinge bleiben und wie viele von ihnen eines Tages wieder zurückkehren. Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen: Auf Jahre starker Zuwanderung folgten Jahre starker Abwanderung.

Allerdings können die derzeit vielen Zuwanderer den Abwärtstrend bei der Einwohnerzahl zumindest abbremsen. Demografisch positiv ist: Über 70 Prozent der Flüchtlinge sind unter 30. Das ist genau die Altersgruppe, die in Deutschland unterrepräsentiert ist.

Lässt sich der Bevölkerungsschwund denn überhaupt stoppen?

Woellert: Um die Einwohnerzahl bis 2060 stabil zu halten, bräuchten wir eine Zuwanderung von jährlich einer halben Million Menschen in der Altersgruppe der Erwerbsfähigen von 20 bis 64 Jahre. Dass so viele Menschen dauerhaft nach Deutschland kommen und hier erfolgreich integriert werden können, ist völlig illusorisch.

Arbeit zu finden, das gilt als Schlüssel zu einer erfolgreichen Integration. Ein langer Weg?

Woellert: Menschen, die im erwerbsfähigen Alter einwandern, müssen schnell auf dem Arbeitsmarkt integriert werden. Damit tut sich Deutschland trotz Verbesserungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen noch immer schwer. Viele Flüchtlinge stehen zudem unter dem Druck, möglichst schnell Geld zu verdienen.

Das kann dazu führen, dass sie sich nicht auf die zum Teil sehr langen Ausbildungs- und Nachqualifizierungsangebote einlassen, die der deutsche Arbeitsmarkt verlangt. Auch fallen die Qualifikationen, die die Flüchtlinge mitbringen, sehr unterschiedlich aus. Das Spektrum reicht von gut qualifiziert bis gar nicht ausgebildet. Das heißt: Es wird viel Zeit vergehen, bis diese Menschen in der Arbeitswelt ankommen.

Mehr Menschen im Land heißt mehr Konsumenten und potenzielle Arbeitskräfte. Ist das nicht insgesamt ein ökonomischer Gewinn?

Woellert: Gelingt die Integration, werden die vielen Zugewanderten einen positiven Effekt auf die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland haben. Dann werden sich die Kosten der Integration langfristig auszahlen. Schaffen wir das nicht, werden wir am Ende auf Mehrkosten sitzen bleiben.

Deutschland kann nicht jedes Jahr so viele Flüchtlinge aufnehmen. Werden wir also zwangsläufig schrumpfen?

Woellert: Das eigentliche Problem des Bevölkerungsrückgangs ist die niedrige Geburtenrate in Deutschland. Sie liegt derzeit bei 1,47 Kindern pro Frau. Damit die Einwohnerzahl stabil bleibt, müsste sie bei 2,0 bis 2,1 liegen.

Die Probleme gibt es auch in anderen wohlhabenden Ländern.

Woellert: Inzwischen gibt es in Europa Länder, in denen die Geburtenrate noch niedriger ausfällt als bei uns, etwa in Süd- oder Osteuropa. Die Besonderheit bei uns: Deutschland ist Pionier des demografischen Wandels. Die Geburtenrate liegt schon seit den 1970er-Jahren so niedrig. Man sieht also: Das ist ein gesellschaftlicher Trend, der sich nur sehr schwer ändern lässt.

Zuletzt gab es Meldungen über wieder steigende Geburtenzahlen. Ein Hoffnungsschimmer?

Woellert: Zwar wurden in den vergangenen Jahren wieder mehr Kinder geboren. Das liegt aber nicht daran, dass Frauen wieder mehr Kinder bekommen, sondern daran, dass die etwas stärker besetzten Jahrgänge der Kinder der Babyboomer nun in das Alter der Familiengründung kommen, es also mehr potenzielle Eltern gibt. Der eigentliche Grund für die niedrige Geburtenrate ist jedoch die Tatsache, dass viele Frauen sich ganz gegen Kinder entscheiden. In Deutschland bleibt mittlerweile jede fünfte Frau über 44 kinderlos, bei Akademikerinnen ist es sogar jede vierte Frau.

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