Landgericht Duisburg

Voerde: Bruder von Jackson B. spricht über Nacht vor der Tat

Mordprozess: Beschuldigter stieß Frau vor einfahrenden Zug

Ein 28-Jähriger soll aus Mordlust eine Frau in Voerde vor einen einfahrenden Zug gestoßen haben. Am 9. Januar beginnt der Prozess.

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Duisburg/Voerde.  Jackson B. hat in Voerde eine Frau vor einen einfahrenden Zug gestoßen. Nun hat sich der Bruder des Angeklagten vor dem Landgericht geäußert.

Was treibt einen Mann dazu, eine ihm völlig unbekannte Frau, eine Mutter, die ihm nichts getan hat, vor einen einfahrenden Zug zu stoßen? Auch am dritten Tag des Prozesses gegen Jackson B. konnte diese Frage nicht geklärt werden. Klar wurde aber: Der 28-Jährige, der am 20. Juli vergangenen Jahres die 34-Jährige Anja N. auf dem Bahnhof in Voerde tötete, ist seelisch schwer gestört.

Als erster sagt an diesem Tag Jakob S. aus. Er ist der Bruder des Beschuldigten, der das Geschehen im Saal 201 des Landgerichtes in Duisburg wie an vorherigen Prozesstagen anscheinend teilnahmslos verfolgt. S. erscheint im grauen Jogginganzug vor Gericht, die schwarzen Haare nach hinten gegelt. Er muss als Bruder nicht Rede und Antwort stehen, wie ihn der Vorsitzende Richter Joachim Schwartz belehrt.

Bruder: Der schob voll die Paranoia

Er will es aber. In der Nacht vor dem verhängnisvollen Samstagmorgen im vergangenen Sommer feiern die beiden in Düsseldorf, die Tochter von S. hat Geburtstag. Sie trinken Bier, jeder zehn vielleicht. B. ist wieder einmal seltsam drauf. „Der schob voll die Paranoia“, erinnert sich sein Bruder.

2017 hat der Vater der beiden seinen Halbbruder erschossen, weswegen er jetzt in Serbien im Gefängnis sitzt. Ein Ereignis, das B. sehr mitgenommen habe. B. habe an diesem Abend in Düsseldorf behauptet, die Söhne des Erschossenen in der Stadt zu sehen. Eine Einbildung.

Möglicherweise, sagt S., habe sein Bruder an dem Abend auch „etwas gezogen“. Tatsächlich wurden nach der Tat in Voerde Spuren von Kokain im Blut von B. nachgewiesen. Nachdem sie gegen 4.30 Uhr am Samstagmorgen in Wesel angekommen seien, wo S. wohnt, sei der Bruder unruhig gewesen, habe nicht geschlafen. Gegen 7.30 Uhr habe er sich auf den Weg nach Hause gemacht.

Bahnhof Voerde: B. wollte nie Hilfe annehmen

Schon früher habe sich B. komisch benommen, erinnert sich der Bruder. In Alsdorf bei Aachen, wo er bis 2018 mit seiner Frau und seinen sieben Kindern lebte, habe B. mit einem Hammer gegen Wände gehauen und den Boden aufgerissen. Er habe davon gesprochen, dass die Söhne des Erschossenen im Keller seien. S. riet ihm, sich ärztliche Hilfe zu besorgen. „Er hat aber nie Hilfe angenommen.“

Als S. den Zeugenstand verlässt, blickt er zu seinem Bruder, traurig, mitleidig, ratlos. B. schaut nicht zurück. Frank Sandlos präzisiert das, was die Aussage des Bruders nahelegt. Sandlos ist Facharzt für Psychiatrie im Forensischen Institut in Essen. Er hat nach der Tat von Voerde viermal mit B. gesprochen, insgesamt zehneinhalb Stunden.

Er trifft einen Mann, der anfangs, als er im Gefängnis sitzt, verschlossen und angespannt ist, und beim letzten Gespräch im Dezember aufgelockert. Zu diesem Zeitpunkt ist B. schon in der geschlossenen Psychiatrie in Essen untergebracht und erhält Medikamente.

In allen Gesprächen gibt B. an, sich nicht an die Tat zu erinnern. Nur daran, dass sich auf dem Bahnhof sein Kopf gedreht habe, dass er müde gewesen sei, dass er geschwankt habe, und dass sich Männer auf ihn geworfen hätten. Aber die Frau? „Ich war das nicht“, habe B. beteuert.

Gutachter: Ein schwer einschätzbarer Proband

Oft passen Inhalt und Verhalten des 28-Jährigen bei den Gesprächen nicht zusammen. Er lächelt an unpassenden Stellen. Er antwortet nicht immer auf die gestellten Fragen, seine Aussagen empfindet Sandlos häufig als widersprüchlich und kaum nachvollziehbar. Als er medikamentös eingestellt ist, entwickelt er Symptome von Größenwahn.

„Ein schwer einschätzbarer Proband“, sagt Sandlos. Möglicherweise minderbegabt, sicherlich aber seelisch krank. Zwar habe B. Drogen und Alkohol in schädlichem Maße konsumiert, seine Krankheit lasse sich aber wohl nicht allein darauf zurückführen. Sandlos diagnostiziert eine „undifferenzierte, atypische Schizophrenie.“ Eine Krankheit, die die Persönlichkeit verformt.

Sandlos berichtet auch von dokumentierten vorherigen Klinikaufenthalten im Jahr 2018. Dreimal war B. damals kurzfristig in der Psychiatrie untergebracht. Er konnte die Einrichtungen jeweils gegen den ärztlichen Rat verlassen, weil ihm nicht nachgewiesen werden konnte, dass er sich selbst oder andere gefährdet. „Es war schwierig, sein Verhalten einzuschätzen“, verteidigt Sandlos die Kollegen.

Für den Todesstoß am 20. Juli, sagt Sandlos, gebe es eigentlich „überhaupt keine Erklärungsansätze“. Möglicherweise sei es ein „psychotisch motivierter Handlungsimpuls“ gewesen. Klar ist für den Gutachter jedenfalls: Wenn B. unbehandelt wieder in die Freiheit käme, könnte er wieder Gewalt gegen andere Menschen anrichten.

Deswegen gibt es für Sandlos „keine Alternative zu einer weiteren stationären Behandlung“. Sprich: Die Unterbringung B.`s in einer geschlossen Psychiatrie auf unbefristete Zeit.

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