Börse

Der Dax wird 30

Knapp drei Monate nach dem Start des Dax nimmt die Deutsche Börse im Oktober 1988 ein computergesteuertes Kursanzeigesystem in Betrieb. Kernstück der damals rund 3,5 Millionen Mark teuren Anlage ist eine Grafik-Anzeigetafel, die den Verlauf des Index minütlich in einer Kurve darstellt. Foto:dpa/Tim Brakemeier

Knapp drei Monate nach dem Start des Dax nimmt die Deutsche Börse im Oktober 1988 ein computergesteuertes Kursanzeigesystem in Betrieb. Kernstück der damals rund 3,5 Millionen Mark teuren Anlage ist eine Grafik-Anzeigetafel, die den Verlauf des Index minütlich in einer Kurve darstellt. Foto:dpa/Tim Brakemeier

Frankfurt/Main.  Der Deutsche Aktienindex ist international eines der wichtigsten Börsenbarometer. Jetzt wird er 30.

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Los ging es am 1. Juli 1988. Einer der bekanntesten Börsenbarometer der Welt, der Deutsche Aktienindex (Dax), wurde erstmals berechnet. 1163,52 Punkte standen da auf der Anzeigetafel im Börsensaal – die Gründer hatten ihn zurückgerechnet auf den 1. Januar 1988. Wie die meisten Babys wuchs der Dax prächtig. Kurz vor seinem 30. Geburtstag im Januar 2018 erreichte er einen Stand von mehr als 13 500 Punkten – ein Allzeithoch –, und wenn es auch in den vergangenen Wochen wieder abwärtsging, ist der Index in hervorragender Verfassung, kraftstrotzend, allerdings auch etwas launisch.

Die Wertentwicklung in den vergangenen 30 Jahren schwankte heftig. So erinnert Hans-Jörg Naumer, Leiter der Kapitalmarkt-Analyse bei der Fondsgesellschaft Allianz Global Investors (AGI), etwa an die Asien- und Russlandkrise, an die Technologieblase zur Jahrtausendwende und natürlich die Finanz- und Euro-Staatsschuldenkrise vor zehn Jahren.

Erfunden hat den Dax Frank Mella, der damals bei der „Börsenzeitung“ Redakteur war. Die Idee: Man wollte einen Börsenindex für den Finanzplatz Deutschland berechnen. Bis dahin hatte es verschiedene andere Indizes gegeben, darunter etwa den Index der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der 100 Werte abbildet. Doch ein einheitlicher Aktienindex – das sei ein sehr wichtiger Schritt gewesen, meint Klaus Nieding, Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Denn seither könne man nun international die verschiedenen Indizes vergleichen.

„Ein solcher Index ist wie ein technischer Standard in der Indus­trie“, erklärt Nieding. Außerdem habe man mit dem einheitlichen Börsenbarometer das Augenmerk der breiten Bevölkerung auf das Thema Börse gelenkt. Über das Auf und Ab des Dax wird heute selbstverständlich auch in den Nachrichtensendungen des Fernsehens berichtet.

In den vergangenen 30 Jahren hat es so manchen Wandel gegeben in der Zusammensetzung des Dax, denn in ihm sind die nach Umsatz und Marktkapitalisierung 30 größten börsennotierten Aktiengesellschaften Deutschlands enthalten. Welche das sind, wird alle drei Monate regulär überprüft. Die Veränderungen zeigen sich etwa bei den Banken, aber auch in anderen Branchen: Die Dresdner Bank ist inzwischen in der Commerzbank aufgegangen, Mannesmann wurde von Vodafone übernommen und dann zerschlagen, Karstadt und Kaufhof sind längst nicht mehr selbst börsennotiert.

Der Dax soll eigentlich ein Abbild der deutschen Wirtschaft sein. Das aber sei nur unzureichend der Fall, meint Dirk Schiereck, Professor für Unternehmensfinanzierung an der TU Darmstadt. „Der Maschinenbau oder auch die Bauwirtschaft sind im Dax nur unzureichend vertreten“, kritisiert er. Deshalb plädiert er für eine Ausweitung des Dax auf 50 Werte: Denn dass der Index mit 30 Werten konzipiert wurde, liegt vor allem daran, dass er dem amerikanischen Dow Jones Industrial Index mit eben 30 Unternehmen nachempfunden wurde.

Auch die Zusammensetzung in den einzelnen Bereichen zeige, dass die deutsche Wirtschaft, die ja vor allem mittelständisch geprägt sei, anders vertreten wäre, sagt Schiereck. Als Beispiel nennt er den Technologiesektor: „Siemens und SAP als Dax-Werte strahlen da nicht so viel Dynamik aus“, meint er. Wenn man hingegen den Dax erweitern würde, wären dann auch Werte wie Wirecard, United Internet oder Software AG vertreten.

Weil viele Unternehmen in Deutschland nicht börsennotiert sind, werde der Dax zwar nie die deutsche Wirtschaft vollständig widerspiegeln. Aber die Struktur wäre insgesamt besser abgebildet. „Wenn der Dax 50 Werte umfassen würde, dann wäre das keine Revolution, sondern eine langsame Anpassung“, meint er, der Maschinenbau wäre dann mit einem Gewicht von drei bis vier Prozent vertreten statt wie bisher mit knapp zwei.

In einer Studie hat Schiereck die Vor- und Nachteile erforscht: Der Wunsch vieler institutioneller Investoren nach einem umfänglicheren Dax sei dabei gar nicht so groß. Vielmehr hätten einige Fondsmanager ausdrücklich betont, es sei so einfacher, die Wertentwicklung des Dax mit ihren Fonds zu übertreffen.

Das ist natürlich gute Werbung für die Fondsgesellschaften. Aber auch andere Gründe sprechen gegen eine Ausweitung: Die Unternehmen, die dadurch womöglich aufsteigen würden, seien gar nicht so angetan: „Lieber König im MDax als knapp im Dax“, sei da die Haltung, sagt Schiereck. Im MDax sind die 50 nächstgrößten Werte notiert. Und auch bei den großen Dax-Firmen sei das Echo in der Umfrage seines Instituts „verhalten“ gewesen, sagt der Professor.

Reform des MDax und des SDax

Die Deutsche Börse wird zwar zum September den MDax auf 60 Werte erweitern, den kleineren SDax sogar von 50 auf 70. Aber den Dax tastet sie nicht an. „Der ist etabliert, und etwas Etabliertes wirft man nicht so leicht über den Haufen“, glaubt DSW-Vizepräsident Nieding. Ein Grund dürfte auch sein, dass man dann die Produkte anpassen müsste, die auf den Dax als Basis ausgerichtet sind – das sind allein 200 000 Finanzprodukte, darunter 18 Indexfonds, die den Index nachbilden.

Der Index habe sich in der Praxis bewährt, sagt Nieding und rät, nicht nur auf den Dax zu schauen, sondern eben auch auf den MDax, in dem viel mehr Mittelständler notiert seien. So hat der MDax in den vergangenen zehn Jahren um 180 Prozent zugelegt, während der Dax „nur“ 90 Prozent schaffte.

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