Kommentar

Der wachsende Lehrermangel ist eine Katastrophe mit Ansage

Eine Lehrerin und Schüler an einer Schule in Hannover. (Symbolbild)

Eine Lehrerin und Schüler an einer Schule in Hannover. (Symbolbild)

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Berlin.  In Deutschland herrscht Lehrermangel. Und er wächst, stetig, aus vielen Gründen. Wenn er nicht bekämpft wird, droht eine Bildungskrise.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Was fehlt Deutschland am meisten? Die Antwort ist klar: Dem Land fehlen Leute, die sich um andere kümmern. Leute, die für solide Bildung, verlässliche Sicherheit und Lebenswürde im hohen Alter sorgen. Leute, die das Rückgrat eines sozialen Staates bilden – und dafür sorgen, dass sich die Bürger nicht von diesem Staat abwenden. Doch genau bei diesen Kümmerern wird die Lücke immer größer.

Deutschland fehlen Zehntausende Erzieher und Lehrer, Polizisten und Pfleger. Sicher, die Digitalisierung ist eine großartige Sache und kann viele Prozesse erleichtern – doch es gibt Aufgaben, die nur gut ausgebildete Menschen erledigen können. Und diese Aufgaben wachsen täglich.

An den Grundschulen fehlen einer neuen Studie zu Folge bis 2025 rund 26.000 Lehrer – und damit etwa 11.000 mehr als die Bundesländer bislang kalkuliert hatten. Das ist kaum aufzuholen. Schon deshalb nicht, weil diese Zahlen ehrlicherweise immer noch nicht das ganze Ausmaß des Mangels ausdrücken – weil sie nicht mit einbeziehen, dass durch den Ausbau der Ganztagsbetreuung an den Grundschulen noch deutlich mehr Lehrer gebraucht werden.

Denn: Ab 2025 soll es einen bundesweiten Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in den ersten vier Klassen geben. Die Politik rechnet damit, dass mindestens drei von vier Grundschulkindern diesen Anspruch auch nutzen werden.

Lehrermangel wächst aus vielen Gründen

Heißt: Der Lehrermangel wächst aus vielen Gründen. Wegen der höheren Geburtenzahlen, wegen der Zuwanderung, wegen der Inklusion von Kindern mit Behinderungen und schließlich auch wegen der Ausweitung der Schule am Nachmittag.

In vielen Regionen sind Ganztagsplätze für Grundschulkinder auch im Jahr 2019 noch rar. Wie schwer sich die Bundesländer damit tun, sich hier auf einen gemeinsamen Standard zu einigen, sieht man derzeit bei den Verhandlungen um den Rechtsanspruch. Nach langem Ringen soll es nun ab 2025 für alle Kinder von Klasse eins bis vier ein tägliches Betreuungsangebot von 8 bis 16 Uhr geben. Die Betreuung soll zudem auch in den Schulferien möglich sein – Schließzeiten sollen nicht länger als vier Wochen im Jahr möglich sein.

Unklar ist noch, wie die zwei Milliarden Euro verteilt werden sollen, mit denen der Bund die Länder beim Ausbau der Schulen für die Ganztagsbetreuung unterstützen will. Familienministerin Franziska Giffey will in jedem Fall auch Länder wie Berlin oder Hamburg finanziell fördern, bei denen der Ausbau bereits Realität ist.

Lehrermangel könnte zu nationaler Bildungskatastrophe werden

Doch wer sich als Berliner nun mit den Eltern in Dortmund, Saarbrücken oder Passau freut, dass auch dort überall moderne Betreuungszeiten anbrechen, sollte eins bedenken: Der Rechtsanspruch wird den Fachkräftemarkt aufmischen. Die Nachfrage nach Lehrern, Erziehern und Sozialpädagogen wird bundesweit weiter wachsen. Heißt: Das Tauziehen zwischen den Ländern um gute Bewerber dürfte sich noch verstärken.

Und noch etwas kommt hinzu: Nicht nur der rechnerische Bedarf an Lehrern wächst. Auch die Bedeutung der Lehrer wird von Jahr zu Jahr größer: Lehrer können nicht komplett ersetzen, was Eltern bei der Förderung ihrer Kinder nicht leisten können oder wollen. Aber außer den Lehrern ist oft sonst niemand da, der das zumindest versucht.

Gerade in Brennpunktschulen, gerade dort, wo Kümmerer besonders dringend gebraucht werden. Hier sind die katastrophalen Folgen des Lehrermangels längst spürbar. Passiert in den nächsten Jahren nicht genug, um die Lücken zu schließen, wird aus dem Lehrermangel eine nationale Bildungskatastrophe.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (7) Kommentar schreiben