Doppel-Pass

Deutsch-türkische Staatsbürger: Leben zwischen zwei Stühlen

Burak Yilmaz (r.), hier im Bild mit Furkan Kuruderi, der an einer Fahrt zur KZ-Gedenkstätte teilgenommen hat, hat es immer wieder mit Deutsch-Türken zu tun, die nicht recht wissen, welcher Nationalität sie sich angehörigfühlen.

Foto: Jörg Schimmel

Burak Yilmaz (r.), hier im Bild mit Furkan Kuruderi, der an einer Fahrt zur KZ-Gedenkstätte teilgenommen hat, hat es immer wieder mit Deutsch-Türken zu tun, die nicht recht wissen, welcher Nationalität sie sich angehörigfühlen. Foto: Jörg Schimmel

Duisburg.  Junge Menschen mit türkischer und deutscher Staatsbürgerschaft hinterfragen immer häufiger die eigene Identität. Einigen fällt es schwer sich heimisch zu fühlen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Türke? Deutscher? Deutsch-Türke? Einige Jugendliche und junge Erwachsene mit türkischen Wurzeln und doppelter Staatsbürgerschaft stecken in einer handfesten Identitätskrise. Das stellt der Marxloher Burak Yilmaz, der als Projektleiter Fahrten für junge Muslime zur KZ-Gedenkstätte Auschwitz organisiert, immer wieder fest.

Er hat in vielen Fällen folgendes Problem ausgemacht: Die Denkweise vieler Türkeistämmiger im direkten Umfeld dieser jungen Menschen sei noch immer stark nationalistisch geprägt – seien es die Eltern, Verwandte oder auch Freunde.

Daher versuchten sie, eine kulturelle, religiöse und soziale Entfremdung von der Türkei zu verhindern. Diese jungen Menschen sitzen also zwischen zwei Stühlen, haben immer wieder das Gefühl, sich festlegen zu müssen: Bin ich nun Türke oder bin ich Deutscher? Und bin ich beides, wie lässt sich das vereinbaren?

Deutsche Verantwortung

„Ich verstehe erst jetzt, was ,Deutsch-Sein’ für eine Verantwortung mit sich bringt“, ließ etwa ein junger Mann, der die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt, Yilmaz nach deren gemeinsamen Auschwitz-Besuch wissen.

Für Yilmaz stellt sich eine gesamtgesellschaftliche Frage: Wie will jeder Einzelne leben? Er selbst plädiert für eine Gemeinschaft, in der sich die Betroffenen von dem Druck frei machen, das eine oder andere sein zu müssen. Wenngleich er nur zu gut weiß, dass das leichter gesagt als getan ist – etwa im alltäglichen Umgang von Deutschen mit Deutsch-Türken.

Haci-Halil Uslucan, Professor für Moderne Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen, pflichtet Yilmaz bei: „Deutsch-Türken werden für die türkische Politik von Erdogan mitverantwortlich gemacht. Allein dadurch, dass Deutsche sie fragen: ,Was ist denn bei euch los?’“

Schwer sich heimisch zu fühlen

Die aktuelle politische Situation in der Türkei könnte dieses Problem befeuern. Bekannt ist, dass zahlreiche Kritiker Präsident Recep Tayyip Erdogan vorwerfen, die Demokratie durch einen zunehmend aggressiven Kollektivismus zu gefährden und die jahrzehntelang bestehenden, guten Beziehungen zum Westen so zu gefährden.

Dass im Jahr 2010 das Ministerium für Auslandstürken ins Leben gerufen wurde, wertet Uslucan als Signal der Türkei an die im Ausland lebenden Staatsangehörigen, das da lautet: „Wir passen auf euch auf!“ Dies wiederum erschwere es Deutsch-Türken, die in Deutschland aufwachsen, sich hier komplett heimisch zu fühlen.

>>>> Doppelte Staatsbürgerschaft gilt seit 2014

Erst seit Ende 2014 können in Deutschland geborene Kinder von Ausländern beide Staatsbürgerschaften ihr Leben lang behalten. Vorher war es so, dass sie sich im Alter zwischen 18 und 23 Jahren für eine entscheiden mussten.

Die Voraussetzungen dafür sind: Sie müssen entweder acht Jahre hier gelebt haben, sechs Jahre zur Schule gegangen sein oder einen deutschen Schulabschluss oder eine abgeschlossene Berufsausbildung besitzen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Mehr zum Thema
Auch interessant
Leserkommentare (21) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik