Politischer Aschermittwoch

Die Trümmerfrau der SPD kämpft

Heiser, aber voll in ihrem Element: Andrea Nahles, Chefin der SPD-Bundestagsfraktion, bei ihrer Rede im Freischütz.

Foto: Lars Heidrich

Heiser, aber voll in ihrem Element: Andrea Nahles, Chefin der SPD-Bundestagsfraktion, bei ihrer Rede im Freischütz. Foto: Lars Heidrich

Schwerte.   Die designierte SPD-Chefin Andrea Nahles trifft in Schwerte auf eine verkaterte Partei – und verschafft sich dort Respekt.

Andrea Nahles kämpft. An diesem Abend nicht nur gegen die Verunsicherung in der SPD, sondern auch gegen ihre Heiserkeit. Ihre Stimme versagt ein ums andere Mal, an manchen Stellen kann die sonst so Wortgewaltige nur noch krächzen. Ausgerechnet in diesem Zustand versucht sie, die Gegner der GroKo umzustimmen. „Ich werbe dafür, dass wir beim Mitgliedervotum Ja sagen, weil wir davon überzeugt sind, dass wir Gutes geschafft haben“, ruft Nahles den rund 700 Zuschauern zu.

Besonders herzlich war sie hier nicht empfangen worden. Als die Kandidatin für den SPD-Parteivorsitz am Aschermittwoch das Schwerter Ausflugslokal „Freischütz“ betrat, war der Beifall verhalten, sogar einzelne Pfiffe waren zu hören – offenbar eine Quittung für die Personalquerelen der vergangenen Tage.

Vereinzelt waren Pfiffe zu hören

„Das ist kein politischer Aschermittwoch wie jeder andere“, ahnte SPD-Landtagsfraktionschef Norbert Römer, der vor Nahles reden durfte. Mit einer „SPD-Party“, unkte er, dürfe hier niemand rechnen. „Dafür waren die letzten zwölf Monate zu schlecht und die letzten Tage zu chaotisch“, sagte der 70-Jährige. Die Angst vor einem möglichen Nein der Basis zur GroKo saß den drei Rednern – Römer, Nahles und SPD-Landeschef Michael Groschek – im Nacken. „Ich bin nicht sicher, ob wir uns von einem Nein je erholen würden“, warnte Römer. Groschek spielte die Rolle des Motivators. Die SPD wolle unter Nahles’ Führung die nächste Bundestagswahl gewinnen, sagte er allen Ernstes.

Nicht ganz zwölf Monate liegen zwischen dem Politischen Aschermittwoch 2017 und dem von 2018 in Schwerte. Aber gefühlt beträgt der Zeitraum dazwischen wohl hundert Jahre. Was war das für ein Fest, als Martin Schulz hier wie ein Heilsbringer umjubelt wurde! Er hielt Einzug wie eine Lichtgestalt, und sein Satz, „Ich will Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden“, kam im Frühjahr 2017 im „Freischütz“ nicht etwa als Prahlerei rüber, sondern als bare Münze. „Der wird das“, hieß es an den Tischen. Und mancher trug stolz die neuen Buttons, auf denen „Zeit für Martin“ stand.

Und nun? Zeit für Andrea. Die neue Frontfrau der Sozialdemokratie kommt allerdings nicht als Lichtgestalt, sondern eher als „Trümmerfrau“ nach Schwerte. Martin Schulz, der Jubel, die Hoffnung, das war gestern, heute ist die Partei verkatert. „In diesem Jahr ist der Aschermittwoch kein Ende, sondern ein Startschuss“, hatte 2017 Hannelore Kraft den SPD-Mitgliedern hier zugerufen. Der Aschermittwoch 2018 ist indes für die SPD wieder das, was sein sollte: Keine Party, sondern Start in die Fastenzeit, Gelegenheit zur Selbstbesinnung, Warten aufs Fest der Auferstehung.

Nahles ringt um Unterstützung. Zum Beispiel um die von Georg Masalsky, sozialdemokratisches Urgestein aus Dortmund. Seit 65 Jahren ist er SPD-Mitglied, aber seit einigen Tagen ist er voller Groll. Dass Sigmar Gabriel den politischen Untergang von Martin Schulz beschleunigt hat, findet Masalsky ungeheuerlich. „Wenn Gabriel Minister bleibt, ist für mich Sense in dieser Partei“, schimpft er. Zwei Tische weiter sitzt ein Herr aus Warstein, der sich als „Nahles-Fan“ bezeichnet. „Trotzdem stimme ich gegen die GroKo“, sagt er. Weil er sich eigentlich Rot-Rot-Grün wünsche.

Dieses Publikum, diese kritischen Mitglieder will Nahles überzeugen, damit sich ihr Traum vom Parteivorsitz erfüllt. Sie beschwört das Wir-Gefühl („Wir müssen uns unterhaken. Wir sind eine Partei mit Stolz“), sie redet von Angela Merkel so, als wäre die schon fast im Ruhestand („Die Göttinnendämmerung hat längst begonnen“), und sie stellt den Koalitionsvertrag als sozialdemokratisches Machwerk dar mit „sensationellen“ Errungenschaften für Rentner, Arbeitslose, Pflegende.

Der Beifall am Ende ihres Auftrittes fiel herzlicher aus als der am Anfang. Viele erheben sich sogar beim Klatschen. Nahles hat sich etwas Respekt verschafft, hier, mitten im GroKo-kritischen Ruhrgebiet. Das mag auch an ihrer Stimme gelegen haben. Das Publikum honorierte, dass da eine sprach, die an diesem Abend eigentlich nicht sprechen konnte.

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