Schülerproteste

Die Weltverbesserer – Warum Schüler demonstrieren gehen

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin  Freitags demonstrieren weltweit Schüler gegen die globale Erwärmung. Bilden die Schüler eine neue Rebellion, oder was treibt sie an?

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Flyer gehen nicht, nur selbstgemalte Schilder. Alles, was nicht zum Klimawandel gehört, soll verschwinden. Die Organisatoren der Freitags-Schülerproteste hoffen, dass auch die anwesenden Antifaschisten ihr Infomaterial wieder einpacken.

Rund 600 Berliner Schüler sind dem Aufruf der Organisation Fridays for Future gefolgt und schreien im Invalidenpark in Mitte ihre Wut über die ihrer Ansicht nach untätigen Politiker, den viel zu späten Kohleausstieg und eine umweltschädliche Wirtschaft heraus. Doch so viel enthusiastische Jugend lockt auch jene an, die sie gern als Nachwuchs für bestimmte politische Richtungen rekrutieren wollen.

In vielen europäischen Städten protestieren Schüler gegen die globale Erwärmung

Auch in Mannheim, Frankfurt, Magdeburg, Bamberg und Düsseldorf, in vielen deutschen und europäischen Städten schwänzten an diesem Freitag wieder Tausende Schüler den Unterricht für den gemeinsamen Protest gegen die globale Erwärmung.

Die Botschaften lauten: „Damit ich auch in Zukunft friere, wenn ich im Winter protestiere“ oder „There is no Planet B“ oder „Zwischen Natur und Wirtschaft gehört kein Oder“. Zwischen Reden wird immer wieder skandiert: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.“

Eine, die den Protest mit organisiert, ist Luisa Neubauer. Sie ist Studentin, 22 Jahre alt und pendelt derzeit zwischen Göttingen, wo sie studiert, und Berlin, wo sie für die Sache aktiv ist: „Fridays for Future“, erklärt sie, ist keine Organisation, „das ist eine Bewegung.“

Der Gegner ist ausgemacht: die Erwachsenen

Wer die junge Frau beobachtet, wie sie Redner erst nach ihren Botschaften befragt, bevor sie ihnen das Mikro überreicht, wie sie konzentriert Interviews gibt, und erlebt, wie sie die Schülermenge anheizt, muss feststellen, diese Bewegung ist vielleicht eine Laienveranstaltung, aber nicht laienhaft.

Ein junger Mann möchte sprechen, er trägt einen grünen Parka, eine Wollmütze und ist etwa 16 oder 17 Jahre alt. Luisa Neubauer hat eine Bedingung: „Wenn du am Schluss noch einmal auf das Klima eingehst, dann ist es okay.“ Enttäuscht wendet er ein: „Aber die Abschaffung des herrschenden Systems ist meine Conclusio, wenn ich das nicht sagen kann, dann brauche ich gar nicht zu reden.“ Er wird reden, auch ohne seine Conclusio.

Durch die Proteste Demokratie lernen

Luisa Neubauer war im Dezember auch bei der UN-Klimakonferenz in Kattowitz, dort hat sie die junge Schwedin Greta Thunberg kennengelernt und mit ihr demonstriert. Die Schwedin ist zur Ikone des Protests geworden, beim Weltwirtschaftsforum in Davos verschärfte sie ihre Botschaft an die Teilnehmer des Forums: „Ich will eure Hilfe nicht. Ich will nicht, dass ihr ohne Hoffnung seid. Ich will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre.“

Diesen Satz mit der „Angst“ zitiert Luisa und erntet dafür tosenden Applaus. Die Bewegung hat ihren Gegner ausgemacht: die Erwachsenen.

Drei zehnjährige Mädchen treten ans Mikrofon. Eine von ihnen, Marlene von der Berliner Metropolitan School, fragt die Menge: „Warum soll ich für die Zukunft lernen, wenn es keine Zukunft für mich gibt?“ Marlenes Mutter, Tina Zimmermann, steht am Rand. Sie lässt ihre Tochter und die beiden Freundinnen machen und findet es gut. Sogar, dass sie die Schule schwänzen. „So lernen die Kinder Demokratie“, sagt sie, „sie setzen sich für etwas ein, das ist ihr Recht.“

Schüler demonstrieren für Klimaschutz

„Schüler glauben noch an das Gute“

Weltweit wird nun seit Greta Thunbergs Auftreten freitags demonstriert. Wie ernst ist dieser Protest zu nehmen? Jugendforscher Bernd Heinzlmaier aus Wien sieht einen relativ normalen Prozess unter Jugendlichen. „Im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren hat man ein besonders sensibles moralisches Gewissen. Schüler glauben noch an das Gute, weil sie durch gesellschaftliche Realitäten noch nicht zurechtgestutzt sind“, sagt der Soziologe.

Gerade beim Thema Klimawandel zeigen sich die moralischen Verfehlungen der Erwachsenen besonders klar, in Wirklichkeit laute der Vorwurf: „Ihr macht nicht das, was ihr sagt. Ihr haltet Sonntagsreden über Klima, Gewalt, über Flüchtlinge. Aber das Tun stimmt nicht mit den moralischen Ansprüchen überein.“

Leben die Schüler zu sehr in einer Komfortzone?

Wesentlich kritischer sieht Simon Schnetzer, Autor der noch laufenden Studie „Junge Deutsche 2019“, die Schülerproteste. „Die jungen Demonstranten müssen in keiner Weise aus ihrer Komfortzone herausgehen. Das ist ein Wohlstandsprotest, der nicht wirklich wehtut. Sie schwänzen zwar den Unterricht, aber haben nicht wirklich Konsequenzen zu erwarten.“

Schnetzer möchte den Enthusiasmus nicht kleinreden, aber glaubt nicht, dass sich viele Schüler die Frage stellen, wie zu Hause der Strom bezogen wird. Oder ob Kleidung von H&M fair produziert ist. „Durch meine Studien habe ich festgestellt, dass das Gros der Jungen bequem ist, aber auch Angst hat, die eigene Komfortzone zu verlassen. Das ist eine Art Selbstschutzmechanismus“, so Schnetzer. Denn inzwischen gehöre es zum guten Ton, mitzudemonstrieren, und wer nicht dabei sei, müsse sich rechtfertigen.

Fragt man Luisa Neubauer nach dem Stromanbieter in ihrer WG, ist sie genervt. „Natürlich haben wir Ökostrom. Aber das reicht nicht, wenn der Kohlestrom weiter produziert wird. Und natürlich esse ich vegan und fliege nicht, aber das ändert auch nichts daran, dass es keine Kerosinsteuer und Subventionen vom Staat für Massentierhaltung gibt.“ Neubauer will nächsten Freitag wieder hier stehen.

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