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Wie sich Elon Musk zu Wladimir Putins Marionette macht

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Musk will Twitter jetzt doch kaufen

Musk will Twitter jetzt doch kaufen

US-Milliardär Elon Musk will Twitter jetzt doch kaufen. Zu den Gründen seines Bewusstseinswandels machte er keine Angaben. Musk bietet wie im April vorgeschlagen 54,20 Dollar pro Aktie - insgesamt sind das 44 Milliarden Dollar. PROFILE OF Tesla founder and space entrepreneur Elon Musk

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Washington.  Der reichste Mann der Welt gefällt sich zunehmend in der Rolle eines informellen Welt-Diplomaten. Freitag kauft er auch noch Twitter.

Freitag wird der reichste Mensch der Welt, Elon Musk, der mit seinem SpaceX-Raketen-Fuhrpark irgendwann den Mars kolonisieren will, den Planeten einstweilen mit Elektro-Teslas überzieht und zwischendurch in limitierter Auflage ein Parfum namens "Verbranntes Haar" auf den Markt wirft, voraussichtlich als Geschäftsmann die Schlagzeilen beherrschen.

Nun doch: Elon Musk will für 44 Milliarden Dollar Twitter kaufen

Elon Musk will nach Elon Musk-typischem Hin und Her an diesem Freitag nun doch für 44 Milliarden Dollar den Kurzmitteilungsdienst Twitter kaufen. Er hat seine Mitinvestoren aufgerufen, das nötige Kleingeld parat zu haben.

Das wirft schon für sich genommen staatlichen Regulierungsbedarf und viele Fragen auf. Am Ende auch die, ob der nach eigenen Worten einer "absolutistischen" Auffassung von Meinungsfreiheit verpflichtete Mega-Multi-Milliardär tatsächlich Lügenbaronen wie Donald Trump, den das Vögelchen-Unternehmen aus San Francisco wegen Hetze und Gewaltaufrufen seit 2021 verbannt hat, wieder eine Plattform zur Verbreitung von Unwahrheiten zur Verfügung stellen wird. Mit dem Gedanken jongliert Musk jedenfalls seit Monaten.

Bis die Antwort überliefert ist, reiben sich bis tief ins Weiße Haus immer mehr an einer vergleichsweise neuen Facette Musks, die eingedenk seines Reichtums, Einflusses und knapp 110 Millionen Twitter-Abonnenten Konsequenzen hat: Der 51-Jährige, notorisch sendungsbewusste Unternehmer betätigt sich neuerdings als eine Art "Papagei" Wladimir Putins.

Ukraine: Putin teilt Kriegspläne mit Musk

Das Wort aus der Tierwelt stammt dem Vernehmen nach von Ian Bremmer. Der Chef der US-Politik-Beratungsfirma Eurasia Group sorgte kürzlich für globale Schlagzeilen, weil Musk ihm gegenüber einen "Friedensplan" ins Spiel brachte, der den Verantwortlichen in Kiew bis heute Zornesfalten auf die Stirn treibt.

"Elon hat mir erzählt, dass er mit Putin und dem Kreml direkt über die Ukraine gesprochen hat", berichtete Bremer, "er hat mir auch gesagt, was die roten Linien des Kremls sind". Musk konterte, man solle Bremmer nicht trauen. Ein knallharter Lügenvorwurf war das nicht.

Ukraine-Krise – Die wichtigsten News zum Krieg

Kurzfassung des wie von Putin persönlich konzipierten Plans, den sich Musk zu Eigen machte und auf Twitter propagierte: Die Ukraine beerdigt alle Nato-Beitrittsgelüste. Die (2014 gewaltsam von Moskau annektierte) Krim bleibt auf ewig bei Russland. Und in den russisch besetzten Gebieten in der Ukraine werden unter Aufsicht der Vereinten Nationen Unabhängigkeitsreferenden abgehalten. Andrij Melnyk, der jüngst abgelöste Botschafter der Ukraine in Berlin, bewertete Musks Freelancer-Diplomatie rustikal: "Verpiss dich."

Bremmer, ein großer Bewunderer von Musks Unternehmergeist und Tatendrang, und andere halten den auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzenden Zampano für einen geopolitischen Geisterfahrer.

Verbindung zu Putin: Macht sich Musk strafbar?

Andere Stimmen in Washington gehen weiter und ventilieren, ob sich Musk strafbar gemacht haben könnte: Der "Logan Act", ein über 200 Jahre altes Gesetz, verbietet es US-Bürgern, sich in die außenpolitischen Belange der eigenen Regierung einzumischen. Sprich in diesem Fall: Sich zum Herold eines Putin-Plans zu machen, der konträr liegt zu dem, was Präsident Biden macht und will.

Dass Musk genau das getan hat, steht für Fiona Hill, zu Zeiten Trumps und jetzt auch unter Joe Biden wohl die kenntnisreichste Russland-Versteherin in Washington, außer Frage. Sie sieht Musk als "Marionette", die sich im Fall Ukraine hat instrumentalisieren lassen.

Der umtriebige Unternehmer, dessen Weltverbesserungswille auch nicht davor Halt macht, zur Erhaltung des Planeten ein starkes Geburtenwachstum zu fordern (er selber hat neun Kinder), trete als "Messenger" des russischen Präsidenten auf. "Putin spielt mit den Egos großer Männer", sagte Hill dem Magazin Politico, "er gibt ihnen das Gefühl, dass sie eine Rolle spielen können. Aber in Wahrheit sind sie nur die Überbringer von Putins Botschaften."

Starlink: So weit reicht Musks Einfluss auf den Krieg in der Ukraine

Am Beispiel Starlink, das den ukrainischen Streitkräften im Krieg gegen Russland mit mobilem Satelliten-Internet über Leben und Tod entscheidende Kommunikationsvorteile verschafft hat, lässt sich illustrieren, wie weit der Arms Musks inzwischen reicht. Und dass Twitter dabei oft der Transmissions-Riemen ist. Zunächst kam Musks Unternehmen für die Installierung von mehreren tausend Basis-Stationen zwischen Kiew und Odessa auf. Finanzielle Hausmarke bis Ende dieses Jahres dem Vernehmen nach: 120 Millionen Dollar.

Musk: Immer wieder Probleme, seine Impulse zu kontrollieren

Plötzlich forderte Musk, das US-Verteidigungsministerium müsse die Rechnung begleichen. Kaum signalisierte das Pentagon Kooperationsbereitschaft, kam sein Rückzieher: "Zur Hölle damit. Auch wenn Starlink immer noch Geld verliert, werden wir die ukrainische Regierung weiter umsonst finanzieren", twitterte Musk. Ein Mann, der an dem Asperger-Syndrom leidet und ausweislich seines Twitter-Kontos mit Impuls-Kontrolle Probleme hat.

Nur ein Beispiel: Aus Verärgerung über die Nicht-Einladung zu einem Auto-Gipfel im Weißen Haus, nannte Musk Präsident Biden Anfang des Jahres eine "feuchte Sockenpuppe in Menschengestalt".

Dagegen kommen die Republikaner und deren Leitwolf Trump bei Musks Kommentaren zur politischen Lage meist gut weg. Er will sie auch wählen.

Heute Russland, morgen Taiwan: Musks Einmischen in die internationale Politik

Rätselhaft bleibt, was Musk genau antreibt, sich als eine Art Ober-UN-Generalsekretär zu präsentieren und unaufgefordert außenpolitische Theken-Weisheiten abzulassen. Übrigens auch zu Taiwan. Hier schlug der aus Südafrika stammenden Geschäftsmann die Einrichtung einer Sonderverwaltungszone vor; unter chinesischer Herrschaft nach dem Vorbild Hongkongs. Was natürlich genau nach Pekings Geschmack wäre. Die Regierung in Taipeh ätzte dagegen so zurück: "Taiwan verkauft viele Produkte, aber unsere Freiheit und unsere Demokratie stehen nicht zum Verkauf."

Dieser Artikel erschien zuerst bei morgenpost.de.

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