Interview

Flughäfen im Chaos: Erst im Herbst soll es besser werden

| Lesedauer: 7 Minuten
So klappt die Flugreise trotz Chaos an Flughäfen

So klappt die Flugreise trotz Chaos an Flughäfen

Das Chaos an deutschen Flughäfen sorgt derzeit für Frust bei den Urlaubern. Mit diesen Tipps klappt die Flugreise trotzdem.

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Berlin.  Die Lage an den Flughäfen bleibt noch länger angespannt. Darauf stellt der Präsident des Luftfahrt-Branchenverbands, Reisende ein.

Der Urlaub 2022 beginnt für viele mit Frust am Flughafen: Personal fehlt, Folge sind lange Schlangen am Check-in und Sicherheitskontrollen, Verspätungen, Annullierungen, verlorenes Gepäck. Jost Lammers, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) und Chef des Münchner Flughafens erklärt die Ursachen – und wann sich die Lage bessert.

Nach zwei Jahren Corona wollen die Menschen endlich wieder verreisen. Statt einem kraftvollen Neustart der Luftfahrt schieben Reisende und Beschäftigte gerade viel Frust. Was ist los in Ihrer Branche?

Jost Lammers: Wir kommen aus der tiefsten Krise der Luftfahrt seit dem zweiten Weltkrieg. Die Reisebeschränkungen waren fast so etwas wie ein Entzug der Geschäftsgrundlage. Das hat etwas mit der Branche gemacht und mit den Menschen, die für sie arbeiten. Nach Jahrzehnten des Wachstums war das für Viele eine neue Erfahrung. Dass es in diesem Sommer wieder so steil aufwärts geht, konnte sich vor einem halben Jahr noch niemand vorstellen. Deshalb haben viele Beschäftigte für sich neue Perspektiven in anderen Branchen gesucht. Zudem muss man sich vergegenwärtigen, dass noch bis Ostern im Zuge der Omikron-Welle vor Reisen gewarnt wurde. Mit dem Wegfall von Warnungen und Restriktionen stieg die Nachfrage dann sehr sprunghaft und weit über die Erwartungen hinaus an. In den letzten Wochen machen uns zusätzlich die Corona-Krankenstände zu schaffen. Verschärft wird die Lage dadurch, dass die kriegsbedingten Luftraumsperrungen im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu Engpässen im deutschen Luftraum führen. Das bedeutet, dass im Augenblick Vieles zusammenkommt, was für unsere Passagiere leider zu unerfreulichen Reiseerlebnissen führt.

Die Flugbranche wurde in der Pandemie mit Milliarden vom Staat gestützt. Verstehen Sie den Ärger von frustrierten Reisenden?

Lammers: Für den Ärger jedes Passagieres, bei dem etwas auf der Reise nicht geklappt hat, muss man Verständnis haben. Das ist nicht der Standard, den wir in Deutschland gewohnt sind. Dafür müssen wir uns an vielen Stellen bei den Reisenden entschuldigen und darauf hinweisen, dass die Rahmenbedingungen leider äußerst schwierig sind. Sofern es nicht wieder zu einem auf-und-ab bei Corona kommt, können wir ab Herbst hoffentlich wieder ein viel besseres und verlässlicheres Reiseerlebnis bieten.

Viele Flüge werden schon im Frühjahr gebucht, der Sommerflugplan stand fest. War das Chaos nicht absehbar?

Lammers: Alle am Produkt Fliegen Beteiligen konnten in den vergangenen zwei Jahren nur noch auf Sicht fahren. Im ersten Quartal dieses Jahres wurde das einmal mehr deutlich. Wir haben erlebt, dass die Kapazitätsanmeldungen, die ja im Spätsommer 2021 vorgenommen wurden, zu hoch gegriffen waren. Denn mit der Omikron-Variante gab es wieder massive Reisewarnungen und die Nachfrage blieb deutlich hinter den Erwartungen zurück. Erst ab April kam es zu einem sprunghaften Anstieg. Aktuell liegt die Passagierzahl bei 75 Prozent des Vorkrisenniveaus, an einzelnen Tagen gibt es kurzzeitige Verkehrsspitzen, die teilweise weit darüber liegen. In Summe ließ sich diese Entwicklung nicht vorhersehen.

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Was tut die Branche gegen Flug-Frust?

Lammers: Alle ziehen an einem Strang, um in diesem Sommer noch zu verbessern, was möglich ist. Darüber hinaus gilt es zu klären, welche strukturellen Lehren aus der Krise gezogen werden müssen. Vor allem sehen wir uns auf dem deutschen Arbeitsmarkt einer großen Personalknappheit gegenüber, die nicht nur die Luftfahrt trifft. Viele unserer Beschäftigten sind in andere Branchen abgewandert. Gleichzeitig besteht nahezu Vollbeschäftigung in Deutschland. Hier müssen wir zusammen mit der Politik schauen, wie wir neue Arbeitskräfte gewinnen – auch außerhalb Deutschlands und der EU.

Sind die Jobs nicht attraktiv genug?

Lammers: Man sieht es gerade am Streik des Lufthansa-Bodenpersonals: Die Luftverkehrsbranche ist in jedem Bereich tariflich organisiert – das ist für die Beschäftigten erst einmal positiv. Es gibt durch die Tarifpartner festgelegte Löhne und Arbeitsbedingungen – stabile Verhältnisse also, die nun weiterentwickelt werden müssen. Schaut man auf andere Branchen stellt man fest, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Dadurch sind wir als Branche auch für ungelernte Arbeitskräfte ein attraktiver Arbeitgeber.

Helfen da wirklich die erhofften 1500-2000 Hilfskräfte aus der Türkei?

Lammers: Arbeitskräfte aus der Türkei können ein Beitrag sein, der punktuell für Entlastung sorgt. Mit der Ausnahmegenehmigung, die hierfür geschaffen wurde, wollte die Politik helfen. Aber durch die rigide Befristung auf drei Monate und auch die realitätsferne Auflage, dass die Einreise nur erlaubt wird, wenn alle Genehmigungen, wie Visa und Zuverlässigkeitsüberprüfung, bis Ende Juli erteilt sind, reduziert sich die Zahl potenzieller Arbeitskräfte massiv. Diese Bestimmungen sind kontraproduktiv. Und sie zeigen auch, dass dadurch keine nachhaltige Verbesserung ermöglicht werden kann.

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Wo liegt das Problem?

Lammers: Eine ganz große Schwierigkeit sind die Zuverlässigkeitsüberprüfungen. Das ist eindeutig das Nadelöhr für die Luftfahrt. Monatelange Bearbeitungszeiten sind kein Einzelfall. Nicht alle neuen Mitarbeiter können es sich leisten, so lange zu warten, bis sie im Sicherheitsbereich arbeiten dürfen. Sie suchen sich eine Alternative außerhalb des Flughafenzauns.

Was fordern Sie?

Lammers: Ohne die Sicherheitsstandards zu senken, müssen die Überprüfungen dringend beschleunigt und vereinfacht werden. Auch die wechselseitige Anerkennung zwischen Bundesländern und Behörden ist bislang nicht gegeben. Deshalb kann man bei einem Engpass Personal nicht ohne erneute bürokratische Verfahren länderübergreifend einsetzen. Außerdem sollte das Antragsverfahren digitalisiert und an EU-Standards angepasst werden.

Für Passagiere sind die Sicherheitskontrollen oft das Nadelöhr. Wo hakt es?

Lammers: Wichtig wäre eine schnellere Einführung technischer Innovationen, damit der Durchsatz pro Kontrollstelle steigt, ein flexiblerer Personaleinsatz und eine Steuerung aus einer Hand, die nah dran ist am Geschehen. In Bayern gibt es eine zentrale Verantwortlichkeit des Freistaats für Durchführung, Sicherheitsaufsicht und Vertragsgestaltung bei den Sicherheitskontrollen. In den anderen Bundesländern sind Bundespolizei, Ministerien, Bundesbeschaffungsamt und private Dienstleister über mehrere Ebenen an den Abstimmungen beteiligt – das ist komplex und oftmals funktioniert es dann nicht richtig für den Passagier am Flughafen. Hier müssen wir vorankommen. Dabei geht nicht um die Frage, ob am Ende etwas staatlich oder privat organisiert ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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