Katastrophenschutz

Klimakrise: Manche Gegenden sollten nicht besiedelt werden

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Das Ahrtal in Rheinland-Pfalz wurde 2021 von einer Flut über weite Teile zerstört. Der Klimawandel erhöht die Wahrscheinlichkeit und Intensität von Extremwetter.

Das Ahrtal in Rheinland-Pfalz wurde 2021 von einer Flut über weite Teile zerstört. Der Klimawandel erhöht die Wahrscheinlichkeit und Intensität von Extremwetter.

Foto: Boris Roessler / dpa

Berlin.  Krieg, Flut, Dürre: Bevölkerungsschutz-Chef Ralph Tiesler spricht über das Aufgeben von Landstrichen und mehr Hilfe unter Nachbarn.

Seit dem 15. Juni ist Ralph Tiesler als Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) Deutschlands oberster Zivilschützer. Zum ersten Jahrestag der Flutkatastrophe muss sich der 62-Jährige nicht nur um extreme Wetterereignisse, sondern auch die Auswirkungen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine sorgen.

Herr Tiesler, am 14. Juli jährt sich die Flutkatastrophe, die vor allem im Ahrtal und auch in Nordrhein-Westfalen über 180 Menschenleben gefordert hat, zum ersten Mal. Sie waren damals noch nicht beim Bundesamt – und doch betroffen. Wie haben Sie die Flut erlebt?

Ralph Tiesler: Da ich nur ein paar Kilometer vom Ahrtal entfernt wohne, war diese Katastrophe ein Schock für mich. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, was ich auf den Bildern gesehen habe. Wir haben den Menschen im Ahrtal in diesen Tagen persönlich geholfen. Auch das Bundesamt war betroffen, 55 Mitarbeiter wohnen in dieser Region und waren plötzlich selbst Teil der Katastrophe. Einige Mitarbeiter engagieren sich zudem neben ihrem Beruf ehrenamtlich im Katastrophenschutz. Viele haben mit angepackt, wo sie nur konnten. Bis heute macht es mich traurig, wenn ich an die Ahr fahre.

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Viele Tausende Menschen haben bei der Flutkatastrophe ihre Wohnung verloren, zugleich erleben Bauern in Brandenburg Dürre. Muss sich Deutschland langfristig auch auf Klimaflüchtlinge im eigenen Land einstellen?

Tiesler: Ob Menschen tatsächlich aus einzelnen Regionen Deutschlands in andere Landesteile fliehen müssen, lässt sich heute nicht sagen. Fest steht, dass wir in immer unsicheren Zeiten leben. Krisen werden immer häufiger. Corona fesselt uns nun schon mehrere Jahre, der Klimawandel wird in Zukunft noch weitere Herausforderungen an uns stellen und in der Ukraine herrscht Krieg. Ein Thema, von dem ich vor ein paar Monaten noch gedacht habe, dass uns das nie treffen würde. Teilweise lösen sich die Krisen ab, teilweise treten sie gleichzeitig auf. Der Krisenmodus muss jetzt zum allgemeinen Bewusstsein dazugehören, wir müssen lernen, dass die Krise zum Alltag gehört.

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Das ist ein Ozonloch
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Gehen Sie davon aus, dass bestimmte Regionen in Deutschland unbewohnbar werden?

Tiesler: Welche Auswirkungen des Klimawandels auch uns in Zukunft treffen werden, kann noch niemand mit Sicherheit sagen. An der Ahr ist die Wiederbesiedlung in Ufernähe schwierig und ein Sicherheitsrisiko. Manche Menschen wollen nicht wieder in die Dörfer an der Ahr zurückkehren, weil sie Angst haben. Andere sagen, dass sie ihre Heimat nicht aufgeben wollen. Als Bevölkerungsschützer sage ich, dass manche Flächen aufgrund des Klimawandels und der akuten Bedrohung durch Unwetterkatastrophen und Flutkatastrophen nicht wiederbesiedelt werden sollten. Auch an den Küsten stellt sich diese Frage. Noch haben wir Zeit, Schutzkonzepte gegen die Auswirkungen der Klimakrise zu entwickeln und in der Raumplanung zu berücksichtigen. Und es gibt keinen Ort oder Landstrich in Deutschland, bei dem wir nicht genau hingucken müssen.

Abgesehen von persönlichen Fehlentscheidungen in lokalen Krisenstäben: Welche Verantwortung trägt das BBK für die Flutkatastrophe 2021?

Tiesler: Formal sind wir als Bundesamt nur für den Zivilschutz zuständig, also den Schutz der Bevölkerung im Spannungs- und Verteidigungsfall. Katastrophenschutz liegt in der Verantwortung der Länder. In Krisensituationen sollten diese Zuständigkeiten künftig aber keine große Rolle mehr spielen, da müssen alle an einem Strang ziehen.

Die Abstimmung und Koordination der unterschiedlichen Akteure hat während der Flutkatastrophe nicht optimal funktioniert.

Um künftig eine bessere Kooperation und Koordination sicherzustellen haben Bund und Länder das Gemeinsames Kompetenzzentrum für Bevölkerungsschutz beim BBK eingerichtet. Hier sitzen alle Akteure an einem Tisch, hier können wir im Ernstfall schnell Informationen austauschen und uns zwischen allen Ebenen abstimmen.

Die Bundeswehr hat einen kurzfristigen Sonderetat von 100 Milliarden erhalten, für den Zivilschutz des BBK gibt es nur 240 Millionen Euro. Reicht dieser Bruchteil aus?

Tiesler: Am Ende ist es immer Sache des Deutschen Bundestags über die notwendigen Mittel zu entscheiden. Klar ist, dass wir den Bevölkerungsschutz weiter stärken müssen und Prioritäten definieren müssen. Daran arbeiten wir sehr intensiv. Und dafür haben wir 250 neue Stellen bekommen. Damit stärken wir das Bundesamt deutlich und richten es neu aus.

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Am 8. Dezember ist ein Test-Warntag zum sogenannten Cell-Brodcast-System geplant. Dabei sollen Warnmeldungen an alle in einem bestimmten Abschnitt des Mobilfunknetzes befindlichen Handys und Smartphones verschickt werden. Warum dauert es eineinhalb Jahre nach der Flut, bis so ein System getestet wird?

Tiesler: Eineinhalb Jahre sind schnell. Wir mussten erst die rechtlichen Rahmenbedingungen schaffen und haben dabei einen Umsetzungszeitraum bis Ende Februar 2023 festgelegt. Für die Einführung eines komplett neuen Systems ist das sportlich. Den Warntag wollen wir nutzen, um einen ersten Live-Test zu unternehmen, bevor das System startet. Cell Broadcast ist ein sehr gutes Mittel unter vielen Warnmitteln.

Aktuell warnt die Politik eindringlich vor einer Gasknappheit. Mit welchen Szenarien rechnen Sie im Herbst?

Tiesler: Jetzt geht es darum, so viel Gas wie möglich einzusparen. Wenn alle jetzt mitmachen und sparsam sind, hoffe ich, dass wir gut durch den Winter kommen. Entscheidend ist, wie es nach dem Winter weitergeht. Da kann ich keine Prognose abgeben. In der Industrie könnte es bei der Herstellung bestimmter Produkte zu Engpässen kommen.

Was können die Bürgerinnen und Bürger tun, um einer schweren Energiekrise vorzubeugen? Und was muss die Industrie leisten?

Tiesler: Die Menschen müssen sich auch selbst helfen können. Das gilt einerseits für das Sparen, andererseits für die Vorsorge. Ich will, dass die Bevölkerung nicht nur Statist ist und von uns mit Angeboten beliefert wird, sondern mich mit den Menschen austauschen, was sie tatsächlich benötigen. Und dann ist jede und jeder gefordert, mitzuhelfen, dass wir als Gesellschaft resilienter werden.

Ein Krieg schien in Europa lange Zeit weit entfernt, nun ist er plötzlich ganz nah. Wie gut wäre Deutschland für einen Krieg vorbereitet?

Tiesler: Wir haben alle nicht mehr an einen Krieg in Europa geglaubt und deshalb viel von der Schutzinfrastruktur wie etwa Bunker und das Sirenennetz zurückgefahren. Wir sind dabei, viele dieser Schutzvorkehrungen zu reaktivieren oder neu zu denken. Ich glaube nicht, dass wir ein Ort kriegerischer Auseinandersetzungen werden. Wir brauchen aber nationale Reserven wie zum Beispiel im Gesundheitsschutz und mehr mobile Betreuungseinrichtungen. Was uns wirklich konkret drohen kann, sind Angriffe wie Cyberattacken.

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Schutzräume wurden lange zurückgebaut, das ist mittlerweile gestoppt worden. Wie viel muss Deutschland in diese Kriegsinfrastruktur investieren?

Tiesler: Zurzeit wissen wir nicht, wie wir bei Schutzräumen aufgestellt sind. Wir ermitteln gerade, wie viele öffentliche Schutzräume noch vorhanden sind und in welchem Zustand diese sind und ob sie, obwohl sie Jahrzehnte nicht gewartet wurden, noch Schutzwirkung entfalten können. Schutzräume für alle Menschen in Deutschland gibt es aber nicht. Deshalb muss man auch überlegen, ob beispielsweise Tiefgaragen, U-Bahnen oder Kellerräume genutzt werden könnten. Es ist langwierig und teuer, völlig neue Schutzräume zu bauen. Daher prüfen wir aktuell Lösungen und Alternativen.

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Was raten Sie den Bürgerinnen und Bürgern bei einem Notvorrat im eigenen Haus?

Tiesler: Ein Notvorrat für mehrere Tage ist ein guter Tipp. Am besten ist, wenn man sich nicht nur um sich selbst sorgt, sondern auch beispielsweise Nachbarn helfen kann. Die ersten, die am Unfallort sind, sind nicht die Rettungskräfte, sondern zum Beispiel die Nachbarn. Wir brauchen diesen Zusammenhalt in der Gesellschaft. Die Tausenden spontanen Helferinnen und Helfer an der Ahr haben gezeigt, wie das funktioniert.

Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.

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