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Gewalt gegen Schiedsrichter: „Man müsste euch umbringen“

In Jena kam es am 29.11.2015 beim Regionalligaspiel zwischen FC Carl Zeiss Jena und  FSV Zwickau zu Rangeleien, ein Schiedsrichter wurde verletzt.

In Jena kam es am 29.11.2015 beim Regionalligaspiel zwischen FC Carl Zeiss Jena und FSV Zwickau zu Rangeleien, ein Schiedsrichter wurde verletzt.

Foto: imago sport / imago/Picture Point

Berlin.  Immer wieder kommt es zu Angriffen auf Schiedsrichter – vor allem im Amateur-Fußball. Wie die Politik jetzt dagegen vorgehen will.

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Als Nils C. die rote Karte zückt, schlägt Rückennummer 12 zu. Die Faust trifft Nils C. im Gesicht, er fällt auf den Rasen, bleibt liegen, ist nicht ansprechbar. Sofort sammeln sich die Spieler um den Unparteiischen. „Ruft einen Krankenwagen“, schreit ein Mann über den Platz. „Und die Polizei.“

Es ist ein Spieltag in der deutschen Fußballprovinz, Ende Oktober. Beim FSV Münster ist der TV Semd zu Gast. Kreisliga C, Südhessen. Nur noch fünf Minuten bis zum Schlusspfiff, die Gäste führen 2 zu 0. Und nun fliegt ein Rettungshubschrauber den Schiedsrichter ins Krankenhaus.

Ein Zuschauer filmt die Szene, das Video landet auf Internetplattformen und gibt einer Debatte weiter Feuer, die in diesem Jahr mehr geführt wurde als zuvor. Gewalt im Amateurfußball, vor allem gegen Schiedsrichter.

Vater eines Spielers schlägt Unparteiischen in den Nacken

Der Übergriff gegen Nils C. ist nicht der einzige Fall. Im August schlägt ein Vater eines Spielers in einer Jugendmannschaft im Saarland dem Unparteiischen nach einer Niederlage in den Nacken, auch hier bricht der Schiedsrichter zusammen.

Bei einem Kreisklassen-Kick in Berlin bedrängen und schubsen Spieler den Schiedsrichter, weil ihnen seine Entscheidungen nicht gefallen. Gerade erst wurde in Essen ein ganzes Team nach einer Attacke auf den Unparteiischen vom Verband gesperrt.

Und Anfang Oktober jagt ein Spieler im Saarland den Unparteiischen nach einer roten Karte über das Feld. Der Schiedsrichter muss in die Kabine fliehen.

Es ist nur eine Auswahl der Meldungen – kaum ein Landesverband ohne diese Vorfälle. Experten sagen: Je niedriger die Spielklasse, desto größer die Aggressivität. Im Saarland und in Berlin traten Unparteiische vor kurzem sogar ein Wochenende lang in den Generalstreik.

Und besonders im Spätherbst kommt es zu Übergriffen. Die Ursachen dafür sind nicht erforscht. Aber bei vielen Mannschaften mache sich erster Frust breit über einen mäßigen Tabellenplatz, sagt die Kriminologin Thaya Vester, die gerade eine Studie zu Gewalt gegen Unparteiische an der Universität Tübingen veröffentlicht hat.

Der Fußballplatz ist das Lagerfeuer der Republik

Unsere Redaktion hat mit Fußballfunktionären gesprochen, mit Politikern und Wissenschaftlern und auch einzelnen Schiedsrichtern. Nicht alle sind zu einem Gespräch bereit, einzelne Mitglieder in den Verbänden und Vereinen, die in den Schlagzeilen waren, blocken ab oder sind genervt von den Anfragen.

Der Fußballplatz ist das Lagerfeuer der Deutschen. Kein Sport ist so tief verankert in der Gesellschaft, am Wochenende sind Millionen Spieler und noch viel mehr Zuschauer unterwegs, nicht nur in der Bundesliga, sondern bis hin zur Kreisklasse.

Jede Woche neue Meldungen über Gewalt an Schiedsrichtern

Fußball ist ein Fenster in die deutsche Seele. Und dort hat die jüngste Vergangenheit Spuren hinterlassen. Das Klima werde rauer, der Ton werde harscher, Gewalt nehme zu – so heißt es allerorten. In der Politik, in den sozialen Medien. Auf dem Platz.

„Die Gewalt auf dem Sportplatz nimmt zu“, sagt auch Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU). „Wir bekommen Woche für Woche Meldungen über Ausschreitungen oder Übergriffe vor allem auf die Schiedsrichter.“

Der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Herbert Reul (CDU) sieht ebenfalls eine Zunahme von Gewalttaten und fordert „jeden Schiedsrichter auf, diese Attacken nicht klaglos hinzunehmen, sondern konsequent zur Anzeige zu bringen“.

Jedes Jahr rund 3000 Übergriffe auf Schiedsrichter im Amateurfußball

Angesichts der jüngsten Vorfälle sei es „umso dringlicher, dass Gewalttäter auf den Fußballplätzen nicht nur mit der Roten Karte“ rechnen müssten, sondern „mit langen Sperren durch den organisierten Sport“, sagt auch Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU).

Das Gefühl ist klar: Etwas läuft aus dem Ruder auf dem Rasen. Aber die wenigen Zahlen, die es gibt, belegen dieses Gefühl nur bedingt.

Der Deutsche Fußballbund (DFB) stellt jedes Jahr ein Lagebild für den Amateurfußball auf. Dort sind auch die Angriffe auf Schiedsrichter gelistet. Sie bleiben seit Jahren auf dem gleichen Niveau. 2.906 in der vergangenen Saison. 2.866 im Jahr davor. 2.954 im Jahr 2016.

Und auch die Funktionäre der Verbände in den Bundesländern sehen keinen Anstieg der Gewalt. „Von über 52.300 Spielen im Jahr laufen mehr als 99,9 Prozent ohne jegliche Vorfälle gegen Unparteiische ab“, heißt es in Sachsen. „In der Saison 2018/2019 gab es zehn bis 15 besorgniserregende Fälle mit Übergriffen gegenüber Schiedsrichtern“, heißt es in Berlin. „Auch in dieser Saison bewegen wir uns derzeit im selben Bereich.“

„Die Intensität der Gewalt nimmt zu“

Der Landesverband Westfalen hat für die vergangene Saison zwölf Spielabbrüche wegen Gewalttaten erfasst. Aber der dortige Verbandspräsident Gundolf Walaschewski sagt einen wichtigen Satz. Nicht die Zahlen der Meldungen schießen nach oben, aber „die Intensität der Gewaltvorfälle ist unserer Meinung nach gestiegen. Die Hemmschwelle bei Spielern und Zuschauern ist deutlich gesunken.“

Die Forscherin Thaya Vester hat mit allen Schiedsrichtern im Württembergischen Fußballverband gesprochen und vor wenigen Wochen eine erste Langzeitstudie zur Gewalt gegen Schiedsrichter veröffentlicht.

Die Kriminologin hält fest: „Die Übergriffe gegen Unparteiische sind seit Jahren konstant – aber auch das ist keine gute Nachricht.“ Es zeige: Obwohl die Verbände eine Vielzahl von Maßnahmen ergriffen hätten und das Thema vor allem durch Videoaufnahmen oft auf der Agenda stehe, komme es zu immer wieder zu Vorfällen.“

Aggressivität im Amateursport zu lange unterschätzt

Forscherin Vester sagt: „Vor allem die verbale Aggressivität ist ein riesiges Problem. Schiedsrichter werden immer wieder beleidigt und bepöbelt.“

So wie es Jenny Wannemacher immer wieder erlebt. Sie ist DFB-Schiedsrichterassistentin in der Amateur-Oberliga der Herren. „Die verbale Gewalt gegen uns Schiedsrichter hat spürbar zugenommen“, sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. „Ich sehe mich regelmäßig wüsten Beschimpfungen ausgesetzt.“

Vor drei Wochen hätten Männer auf der Zuschauertribüne gedroht: „Euch müsste man umbringen.“So wie die Schiedsrichterin es erzählt, berichten unserer Redaktion auch weitere Unparteiische zwischen Ober- und Kreisliga.

Und Wannemacher sagt: „Bei Spielen eines türkischen Vereins in Saarbrücken werden bewusst keine weiblichen Schiedsrichterinnen mehr eingesetzt.“ Zu heftig seien die Beschimpfungen gegen die Frauen.

Gewalt: Es fehlt an Präventionsarbeit bei Fußballvereinen

Die Verbände geben auf Nachfrage keine verlässlichen Daten zu Spielern und Mannschaften an, die besonders mit Aggressivität auffallen. Immer wieder geraten aber Mannschaften in die Schlagzeilen, bei denen viele Menschen aus Zuwandererfamilien spielen.

Bei einer Partie in Essen kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Syrern und Türken in den Teams. Im Fairplay-Ranking im Berliner Verband stünden drei von vier türkischen Vereinen weit unten, berichtete unlängst die „taz“. Auch der Mann vom FSV Münster, der Nils C. niedergeschlagen hat, trägt die türkische Staatsbürgerschaft.

Oftmals fehle es noch stärker als in anderen Mannschaften an Präventionsarbeit gegen Gewalt im Sport, sagt ein Verbandsfunktionär. Forscherin Vester sagt zudem, es gebe keine Untersuchungen darüber. „Es könnte etwa damit zusammenhängen, dass sich diese Menschen häufig durch Schiedsrichter vorverurteilt und diskriminiert fühlen.“

Ein Berliner Schiedsrichter, der selbst angegriffen wurde, berichtet gegenüber der „taz“ auch von Vorurteilen unter Unparteiischen. Da kämen schon Sprüche wie: „Du musst dahin? Na dann mal viel Spaß.“

Doch die jüngsten Attacken gegen Schiedsrichter haben auch die Politik wachgerüttelt. Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Caffier räumt ein: Landesverbände und Parteien hätten die Aggressivität im Amateursport „zulange unterschätzt“.

Innenministerkonferenz in Lübeck hat das Thema auf der Agenda

Derzeit tagen die Innenminister gemeinsam in Lübeck. Caffier hat dort einen Vorstoß gemacht. Auf der Tagesordnung steht, wenn auch weit unten, die Gewalt gegen Schiedsrichter. Mit einem Beschluss will der CDU-Politiker erreichen, dass die Fußballverbände überhaupt erstmal dazu gebracht werden, wie Vorfälle statistisch genau zu erfassen, so dass mehr über Täter und Hintergrund der Tat bekannt ist.

Zudem will Caffier, dass nicht nur Sportgerichte über Gewalt auf dem Platz urteilen, sondern auch die reguläre Justiz. „Eine einfache Spielsperre reicht nicht aus. Wer einen Schiedsrichter angreift, gehört bestraft“, sagt Caffier.

Und auch der für Sport zuständige Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sagt gegenüber unserer Redaktion: Bestehende Sicherheitskonzepte müssten „konsequent angewendet und wo nötig verbessert werden“. Der Bund stehe „den Verbänden bei ihren Maßnahmen gegen Gewalt in Fußballstadien zur Seite“ und unterstütze „dort, wo dies gewünscht ist“.

70 Prozent der Schiedsrichter fühlen sich „fast immer sicher“

Der Schläger vom FSV Münster ist für mehrere Jahre gesperrt. Und: Gegen ihn läuft ein Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung. Das Problem aber ist: Die Sportgerichte entscheiden schnell, Strafgerichte brauchen oft Monate bis zu einem Urteil.

Schiedsrichter seien selbst schon Menschen mit viel Selbstbewusstsein, sagt Vester. Sonst hätten sie sich nicht für die Aufgabe entschieden. Und 70 Prozent der von Vester Befragten geben an, sie fühlten sich „fast immer sicher“. Doch gerade, wer einmal Opfer wurde, bleibe stark verunsichert.

Nils C., der bei der Kreisliga-Partie vom FSV Münster niedergeschlagen wurde, schreibt eine Woche nach der Attacke auf seinem Facebook-Profil, dass es ihm besser gehe. Er bedankt sich bei den Ärzten, bei Schiedsrichterverbänden, Spielern und Vereinen, die ihn unterstützt hätten.

Nils C. sagt, er wolle nicht den ganzen FSV Münster, deren Spieler und Trainer verurteilen. Und er distanziere sich von Debatten über die Nationalität des Angreifers. Aber Nils C. sagt auch: „Es war nicht nur ein Angriff auf mich als Schiedsrichter. Das war ein Angriff auf unseren Amateurfußball.“

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Viele Schiedsrichter reagieren auf Gewalttaten – auch in sozialen Netzwerken. DFB-Schiedsrichter drehten ein Video gegen Gewalt-Ausbrüche.

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