Verteilungsbericht

Gewerkschaftsbund warnt: Jeder Sechste ist von Armut bedroht

Beschäftigte der Postbank demonstrieren für mehr Gehalt.

Beschäftigte der Postbank demonstrieren für mehr Gehalt.

Foto: Daniel Reinhardt dpa

Berlin.  Die Einkommen steigen stetig. Trotzdem warnen die Gewerkschaften im aktuellen Verteilungsbericht vor einer Spaltung der Gesellschaft.

Die Arbeitnehmer in Deutschland haben in den vergangenen Jahren kontinuierlich mehr verdient. Der Abstand zwischen Arm und Reich ist aber trotzdem größer geworden. Das ist das wesentliche Ergebnis des aktuellen Verteilungsberichts des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), der unserer Redaktion vorliegt.

Der Bericht stellt auch fest, dass die staatliche Umverteilung durch Steuern und Abgaben in Deutschland gut funktioniert. Es sei „erfreulich“, dass die Ungleichheit nach Steuern und Transfers im Vergleich zu anderen europäischen Ländern gering sei. Aber: „Seit 2000 hat der Umverteilungseffekt von Steuern und Abgaben abgenommen“, heißt es in dem Bericht. „Der Staat nimmt seine Rolle eines ausgleichenden, verteilungsgerechten Akteurs immer weniger wahr.“

Bruttolöhne seit 2010 im Jahresdurchschnitt um 2,9 Prozent gestiegen

DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell kritisiert, dass „sehr hohe Erbschaften in Deutschland nahezu steuerfrei sind und Superreiche keine Steuern auf ihr Vermögen entrichten müssen.“ Dies habe mit Steuergerechtigkeit nichts zu tun, sagte er unserer Redaktion. Körzell fordert deshalb die Wiedereinführung der Vermögensteuer und eine Reform der Erbschaftsteuer.

Dem Bericht zufolge, der sich auf veröffentlichte Daten stützt, sind die Bruttolöhne in Deutschland seit dem Jahr 2000 im Jahresdurchschnitt um 2,1 Prozent, seit dem Jahr 2010 sogar um 2,9 Prozent gestiegen. Rechnet man die Inflation heraus, beträgt das Plus immer noch 0,6 beziehungsweise 1,6 Prozent.

Kluft zwischen Ost und West – und Frauen und Männern

Bemerkenswert: Arbeitnehmer in Ostdeutschland verdienen noch immer weniger als im Westen: Im Durchschnitt erreichen Löhen und Gehälter nur 85 Prozent des Westniveaus. Auch die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern besteht fort: Weibliche Beschäftigte verdienen in Deutschland im Schnitt 21 Prozent weniger als männliche Kollegen, auch wenn die Unterschiede je nach Branche verschieden groß sind.

Um die verschiedene Entwicklung der Einkommen zu beschreiben, zitiert der DGB-Bericht unter anderem Untersuchungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Danach sind sehr geringe Einkommen in den vergangenen 30 Jahren tendenziell gesunken. Sehr hohe Einkommen sind dagegen im selben Zeitraum sehr stark gestiegen. Als armutsgefährdet gelten inzwischen 16,6 Prozent der Bevölkerung, was bedeutet, dass jeder sechste Bürger zu wenig zum Leben hat.

Viele Einkommensmillionäre sind Manager großer Konzerne

Vor zwanzig Jahren galten noch 10,3 Prozent der Menschen als armutsgefährdet. Armut wird dabei als Abstand zu anderen Einkommen definiert: Wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in Deutschland hat, gilt als „einkommensarm“. Konkret liegt die Armutsgrenze für einen Single ohne Kind bei 1090 Euro netto. Umgekehrt gilt jemand als „einkommensreich“, wenn er oder sie (ohne Kind) jeden Monat ein verfügbares Nettoeinkommen von 4000 Euro hat.

Richtig reich sind Menschen, die pro Jahr mindestens eine Million Euro Einkommen erzielen, also gut 83.000 Euro pro Monat. Auf 21.000 Menschen in Deutschland trifft das inzwischen zu, wobei die letzte verfügbare Zahl von 2015 ist. Zum Vergleich: Im Jahr 2002 gab es 9500 Einkommensmillionäre. Viele sind Manager großer Konzerne.

Das Durchschnittsvermögen beträgt 233.000 Euro

Der DGB-Bericht listet vor diesem Hintergrund auf, in welchem Verhältnis die Einkünfte der Vorstände von Dax-Konzernen zu den Einkommen ihrer Mitarbeiter stehen. Danach hat der Vorstandschef eines Dax-Konzerns im Jahr 2018 durchschnittlich das 80-Fache eines Unternehmensmitarbeiters verdient. Am stärksten fallen die Einkommen von Vorständen und Mitarbeitern bei Volkswagen, Fresenius, Heidelberg Cement und bei Adidas auseinander.

Was das Vermögen betrifft, also die Summe, die durch die Ansammlung von Einkommen entsteht, so ist es ebenfalls kontinuierlich gestiegen. Im Mittel verfügen Haushalte in Deutschland über ein Vermögen von 233.000 Euro. In diesen Wert fließt aber auch das Vermögen von Superreichen ein. Nimmt man den Median (also die genaue Mitte einer Datenreihe), dann beträgt das Nettovermögen in Deutschland 71.000 Euro.

Massive Umverteilung von unten nach oben

Die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung besitzen ein Vermögen von jeweils 550.000 Euro. Die 6300 Ultra-Reichen mit deutscher Staatsbürgerschaft besitzen jeweils ein Vermögen von mehr als 50 Millionen Euro. International liegt Deutschland mit neun Ultra-Reichen pro 100.000 Einwohnern im Mittelfeld.

„Seit Jahren findet eine massive Umverteilung von unten nach oben statt“, kritisiert DGB-Vorstand Körzell. Deutschland stehe im internationalen Vergleich bei der Ungleichheit sehr schlecht da. Die Politik müsse schnell handeln, um eine weitere Spaltung der Gesellschaft zu verhindern.

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