Klimawandel

Dürre in Europa: Extreme Folgen von Italien bis Finnland

| Lesedauer: 12 Minuten
Feuerwehrleute kämpfen in Europa gegen Waldbrände

Feuerwehrleute kämpfen in Europa gegen Waldbrände

Inmitten großer Hitze kämpfen Feuerwehrleute in ganz Europa weiter gegen unzählige Brände - und müssen immer wieder Rückschläge hinnehmen: Ein Waldbrand im Naturpark Serra da Estrela in Zentrum Portugals, der eigentlich als eingedämmt galt, flammte erneut auf.

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Berlin.  Dürre und Hitze treffen den Kontinent hart wie nie. Unsere Korrespondenten berichten von der Situation in den Hitze-Hotspots Europas.

  • Hitze auf dem gesamten Kontinent, überall in Europa sinken die Wasserpegel
  • Bauern in Spanien und Portugal erleiden Ernteeinbußen von bis zu 50 Prozent
  • Frankreich muss die Kernkraftwerke runterfahren, weil das Kühlwasser fehlt
  • Italiens Gardasee ist trocken wie nie
  • Im Norden Finnlands kühlen sich schwitzende Rentiere im Schatten von Gebäuden ab

Es ist ein Sommer der Extreme - nicht nur in Deutschland. Von Spanien über Italien bis Österreich und Großbritannien das gleiche Bild: Die Pegelstände der Flüsse sinken, Seen trocknen aus. Stellenweise muss die Wasserversorgung per Tankwagen geregelt werden. In Finnland steigen die Temperaturen nördlich des Polarkreises auf Rekordhöhen. Ein Überblick über Europas Dürre-Regionen.

Spanien und Portugal: Wasserspeicher gleichen Schlammwüsten

Der Pegelstand in den Talsperren auf der iberischen Halbinsel ist auf dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten. Nach einem der heißesten und trockensten Sommer aller Zeiten mit Spitzentemperaturen bis zu 45 Grad gleichen immer mehr Wasserspeicher in Spanien und Portugal nur noch Schlammwüsten. Der Regenmangel trifft inzwischen auch nördliche Regionen wie zum Beispiel das spanische Baskenland, wo einige Gebiete schon mit Tankschiffen versorgt werden müssen.

In hunderten Ortschaften auf der iberischen Halbinsel gibt es mittlerweile Einschränkungen: Swimming-Pools dürfen dort nicht mehr gefüllt, Gärten und Golfplätze nur noch spärlich bewässert werden. Die Maßnahmen betreffen inzwischen auch Urlaubsorte an der Costa del Sol, auf Mallorca oder an der portugiesischen Algarve: Dort werden Hotelgäste zum Wassersparen aufgerufen, Strandduschen wurden abgestellt.

Die Wirtschaft leidet besonders heftig unter der Jahrhundertdürre. Die spanischen und portugiesischen Bauern rechnen bei Oliven, Getreide, Sonnenblumen und Wein mit Ernteeinbußen von bis zu 50 Prozent. Das werde den Druck auf die Preise weiter erhöhen, warnen die Landwirte. Wegen der sich leerenden Talsperren stehen zudem immer mehr Wasserkraftwerke still, die in besseren Zeiten in beiden Ländern erheblich zur Stromproduktion beigetragen haben. Als Folge muss nun in Spanien wie in Portugal mehr Gas verfeuert werden.

Frankreich: Kernkraftwerke müssen runtergefahren werden, weil das Kühlwasser fehlt

Ganz gleich, wo man sich derzeit in Frankreich aufhält, die Bilder gleichen sich. Bräunlich-gelb ist die Farbe von Feldern und Wiesen, die so ausgetrocknet sind, dass örtlich totale Ernteausfälle drohen. Spuren des Klimawandels. Im ganzen Land sind zudem die Pegelstände von Seen wie Flüssen auf ein Minimum gesunken. Die Binnenschifffahrt ist eingeschränkt.

Lastkähne können oft nur noch die Hälfte oder ein Drittel der üblichen Warenmenge transportieren, weil sonst die Gefahr besteht, dass sie auf Grund laufen. Gleichzeitig mussten ein Dutzend Kernkraftwerke heruntergefahren werden, weil das Kühlwasser aus den Flüssen fehlte.

Selten hat es links des Rheins so wenig geregnet wie seit dem vergangenen Herbst. Im August klingt gerade die vierte Hitzewelle eines Jahres ab. Die Durchschnittstemperatur könnte auf ein Allzeithoch klettern. In 93 von 101 Departments herrscht inzwischen bedenklicher Wassermangel. Nur noch im Großraum Paris ist es Privatleuten gestattet, das Auto zu waschen, den Swimming-Pool aufzufüllen oder den Garten zu wässern. Trotz dieser Einschränkungen müssen derzeit fast 200 Gemeinden per Tankwagen mit Trinkwasser besorgt werden – die Wasserhähne geben nicht mehr her.

Die Lage ist so ernst, dass die Regierung zu Beginn des Monats einen Krisenstab einrichtete. Doch auch der kann nicht für jenen Regen sorgen, den das Land so dringend bräuchte. Wohlgemerkt: Die Rede ist von normalen Niederschlägen. Die in manchen Regionen verheerenden Gewitter der letzten zwei Wochen haben keine Abhilfe geschaffen. Der in großen Mengen und in kürzester Zeit herabprasselnde Regen nämlich floss ab, ohne in die ausgedörrten Böden einzusickern.

Italien: 2022 ist das heißeste und trockenste Jahr aller Zeiten

2022 wird den Italienern als das heißeste und trockenste Jahr aller Zeiten in Erinnerung bleiben. Seit Mai anhaltende Hitzewellen, schwüle Nächte, hohe Meerestemperaturen und ausgetrocknete Flussbetten gehören in diesem Sommer zum Alltag. Der Wasserstand des Flusses Po - der längste Strom Italiens - ging so weit zurück, dass an der Meeresmündung kilometerweit Salzwasser in das Flussbett eindrang. Der Pegel ist an manchen Stellen so niedrig wie seit 70 Jahren nicht mehr.

Große Seen wie etwa der Gardasee führen deutlich weniger Wasser als normalerweise zu dieser Jahreszeit. Städte wie Pisa und Verona schränkten unlängst die Wassernutzung ein. Venedig und Mailand drehten einen Teil der Brunnen ab. Besonders betroffen ist die Landwirtschaft, die Schäden in Höhe von sechs Milliarden Euro beklagt – zehn Prozent des Wertes der nationalen Agrarproduktion. Bei Mais wurde ein Rückgang von 45 Prozent, bei Hartweizen und Reis von 30 Prozent beklagt. Minus 15 Prozent gab es bei der Ernte von Obst, das in mehreren Gebieten durch die Hitze regelrecht verdorrte.

Italienischer Wein betroffen wegen hoher Temperaturen

Die hohen Temperaturen schädigen auch die gerade begonnene Weinlese. Gegenüber dem Vorjahr wird ein Produktionsrückgang von zehn Prozent auf 45,5 Millionen Hektoliter erwartet. Die Hitze beeinträchtigt sogar die Wasserkraftproduktion in den Alpen, sodass die Regierung den Energieunternehmen unter die Arme greifen muss. Wegen der Wasserknappheit hat die Regierung Draghi den Ausnahmezustand in fünf norditalienischen Regionen ausgerufen. 35 Millionen Euro wurden lockergemacht, um die Schäden der seit Monaten anhaltenden Dürre zu begrenzen.

Österreich: Ernteschäden in Höhe von 100 Millionen Euro

Der Hitzerekord wurde in Österreich zwar knapp verfehlt. Das Ausbleiben von Niederschlag in Kombination mit Hitze hat dennoch schwerwiegende Folgen. Gab es in den 1990er- Jahren noch rund fünf Hitzetage (Tage mit Temperaturen von über 30 Grad Celsius) pro Jahr, so wurden in diesem Sommer bereits 36 solcher Tage (in Wien) verzeichnet. Betroffen ist vor allem der Osten. In Wien sind Rasenflächen verdorrt, zwischenzeitlich gab es allgemeines Grillverbot aus Angst vor Waldbränden.

Im Wienerwald, einem Feuchtigkeitsschwamm, ist mancher Hausbrunnen versiegt. Das sichtbarste Alarmsignal ist aber der Neusiedlersee östlich von Wien an der Grenze zu Ungarn – gleichermaßen Naherholungs- und Naturschutzgebiet sowie Tourismusmagnet. Der riesige Grundwassersee hat sich in eine Matschlache verwandelt. Einige kleinere Seen rund um den Neusiedlersee, wichtige Vogelschutzgebiete, sind verschwunden.

Österreichische Landwirtschaft darbt unter Hagel, Dürre und niedrige Wasserstände

Die Landwirtschaft ibn Österreich leidet besonders unter der Dürre. Die Getreideernte lief noch einigermaßen. Dennoch beziffert die Hagelversicherung den Schaden bereits auf rund 100 Millionen Euro. Noch nicht eingerechnet ist da aber der Ausfall bei den Herbstkulturen wie Mais, Soja, Kürbis, Erdäpfel und Sonnenblumen. Und die Prognosen sind düster.

Die Maisernte könnte zu einem Fehlschlag werden, heißt es. Auswirkungen haben Hitze und Trockenheit aber auch auf die Stromerzeugung. Die Produktion durch Wasserkraft läuft miserabel, der Betrieb der Gas-Heizkraftwerke ist teuer und steht infrage. Vor allem aber gefährden die niedrigen Pegelstände auf der Donau den Transport des Ausweich-Energieträgers Kohle.

Rumänien: Priester beten für den Regen, Temperaturen über 40 Grad

Mitten im Dürresommer beteten orthodoxe Priester in der südrumänischen Gemeinde Draganesti-Vlasca um Regen. Auf einem ausgetrockneten Feld wurde ein Tisch mit einer Monstranz aufgestellt. Das Regengebet gehört zu den rumänischen Traditionen. Manche Gläubige reisten von weit an, um daran teilzunehmen.

Viele Bauern fürchteten, dass Obst, Gemüse, Getreide und Sonnenblumen in der sengenden Hitze zugrunde gehen. In diesem Sommer stiegen die Thermometer in Rumänien – vor allem im Süden – oft über 40 Grad. Das Wasser musste in 200 Gemeinden rationiert werden. Für Bauern mit Nutztieren ist das besonders katastrophal. Mehr zum Thema: Forscher warnen – Klimakrise kann Überleben der Menschheit gefährden

Donau: Der Wasserstand drei Mal niedriger als üblich

Der Wasserstand der Donau war in diesem Sommer dreimal niedriger als üblich. Einige Flüsse trockneten ganz aus. Mehr als 40 Prozent der 20 Millionen Rumänen leben auf dem Land. Viele haben kleine landwirtschaftliche Betriebe, die aber für ihr Auskommen wesentlich sind. In vielen ländlichen Gebieten gibt es weder Zugang zu fließendem Wasser noch zu Bewässerungssystemen.

Bereits im Juli warnte das Landwirtschaftsministerium, dass Rumänien dieses Jahr weniger Mais und Sonnenblumen für den Export zur Verfügung stellen könne – die lokale Versorgung habe Priorität. Dabei ist Rumänien einer der größten europäischen Exporteure für landwirtschaftliche Produkte. Einige Bauern ernteten diesen Sommer ihren Mais früher als gewöhnlich, um so viel wie möglich für die Verwendung als Tierfutter und die Herstellung von Biokraftstoff übrig zu haben.

Großbritannien: Rasen wässern oder Auto waschen sind verboten

Auch Großbritannien schwitzt: Seit vergangenem Mittwoch darf man in London keine Gartenschläuche mehr benutzen. Wer sein Auto waschen oder den Rasen wässern will, darf nur Eimer oder Gießkanne benutzen. Die extreme Hitze der letzten Monate hat die Wasserversorger in mehreren britischen Regionen gezwungen, ein solches Verbot zu verhängen. Der vergangene Juli war der trockenste seit fast 50 Jahren. Am 12. August rief die britische Umweltbehörde offiziell die Dürre aus. Am 19. Juli wurde in Lincolnshire der bisherige Hitzerekord in Großbritannien gemessen: 40,3 Grad, fast zwei Grad wärmer als der vorherige Höchststand vom Sommer 2019.

Im ganzen Land wurden die Leute dazu aufgerufen, nur dann vor die Tür zu gehen, wenn es absolut notwendig ist. Vielen nützte das wenig: Die Häuser in Großbritannien sind nicht für hohe Temperaturen gebaut. Seit zehn Jahren warnen Experten, dass Alt- und Neubauten gegen Hitze isoliert werden sollten – bislang vergeblich.

In der Grafschaft Oxfordshire sinkt der Wasserpegel rasant

Während die Parks und Felder im ganzen Land zu gelb-braunen Flächen vertrockneten, leerten sich die Wasserspeicher schnell. In einem Dorf in der Grafschaft Oxfordshire sank der Wasserpegel so rasant, dass die Bewohner buchstäblich auf dem Trockenen saßen. Aus den Leitungen kam kein Wasser mehr. Tanker mussten vorfahren, um die Bevölkerung mit Wasser für den täglichen Gebrauch zu versorgen.

Auch Flüsse trockneten aus: Die Quelle der Themse, dem zweitlängsten Fluss in Großbritannien, war Anfang August nur noch ein erdiges Loch. Der Dürresommer hat zudem die Landwirtschaft beeinträchtigt. Experten warnten, dass Kartoffeln, Zwiebeln, Möhren und Äpfel in diesem Herbst nicht zu ihrer normalen Größe heranwachsen könnten.

Finnland: Die höchsten Temperaturen seit 1959

Heiße Sommer machen normalerweise einen Bogen um das nordeuropäische Finnland. Das hat sich geändert. Seit 1959 wurden nicht mehr so hohe Temperaturen gemessen wie im August 2022. So wurden in Utsjoki, Finnlands nördlichstem Ort 380 Kilometer oberhalb des Polarkreises, 33,5 Grad gemessen. Medien berichteten von schwitzenden Rentieren die sich im Schatten von Gebäuden abkühlen mussten.

Unter der Hitze leiden auch die Landwirtschaft und die Holzindustrie. Diese ist das wirtschaftliche Rückgrat des Landes – mehr als 75 Prozent der Fläche Finnlands sind mit Wald überzogen. Fast jeder fünfte Finne besitzt ein Stück Wald in dem ziemlich großen Land mit seinen rund fünf Millionen Einwohnern. Wegen der extremen Hitze gibt es in einigen Teilen des Landes nun Waldbrandwarnungen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de

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