Flüchtlingskrise

Hunderte weitere Flüchtlinge werden in München erwartet

Tausende Flüchtlinge trafen am Samstag am Münchner Hauptbahnhof ein.

Tausende Flüchtlinge trafen am Samstag am Münchner Hauptbahnhof ein.

Foto: Getty Images

Budapest/Nickelsdorf.  Mit der Einreisegenehmigung für Tausende Flüchtlinge aus Ungarn hat Deutschland den Hilfesuchenden das Tor zum Westen geöffnet.

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Nach der Ankunft tausender Flüchtlinge am Münchener Hauptbahnhof am Samstag werden am Sonntag weitere Züge mit Flüchtlingen erwartet. Bis zum späten Vormittag rechne man mit drei Zügen aus Salzburg, erklärte eine Sprecherin der Regierung von Oberbayern am Sonntagmorgen. Darin könnten bis zu 1200 geflüchtete Menschen sitzen.

Rund 600 am frühen Morgen eingetroffene Flüchtlinge seien bereits per Zug nach Dortmund weitergebracht worden. Außerdem stünden bislang dreizehn Busse bereit, um sie in andere Bundesländer zu bringen: "Das muss jetzt eines der Hauptziele sein", sagte eine Sprecherin der Regierung von Oberbayern

Chaotische Zustände in Ungarn

Nachdem die Bundesregierung und Österreich in der Nacht zum Samstag angesichts chaotischer Zustände in Ungarn die Einreise freigaben, kamen Tausende Flüchtlinge in Bussen und Zügen in Österreich und Bayern an. Die Regierung von Oberbayern rechnete mit bis zu 7000 Migranten allein am Samstag und richtete in Hallen Tausende Plätze zur Versorgung der Menschen ein. Auch in anderen Bundesländern wurden Notunterkünfte eingerichtet. Außenminister Frank-Walter Steinmeier erklärte in Luxemburg, die entgegen europäischen Regelungen erlaubte Einreise der Asylsuchenden nach Deutschland und Österreich müsse eine Ausnahme bleiben. Zunächst gab jedoch die Bundesregierung nicht bekannt, wie lange die freie Einreise gewährt werden würde.

Der Münchner Hauptbahnhof entwickelte sich zur Drehscheibe, von der aus die Menschen auf Aufnahmeeinrichtungen und Notunterkünfte verteilt wurden. Die meisten Flüchtlinge reisten in regulären und in Sonderzügen über Österreich nach München. Polizeibeamte, Katastrophenhelfer und Freiwillige sorgten für eine reibungslosen Empfang. In München wurden die Hilfesuchenden direkt am Bahnhof oder in einer schnell hergerichteten Fabrikhalle in der Nähe mit Nahrungsmitteln sowie Kleidung versorgt, bevor es weiterging.

Applaus für die ankommenden Flüchtlinge in München

Applaus brandet auf, als am Samstagnachmittag Dutzende Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof aus einem Sonderzug steigen. Sie wirken erschöpft und erleichtert, lachen und winken den Passanten, die ihnen hinter einer Absperrung zujubeln. "Sie sind sehr nett hier", freut sich Said aus Syrien über den warmherzigen Empfang in Deutschland. In Ungarn, wo er die letzten Tage verbracht habe, sei es "sehr schlecht" gewesen: "kein Essen, keine Getränke, viele Probleme dort". Manche Menschen dort hätten die Flüchtlinge sehr schlecht behandelt.

"Es ist wirklich besser hier", sagt auch der junge Ahmed. Drei Tage habe er in Budapest am Bahnhof mit Tausenden anderen gewartet, ehe er endlich in einen der Sonderzüge in Richtung Österreich und Deutschland habe steigen können. Sein Ziel: Berlin. Dort leben schon Verwandte und Freunde. 23 Tage sei er mit sieben anderen Familienmitgliedern unterwegs gewesen, erzählt Ahmed, bis sie es von Syrien über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich endlich nach Deutschland geschafft hätten. "Es war gefährlich: das Meer, der Wald oder auch Tiere." Er sei froh, in Deutschland zu sein. Auf die Frage, wie er sich fühlt, sagt der junge Mann im gelben T-Shirt nur: "Wir sind wirklich müde." Sein zweieinhalbjähriger Cousin, der auf seinen Schultern sitzt, schläft fast.

Die Behörden verloren zwischenzeitlich den Überblick über das Ausmaß. Während es am Vormittag noch hieß, bis zu 10.000 Menschen würden erwartet, sprach der Regierungspräsident von Oberbayern, Christoph Hillenbrand, am späten Nachmittag von 7000 Flüchtlingen. Nach Angaben der Österreichischen Bahn sollen über Nacht keine Flüchtlingstransporte von der ungarischen Grenze nach Deutschland fahren. Am Sonntag würden die Fahrten wieder aufgenommen, sagte eine Sprecherin in Wien.

Flüchtlinge sollen auf alle Bundesländer verteilt werden

Eine Sprecherin der Regierung Oberbayern erklärte, Bund und Länder hätten sich darauf verständigt, die Asylsuchenden nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel zu verteilen, nach dem jedes Bundesland eine bestimmte Quote aufnehmen muss. Bereits am Samstag fuhr ein Sonderzug ohne Halt in München nach Saalfeld in Thüringen durch. Von dort aus sollten die bis zu 600 Reisenden in Unterkünfte in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen verteilt werden.

Auch in Österreich liefen die Bemühungen zur Betreuung der Hilfesuchenden auf Hochtouren. "6500 Flüchtlinge sind bereits in Österreich", erklärte Innenministerin Johanna Mikl-Leitner am Nachmittag. "Davon sind etwa 2200 auf dem Weg nach Deutschland. Der Rest wird jetzt versorgt gesundheitlich und mit Essen und Trinken." Sie rechnete damit, dass die meisten nach Deutschland oder Schweden weiterreisen wollten. Nur zehn Flüchtlinge hatten bis zum Mittag Asyl in Österreich beantragt.

In Ungarn hatten sich viele Flüchtlinge geweigert, sich registrieren zu lassen. Nach EU-Regeln ist eigentlich das Land für Neuankömmlinge zuständig, in dem sie zuerst den Boden der Gemeinschaft betreten. Die Regierung in Budapest wollte zunächst die Verpflichtungen erfüllen und die Flüchtlinge aufhalten. Mit der überraschenden Bereitstellung von Bussen gestand sie aber indirekt ein, die Kontrolle verloren zu haben. Die Behörden erklärten allerdings, der Transport mit Bussen zur Grenze sei eine einmalige Aktion gewesen.

Ungebremste Einreise soll Ausnahme bleiben

Auch der stellvertretende deutsche Regierungssprecher Georg Streiter erklärte, jetzt müssen den Menschen geholfen werden. Wie lange die Ausnahmeregelung gelten solle, sei noch nicht entschieden. Steinmeier sagte nach einem Treffen der EU-Außenminister in Luxemburg: "Die Hilfe in der gestrigen Notlage war verbunden mit der Mahnung, daraus keine Praxis für die nächsten Tage zu machen."

Die konservative Regierung in Budapest hat Deutschland für die chaotische Lage verantwortlich gemacht. Hintergrund ist die Zusage der Bundesrepublik, Syrer nicht in andere EU-Staaten zurückzuschicken. Auch deswegen wollen viele Flüchtlinge von Österreich aus weiterreisen. "Wir sind glücklich. Wir werden nach Deutschland gehen", sagte ein Syrer bei der Ankunft an der Grenze. Beim Fußmarsch auf der Autobahn hatten Flüchtlinge am Freitag Bilder von Kanzlerin Angela Merkel gezeigt.

Merkel will trotz Krise keine Schulden machen

Die Bundesregierung hat die Kritik zurückgewiesen und fordert eine verbindliche Quote zur Verteilung von Flüchtlingen in der EU. Eine Einigung ist wegen des Widerstandes vor allem osteuropäischer Länder aber nicht in Sicht. Bei einem Treffen in Luxemburg blieben die EU-Außenminister in dieser Frage zerstritten. Steinmeier forderte einen Sondergipfel Anfang Oktober. Die Bundesregierung will auch erreichen, alle Westbalkanstaaten als sichere Herkunftsländer einzustufen. Asylbewerber aus diesen Ländern werden zu fast 100 Prozent abgelehnt.

Deutschland nimmt in Europa mit Abstand die meisten Flüchtlinge auf. Die Bundesregierung erwartet in diesem Jahr nach eigenen Angaben 800.000 Neuankömmlinge. Manche Bundesländer gehen von einer Million aus. In vielen Gemeinden müssen Zeltlager errichtet oder Turnhallen umfunktioniert werden. Über die Krise berät am Sonntag große Koalition in Berlin. (Reuters)

Die Entwicklung des Samstag im Rückblick 

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