Terrorismus

IS-Rückkehrer – Die Gefahr aus Marokko und Tunesien

In der marokkanischen Küstenstadt Essaouira vereitelte die Polizei im Juni einen Anschlag auf das große Gnaoua-Musikfestival, das auch viele Touristen besuchen.

In der marokkanischen Küstenstadt Essaouira vereitelte die Polizei im Juni einen Anschlag auf das große Gnaoua-Musikfestival, das auch viele Touristen besuchen.

Foto: imago stock / imago stock&people

Tunis  Aus Marokko und Tunesien stammen – gemessen an der Bevölkerung – die meisten ausländischen Kämpfer der Terrormiliz „Islamischer Staat“.

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Die Polizei kam im Morgengrauen und nahm die vier Verdächtigen fest. Sie wollten sich offenbar bei dem Gnaoua-Musikfestival in Essaouira unter die Zuhörer mischen und viele mit in den Tod reißen. Jedes Jahr im Juni zieht das „Marokkanische Woodstock“ an der Altantikküste 300.000 Besucher an, ein Drittel aus Europa. Marokkos Terrorfahnder kamen dem Quartett auf die Schliche.

Neben Waffen und Elektronikbauteilen fanden die Beamten ein Manifest der „Provinz des Islamischen Staates im Maghreb al-Aqsa“, der historischen Bezeichnung von Marokko, in dem sie dem IS-Kalifen Abu Bakr al-Bagdadi ihre Gefolgschaft schworen und für Marokko den Dschihad ausriefen.

Marrokanische Fahnder hoben 40 Terrorzellen aus

Seit den blutigen Attentaten in Casablanca im Jahr 2003 mit 45 Toten und in Marrakesch 2011 mit 17 Toten haben Marokkos Sicherheitsdienste die heimische Extremistenszene gut im Griff. Das 2015 gegründete Zentralbüro für Justizuntersuchung, eine Art marokkanisches FBI, konnte nach eigenen Angaben ein halbes Dutzend Anschläge vereiteln, hob bisher 40 Terrorzellen aus, nahm rund 550 Verdächtige fest.

Auch gegen radikale Prediger gehen die Behörden vor. Und selbst König Mohammed VI. macht Front gegen fundamentalistisches Gedankengut. So ordnete er an, die Schulbücher „auf Inhalte zu überprüfen, welche zu Extremismus anstacheln könnten“.

Anschläge von Berlin und Nizza rückten Tunesien in den Fokus

Mit den Attentaten in Spanien und Finnland, an denen überwiegend Marokkaner beteiligt waren, rückt die Dschihadistenszene in Marokko jedoch wieder in den Fokus. Ähnlich erging es Tunesien, als die Lkw-Anschläge in Berlin und Nizza mit 98 Toten plötzlich das Extremismus-Problem in dem kleinen Mittelmeeranrainerstaat offenbarten. Aus diesen beiden Staaten stammen – gemessen an der Bevölkerungszahl – die meisten ausländischen Rekruten des „Islamischen Staates“.

Von Marokko zogen seit 2014 mindestens 1600 junge Leute in den Dschihad nach Syrien und Irak. Zählt man die IS-Kämpfer aus europäischen Nationen mit marokkanischen Wurzeln hinzu, liegt die Zahl eher bei 2500. Aus Tunesien kommen nach UN-Schätzungen 5000 Dschihadisten, von denen ein großer Teil in Libyen ist.

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Mit dem absehbaren Kollaps des „Islamischen Kalifats“ stehen beide Nationen nun vor dem gleichen Problem. 1100 Extremisten sollen zurückgekehrt sein – nach Marokko 300, nach Tunesien 800. Ihre Zahl könnte sich bald deutlich erhöhen. Doch längst nicht alle werden von der Polizei gefasst. Viele tauchen unter und bleiben so eine Gefahr – für das eigene Land und für Europa.

IS-Kollaps könnte Europa mehr Terrorgefahr bringen

Vor allem Frankreich, Deutschland, Spanien, Belgien und die Niederlande stehen im Visier von IS-Anhängern aus dem Maghreb. Laut spanischem Innenministerium nahm die Polizei seit 2015 insgesamt 180 „dschihadistische Terroristen“ fest, die meisten aus dem gegenüberliegenden Nordafrika.

Bei diesen fünf Attacken haben islamistische Terroristen Fahrzeuge als Waffe benutzt
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IS-Heimkehrer nach Nordafrika, die verhaftet und verurteilt werden, gehen in der Regel für zwei, drei Jahre ins Gefängnis. „Eine Betreuung nach der Entlassung gibt es nicht“, kritisiert Abdelwahab al-Rafiqi, ein ehemaliger radikaler Salafist, der sich nach einer langen Haftstrafe vom Extremismus lossagte und in Marokko den kleinen Thinktank Al-Mizan gründete. Er fordert vor allem Reha-Einrichtungen für Ex-Dschihadisten, wo sie Ansprechpartner und Hilfe finden: „Man muss den Dialog mit ihnen suchen.“

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