Interview

Jesiden enttäuscht über geringe Strafen für IS-Rückkehrer

IS-Frauen im von Kurden kontrollierten Flüchtlingslager al-Hol in Syrien.

IS-Frauen im von Kurden kontrollierten Flüchtlingslager al-Hol in Syrien.

Foto: Maya Alleruzzo / dpa

Der Zentralrat der Jesiden fordert konsequentere Ermittlungen gegen IS-Rückkehrer. Dazu müssten auch die Opfer besser eingebunden werden.

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Die religiöse Minderheit der Jesiden wurde von der Terrormiliz IS besonders brutal verfolgt. Tausende Jesiden wurden in der Zeit des Terrorkalifats zwischen 2014 und 2017 ermordet, Tausende jesidische Frauen entführt und als Sexsklavinnen missbraucht. Der Zentralrat der Jesiden in Deutschland (ZED) fordert engagiertere Ermittlungen gegen Islamisten, die aus den Kriegsgebieten im Irak und in Syrien zurückkehren oder die von der Türkei abgeschoben werden. Es sei „völlig unverständlich“, dass die in Deutschland lebenden jesidischen Opfer der Terror-Miliz nicht automatisch angehört und als Zeugen vernommen würden, sagte der Zentralratsvorsitzende Irfan Ortac im Gespräch mit unserer Redaktion. Außerdem kritisiert der ZED die geringen Strafen speziell gegen IS-Rückkehrerinnen.

Herr Ortac, die Türkei schiebt mutmaßliche IS-Mitglieder nach Deutschland ab. Haben Sie Verständnis dafür?

Irfan Ortac: Dass die Türkei mutmaßliche IS-Mitglieder abschiebt, ist konsequent. Sie muss sie nicht bei sich festhalten. Aber wenn diese Leute nach Deutschland abgeschoben werden, dann müssen sie hier auch wegen ihrer Mitgliedschaft im IS angeklagt werden.

Bislang werden insbesondere von den Rückkehrerinnen nur vergleichsweise wenige angeklagt. Wie empfinden die Jesiden in Deutschland das?

Ortac: Wir erwarten dass alle, die im Irak oder Syrien waren, angeklagt werden. Alle, die freiwillig dorthin gereist sind, haben das getan, um dort Straftaten zu begehen. Das sind Menschen, die sich mit der IS-Ideologie identifiziert haben. Um zu zeigen, dass sie keine feindlichen Agenten sind, mussten sie nach unseren Informationen Straftaten begehen, damit sie dort überhaupt leben konnten.

Deutsche Ermittler sagen, dass es oft schwer falle, den Betreffenden Straftaten nachzuweisen. Sie sagen, dass Sie Informationen haben. Werden die Jesiden in Deutschland in die Aufklärung der IS-Verbrechen eingebunden?

Ortac: Nein. Überhaupt nicht. Es leben in Deutschland Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen, die in der Gefangenschaft des IS waren. Dass diese Menschen nicht automatisch angehört und als Zeugen vernommen werden, ist für uns völlig unverständlich. Man weiß ja, wer diese Menschen sind und was sie erlitten haben. Im Rahmen ihres Asylantrags haben sie ja alle berichtet, dass sie Gefangene des IS waren.

Auch diejenigen Frauen, die angeklagt werden, kommen häufig mit relativ geringen Strafen davon. Wie wird das in der jesidischen Gemeinschaft wahrgenommen?

Ortac: Das enttäuscht uns maßlos. Das Verhalten der weiblichen IS-Mitglieder wird häufig romantisiert, als seien sie nur vor Ort gewesen, weil sie von Männern dazu verführt worden seien. Das ist nicht der Fall. Die jesidischen Gefangenen des IS berichten, dass vor allem die ausländischen IS-Kämpferinnen schlimmer waren als die Männer. Während bei anderen Terror-Organisationen kein Unterschied zwischen Frauen und Männern gemacht wird, werden die IS-Frauen mit Samthandschuhen angefasst.

Wie groß ist die Angst der Opfer vor ihren Peinigerinnen, also davor, dass sie ihnen in Deutschland auf der Straße begegnen könnten?

Ortac: Die Angst ist sehr groß. Es sind ja mittlerweile Hunderte dieser IS-Frauen zurückgekehrt. Wir werden häufig gefragt, was passieren wird, wenn diese Frauen das, was sie im Irak und Syrien gemacht haben, auch in Deutschland umsetzen wollen. Es gibt die individuellen Ängste der Opfer, aber auch eine kollektive Angst der jesidischen Gemeinschaft, dass diese Terroristen ihre Ideologie nicht abgelegt haben, sondern sie hier in Deutschland in die Tat umsetzen wollen.

Was soll also konkret geschehen?

Ortac: Auch um die Sicherheit in Deutschland zu gewährleisten, müssten Jesiden kontaktiert werden. Sie müssten angehört werden, ihnen müssten Bilder vorgelegt werden, damit sie Menschen identifizieren können, die sie möglicherweise gepeinigt haben.

Die syrischen Kurden fordern, dass Deutschland die von ihnen gefangen genommenen IS-Angehörigen zurücknimmt. Unterstützen Sie diese Forderung?

Ortac: Ja, selbstverständlich. Das ist ja eine berechtigte Forderung. Deutschland hat die Verantwortung, auch Staatsbürger anzuklagen, die im Ausland Straftaten begangen haben. Deutschland kann sich nicht aus der Verantwortung stehlen und so tun, als hätte es mit diesem Krieg nichts zu tun. Deutschland muss diese Leute zurückholen und wegen Kriegsverbrechen, Mord und anderen Straftaten anklagen.

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