Internationale Politik

Klaus Scharioth: Trump hat Lügen gesellschaftsfähig gemacht

Klaus Scharioth war deutscher Botschafter in Washington.

Foto: Matthias Graben

Klaus Scharioth war deutscher Botschafter in Washington. Foto: Matthias Graben

Essen.   Ex-Botschafter Klaus Scharioth aus Essen sieht Europa und die USA in einer schwierigen Krise, setzt aber auf die Kraft der Diplomatie.

Der versierte US-Kenner und frühere deutsche Botschafter in den USA, Klaus Scharioth, sieht das europäisch-amerikanische Verhältnis in einer der „schwierigsten Krisen“ seit 60 Jahren. „Donald Trump ist die Europäische Union ein Dorn im Auge. Da Deutschland gerade für die EU steht, ist die Lage für uns besonders ernst“, sagte der 71-Jährige kürzlich am Rande seines Vortrags bei der Stiftung Mercator in Essen.

Scharioth sprach über das schwierige Verhältnis zwischen Europa und den USA. Der gebürtige Essener setzt große Hoffnung in die Diplomaten auf beiden Seiten. Sie könnten den Weg bereiten für eine Verständigung der entfremdeten Länder. Der Rektor des „Mercator Kollegs für internationale Aufgaben“ plädiert für eine Stärkung Europas im Bündnis mit den USA. Er schlägt eine Dreifachstrategie vor: Europa müsse die derzeitige US-Regierung von dem Wert internationaler Organisationen wie der Welthandelsorganisation, der Nato oder der EU für die USA überzeugen. Gleichzeitig müsse öffentlich darüber gesprochen werden, an welchen Stellen Trump „die Fakten verdreht“. Und nicht zuletzt müsse Europa seine gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik ausbauen.

US-Präsident ohne Visionen

Nachdem sich einige EU-Staaten stärker nationalistisch ausrichten, sieht Scharioth auch ein vereintes Europa bedroht. Eine Kernrolle schreibt er Deutschland und Frankreich zu, die „versuchen müssen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen und Europa neuen Schwung zu verleihen“. Mit Blick auf die USA zeigt er Wege auf, wie trotz angespanntem Verhältnis zum amtierenden Präsidenten eine Zusammenarbeit mit dem Land zustande kommen kann. Sein Vertrauen gelte der deutschen Botschaft in Washington. Diese versuche ganz bewusst, mit den Einzelstaaten und den Kommunen in den USA Kontakt zu schließen. „Das tut man immer, vor allem wenn es etwas harzig läuft mit der Regierung in Washington“, erklärt er.

Mit Donald Trump geht der frühere Diplomat hart ins Gericht. „Ich sehe keine wirkliche Vision von Donald Trump.“ Einzig die Motivation, „alles das zu zerstören, was Obama aufgebaut hat“, attestiert er dem US-Präsidenten. Außer der Steuerreform, der Abschottung der Vereinigten Staaten vor Fremden und der Schwächung des Multilateralismus habe er letztlich kein Programm. „Sein Programm ist es, ein gutes Bild in den Medien abzugeben und wiedergewählt zu werden“, so Scharioth. Im Umgang mit den Medien sei Donald Trump „Weltspitze“. Mit seinen Tweets beeinflusse er den gesamten Nachrichtenzyklus in den USA. Dass im Zusammenhang mit der medialen Berichterstattung immer wieder von „Fake News“ die Rede ist, darin sieht der ehemalige Botschafter eine „historische Leistung“ des US-Präsidenten. „Trump hat die Lüge gesellschaftsfähig gemacht.“

Trotz aller Kritik würde Scharioth nach siebenjähriger Pause sofort wieder als Diplomat in die USA gehen. Gerade in der aktuell angespannten Lage sei es eine wesentliche und zugleich reizvolle Aufgabe, Brücken zu bauen.

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