Schuleingangsuntersuchung

Ärztemangel im Gesundheitsamt betrifft auch Erstklässler

Der sechsjährige Emil wird von Nina Plümpe zur Einschulung untersucht.

Der sechsjährige Emil wird von Nina Plümpe zur Einschulung untersucht.

Foto: Ralf Rottmann / Funke Foto Service

Ruhrgebiet.  Im August stehen in NRW wieder Einschulungen an. Vorher müssen alle Kinder untersucht werden. Das wird aber knapp, sagen die Gesundheitsämter.

„Kannst du es hören, dein Herz?“, fragt Nina Plümpe und hält Emil das Stethoskop an seine Brust. Der Sechsjährige bekommt große Augen, nickt und tippt mit dem Finger den Takt seines Herzens auf die Tischplatte. Die Ärztin ist offensichtlich hochzufrieden: Emil hüpft auf seinem linken Bein, schaut sich beim Sehtest ganz genau die kleinen Pfeile an und malt ein Männchen „mit den gröööößten Füßen der Welt.“

Eingangsuntersuchungen bis Schulbeginn nicht machbar

Emil ist gerade im Gesundheitsamt in Essen, Nina Plümpe untersucht den Sechsjährigen und versucht in verschiedenen Tests herauszufinden, ob Emil altersgerecht entwickelt und bereit für den Schulalltag ist. „Das kostet uns sehr viel Zeit“, weiß die Kinderärztin. Zeit, die die Amtsärzte in vielen Gesundheitsämtern gar nicht haben: Das Bochumer Gesundheitsamt hat im Mai diesen Jahres Alarm geschlagen: Bis zum Schulbeginn alle Eingangsuntersuchungen durchzuführen, sei nicht zu schaffen, hieß es. Inzwischen aber hat der Bochumer Amtsleiter Ralf Winter Entwarnung gegeben: „Wir können nun wohl doch alle Kinder rechtzeitig untersuchen.“ Das sei allerdings nur möglich, „weil die zuständigen Kollegen wirklich reingeklotzt haben“, ist Winter sich sicher. Derzeit stehen noch rund 500 von knapp 3000 Untersuchungen aus.

Schlechte Bezahlung ist Grund für das bundesweite Problem

Die Probleme aber bleiben die gleichen: „Uns fehlen einfach die Ärzte, um die Tests zu machen.“ Wie in fast allen Bundesländern ist die ärztliche Untersuchung aller Erstklässler in NRW gesetzlich vorgeschrieben. Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte im öffentlichen Dienst, warnt: „Dass es zu wenige Ärzte in den Gesundheitsämtern gibt, ist ein bundesweites Problem.“ Der Grund: Amtsärzte bekommen 1000 bis 1500 Euro weniger im Monat als Klinikärzte. Das ist Folge eines Tarifwechsels vor 13 Jahren. Seitdem klaffe die Gehalts-Schere zwischen Ärzten im öffentlichen Dienst und jenen im Krankenhaus immer weiter auseinander, sagt Teichert.

Aufwand für Untersuchung hat sich deutlich erhöht

Auch in anderen Städten gibt es dieses Problem. Viele Gesundheitsämter melden, dass sie alle Kinder zwar noch rechtzeitig untersuchen könnten, doch „der Aufwand für die Untersuchungen ist stark angestiegen, es wird immer knapper“, weiß zum Beispiel Jasmin Trilling, Sprecherin der Stadt Essen. Hier müssen spätestens bis zum Schulbeginn am 28. August deutlich über 5000 Kinder untersucht werden.

Anamnese, Seh- und Hörtest und ein ausführliches Gespräch mit den Eltern sind nur einige Aspekte, die im Rahmen der Untersuchung durchgeführt werden. „Die Sprachprobleme sind in den letzten Jahren immer größer geworden, und die verfeinerte Diagnostik kostet uns Zeit“, sucht Amtsleiter Rainer Kundt nach Gründen für den erhöhten Aufwand. Insgesamt müsse sich der Amtsarzt rund 20 Minuten Zeit pro Kind nehmen. Er stellt klar: „Wir kompensieren das mit einer Menge Überstunden.“

Prognose: Ärztemangel wird noch größer werden

Ähnlich sieht es in Bottrop aus. Und auch Gelsenkirchen kennt die Engpässe. Stadtsprecher Martin Schulmann weiß, dass hier 2507 Kinder bis zum Schulbeginn im August untersucht werden müssen. „Die Kollegen sind derzeit sehr im Stress“, sagt Schulmann. „Uns fehlt gerade ein Amtsarzt, aber Kollegen aus anderen Bereichen springen für die Untersuchungen ein.“ So würden es die Ärzte auch in diesem Jahr schaffen, alle Erstklässler noch rechtzeitig vor Schulbeginn zu untersuchen.

Das Problem wird sich nach Ansicht von Experten in Zukunft weiter zuspitzen. Dies zeigt die Entwicklung in anderen Bundesländern. Ute Teichert: „In Thüringen hat seit Ende letzten Jahres das erste Gesundheitsamt gar keinen Arzt mehr.“ In den nächsten fünf bis zehn Jahren gehe die Hälfte aller Amtsärzte in Rente. „Wir haben das eigentliche Problem also erst noch vor uns“, ist Teichert sich sicher. Die Lösung aus Sicht der Verbandschefin: bessere Bezahlung für die Amtsärzte.

Expertin fordert bessere Bezahlung für Amtsärzte

Der sechsjährige Emil ist derweil schon entlassen: Der Hörtest ist bestanden, die Bilder sind gemalt und balancieren kann der Junge auch. Nina Plümpe nimmt seine Hand und drückt ihm einen Stempel auf den Handrücken. „Ein Muckimann-Stempel“, erklärt sie lachen. Denn Emil hat alle Aufgaben super gemeistert und ist fit für die Schule. „Und selbst wenn du dann mal einen Fehler machst, dann ist das absolut okay“, beruhigt die Medizinerin den Sechsjährigen. Ob Emil vor dem Test denn aufgeregt war? „Nö“, sagt er grinsend und schaut auf den Muckimann auf seiner Hand. „Das mach ich doch ganz locker.“

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